Bauers Depeschen


Dienstag, 25. Oktober 2011, 806. Depesche



LETZTE LADUNG

Noch ist nicht aller Tage Abend: Flaneursalon am kommenden Sonntag, 19 Uhr, in der Andreaskirche zu Obertürkheim.

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DIE STN-KOLUMNE von diesem Donnerstag wandert im Lauf des Tages STN ONLINE



DIE LAGE

So ein Straßenbahn- und Busstreik ist eine Bagatelle, wenn wir erst mal zwanzig Minuten schneller in Ulm sind.



SOUNDTRACK DES TAGES



Hier die Kolumne aus der StN-Ausgabe von diesem Dienstag:



SUGAR BABY

Neulich ist mir im Treppenhaus eines Geschäftshauses am Karlsplatz ein Mann begegnet, der mir bekannt vorkam. Er war drahtig und rüstig, und erst dachte ich, ich hätte ihn bei Kieser, dem Fitnessstudio für Hausfrauen und Spartaner, gesehen. Um nicht unhöflich zu wirken, wünschte ich ihm einen "Guten Tag", und als der Mann zurückgrüßte, sah ich, wer er war.

Womöglich trainiert er gar nicht bei Kieser. Es war Herr Kraus, der Sänger. Noch auf der Treppe fiel mir der Spruch ein, der meinem Lehrer früher zur Behebung von Verkehrsproblemen diente: „Weiche rechts Herrn Müller aus, überhole links Herrn Kraus.“ Da aber war Herr Kraus schon wieder weg, und ich summte „Sugar Baby“, ohne dass es der Sänger hören konnte.

Im Grunde müsste ich Peter Kraus nicht kennen. Als er den Rock’n’Roll-Schlager "Sugar Baby" sang, steckte ich gerade in der analen Heavy-Metal-Phase. Ich war vier. Als ich vier war, muss in Deutschland die Meinung geherrscht haben, Elvis Presley habe Peter Kraus beeinflusst. Viel später hat mich mein Kollege Herr Holwein über diesen Irrtum aufgeklärt: "Elvis Presley führte das Glucksen in den Gesang ein, es passiert in der Glottis (Stimmritze); Peter Kraus, die deutsche Elvis-Kopie, machte daraus einen Schluckauf."

Eines Tages hat Herbert Grönemeyer diese Technik weiterentwickelt, so entstand der Schnappatmungs-Gesang.

Eigentlich wollte ich davon heute nicht berichten. Vielmehr davon, warum mir die Begegnung mit Peter Kraus die Augen öffnete, dass es Weihnachten wird. Wenn du einen Mann triffst, der vor einem halben Jahrhundert 600 000 Singles von "Sugar Baby" verkauft hat, bedeutet das Einsamkeit. Dann steht der Winter vor der Tür. Diese These stützt sich auf den Kreislauf des Lebens und bestätigt sich, weil ich kurz nach dem Treffen mit Herrn Kraus im Supermarkt die neue "Winterkreation" von Ritter Sport entdeckte. Die Weihnachtsdroge. Umgehend kaufte ich mir Schokolade der Sorten „Gebrannte Mandeln“ und "Vanillekipferl". Ich bin überzeugt, dass Vanillekipferl die Glottis so sehr erregen, dass man damit gut "Sugar Baby" singt, sofern man im Rock’n’-Roller-Hals auf verbrannte Mandeln setzt.

Die gedankliche Verbindung von Peter Kraus zu Vanillekipferl würden Psychologen eine "aufgelockerte Assoziation" nennen, einen krankhaften Denkfehler (auch als Sprung in der Schüssel bekannt). Psychologen sind überschätzt. Sie wissen nicht, dass Vanillekipferl und Peter Kraus ein Thema sind, weil Vanillekipferl mit der Süße von Sugar Baby nicht nur konkurrieren, sondern sie im Ernstfall, etwa bei der Steuerung des Fortpflanzungstriebs, sogar übertrumpfen können. Ich weiß das, weil ich nach der analen Heavy-Metal-Phase inzwischen die orale Postpunk-Phase erreicht habe, auch wenn das sexualwissenschaftlich nicht schlüssig erscheint.

Zwar hätte ich alles, was ich Ihnen bisher an dieser Stelle erzählt habe, in einem Satz zusammenfassen können. Dann aber hätten Sie nie erfahren, dass mir im Herbst 2011 der berühmte Herr Kraus im Treppenhaus begegnet ist. Keine Frage, diese Kolumne hätte man auf die Zeilen reduzieren können: "Wir erleben 2011 einen beispiellosen erotischen Herbst, einen prächtig ausgeleuchteten und eingefärbten Altweibersommer. Diese Tatsache aber, Sugar Baby, sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Scheißwinter vor der Tür steht. Wie sonst kommen die verdammten Vanillekipferl in das verfickte Kalorienregal?"

Diese Ausdrucksweise entspringt meiner oralen Postpunk-Phase, in die ich immer dann verfalle, wenn Wahlen anstehen. In vier Wochen, wenn ich zur Volksabstimmung gehe, ist es Ende November, das ist das Ende des heiligen Todesmonats. Und jetzt, Sugar Baby, plagt mich wieder ein Gedankensprung. Könnte davon herrühren, dass man es einst im November bei einem Volkstrauertag bewenden ließ – und nicht kurz darauf die Kipferl der Demokratie bei einer niederträchtig geregelten Volksabstimmung zu Grabe trug.

Dies wird der Winter der gebrannten Kinder, Sugar Baby. Denk daran, wenn wir uns im Treppenhaus begegnen.



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