Bauers Depeschen


Samstag, 01. Oktober 2011, 797. Depesche



DAS WUNDER: TSG Hoffenheim - Stuttgarter Kickers 0:1



SOUNDTRACK DES TAGES*



REDE IM PARK, FLANEURSALON IN DER KIRCHE

Bevor ich für einige Tage die Stadt verlasse, hier der Texte meiner Demo-Rede zum 30. 9. am Freitagabend im Park - und ein paar Sätze zu unserer nächsten Lieder- und Geschichtenshow, wie immer mit der Bitte um wohlwollende Unterstützung:



FLANEURSALON

Unsere letzte und größte Stuttgart-Veranstaltung in diesem Jahr steht bevor: Am Sonntag, 30. Oktober, gastieren wir auf Einladung erstmals in der Andreaskirche von Obertürkheim. Dieses Haus – es ist durch seine Reihe „Nachtschicht“ bekannt - bietet Platz für fast 400 Besucher, und an diesem Tag sind wir in der heiligen Pflicht.

Stargast im Flaneursalon ist VINCENT KLINK, der Meisterkoch wird eigene Texte vortragen und - begleitet von seinem Klavier-Virtuosen PATRICK BEBELAAR - Basstrompete spielen. STEFAN HISS ist diesmal mit seinem Trio LOS SANTOS dabei, DACIA BRIDGES spielt ebenfalls im Trio, und unverzichtbar im Gotteshaus ist The Master of the Universe MICHAEL GAEDT.

Wir freuen uns auf die Atmosphäre und Akustik der Andreaskirche, schön wäre, eine stattliche Besuchertruppe pilgerte mit uns zum Altar. Es gibt nach dem Papstbesuch viel zu beichten, zu sühnen und zu beten. Das Opfer an der Eintrittskasse hält sich in Grenzen. Der Vorverkauf für den Abend (Beginn 19 Uhr) ist inzwischen angelaufen, alles Nähere findet man auf dieser Seite beim Klick auf TERMINE.



REDE ZUM SCHWARZEN DONNERSTAG

Hier der Text meiner Rede im Park bei der gestrigen Kundgebung zum 1. Jahrestag des Schwarzen Donnerstags, dem Wasserwerfer-Angriff der Polizei auf die Demonstranten gegen Stuttgart 21 am 30. 9. 2010 im Schlossgarten:



GUTEN ABEND IM SCHLOSSGARTEN,

willkommen verehrte Park- und Nachtwächter. - Sie sieht gut aus, diese Nacht. - Es ist mir eine Ehre, heute hier als Redner eines schwarzen Jubiläums zu stehen, allerdings – meine Damen und Herren – habe ich ein Problem. Aus Neugierde und auch aus etwas Unsicherheit habe ich mich in den vergangenen Tag immer wieder mal bei zuverlässigen nebenberuflichen Demonstranten nach der Lage erkundigt, und die meisten hatten eine ähnlich ernüchternde Botschaft: Sie sagten: Was gibt es bei Demos denn noch zu sagen? Alles ist doch tausendfach gesagt.

Gut, habe ich gedacht, alles ist tausendfach gesagt, dann ist der 30. 9. ein Fall von Tausend UND eine Nacht.

Auch nach Hunderten von Reden über Stuttgart 21 wird immer eine weitere möglich und vor allem nötig sein, um uns und diese Stadt wach zu halten. Heute sind es Worte zum 30. 9., zum Schwarzen Donnerstag.

Die Kundgebungen gegen Stuttgart 21 haben im Prinzip einen einfachen Charakter: Es gibt Worte und Musik, oft auch beides gleichzeitig, was nicht immer zum besseren Verständnis beiträgt. Manchmal sind neben Musik und Worten auch Bilder im Angebot - viel mehr aber, verehrtes Publikum, hat der friedfertige Mensch grundsätzlich nicht zu bieten, wenn er anderen Menschen unter freiem Himmel etwas mitteilen will – es sei denn, er löst sein Kommunikationsproblem mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Wasserwerfern.

Bleiben wir lieber bei der Musik, wir hören heute Abend sehr schöne Stücke von Klassik bis Pop. In einem Aufsatz der Münchner Ingenieurin und Professorin für Stadtplanung, Sophie Wolfrum, habe ich gelesen, es sei äußerst hilfreich, die Komposition eines bebauten Raumes mit der Komposition eines Musikstücks zu vergleichen. Das hat mich interessiert, weil wir auf diese Arte der Sache näher kommen, warum im Park so oft Musik gemacht wird. Dabei erfuhr ich Folgendes: So wie Musik nicht nur aus Noten, sondern auch aus Pausen besteht, zeichnet sich eine Stadt nicht nur durch Beton- und Glasgebäude, sondern durch unbebaute, freie Räume aus. Das bedeutet: Der sinnvoll angelegte Raum zwischen den Gebäuden ist genauso wichtig wie die effektiv gesetzte Pause zwischen den Noten.

(Das gilt natürlich auch für Reden, aber Pausen kann ich mir nicht leisten, sonst tritt mich der Regisseur ins Kreuz.)

Meine Damen und Herren, der gut und richtig angelegten Raum zwischen den Gebäuden, der offenbart sich uns heute Abend, wir entwickeln im Hier und jetzt ein Gespür für ihn, so wie wir die richtige gesetzten Pausen der Musik spüren. Wir feiern und ehren diesen Park. Der Erfolg einer Demonstration hängt davon ab, ob der Sound stimmt, der Sound der Sprache und der Sound der Musik – dann kommt keiner auf die Idee, gedanklich ins nächste Baumhaus zu flüchten.

Was passiert, wenn man diese Regeln verletzt, erleben wir, wenn der Oberbürgermeister das Volksfest eröffnet. Im Bierzelt macht er ohne Pause Witze wie diesen: Freibier und Gratis-Göckele statt Volksabstimmung.

Das ist peinlich für eine Stadt, in der Loriot zur Schule gegangen ist.

Der Schlossgarten, meine Damen und Herren, war jahrhundertelang eine schöpferische Pause innerhalb der urbanen Stuttgart-Komposition. Er war und ist Freifläche und Rückzugsort für die Menschen. Inzwischen aber hat er seine Unschuld verloren, er ist in Gefahr - und für seine drohende Inbesitznahme haben bei Gott nicht die Zelt-Bewohner Schuld. Die Menschen, die hier in Zelten wohnen, Menschen, die die meisten von uns nicht kennen, vermitteln und nicht anderes als ein Bild davon, dass sich diese Stadt verändert hat und weiter verändern wird.

Wer sich über ein Camp im Park aufregt, soll das tun. Ahnungslose regen sich permanent über Dinge auf, die ihnen fremd sind, von denen sie nichts wissen, die sie deshalb allein auf der Grundlage ihres schlechten Geschmacks beurteilen. Freiräume wie der Schlossgarten sind Stadtzeichen der Identität und des Wohlbefindens, die Symbole der Lebensqualität – und diese Oasen bringen uns historische Zusammenhänge näher. Öffnet sich einem die Geschichte des Parks, erfährt man etwas über das Leben in der Stadt. Dieses Leben lassen wir uns nicht kaputt machen.

Von den historischen Zusammenhängen einer Stadt entfernen wir uns zwangsläufig, wenn man die Psychologie von Orten ignoriert. Wenn es Baumanager und Politiker nicht begreifen, dass ein zentraler Park als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart steht – und deshalb für die sinnvolle Planung der Zukunft in Ruhe gelassen werden muss.

Man muss die Psychologie von Orten respektieren. In der Architektur einer Stadt muss man die Verbindungen zu den Menschen bewahren, nämlich zu den Menschen die, wie der Künstler Joseph Kosuth sagt, vor uns dagewesen sind. Das gilt für einen Bahnhof von der Bedeutung des Paul-Bonatz-Baus, da gilt für einen Park, für ein Mineralbad oder auch ein Stück Architektur-Historie wie das heruntergekommene Leonhardsviertel.

Für diese Dinge aber gibt es keine Sensibilität. Was ist das für ein Geist, wenn der neue Bauleiter von Stuttgart 21 öffentlich erklärt: „Ein Projektmanager baut, was ihm vor die Flinte kommt.“ Ich muss Ihnen nicht sagen, welche Möglichkeiten es gibt, etwas zu bauen.

Nun bin ich weder Architekt noch Landschaftsarchitekt, habe also keine Ahnung und höre die Stimmen derer, die Bewahrung als Stillstand verhöhnen. Selbstverständlich meinen sie nicht einen kulturellen Stillstand. Sie sprechen von der Wirtschaft, und davon verstehen die Bahn-, die Bau- und sonstigen Manager ja eine Menge, wie man es gerade im uns nicht so fernen Europa beobachten kann. „Der Spiegel“ nennt das Euro-Desaster eine „Geldbombe“. Die Geldbombe aber spielt keine Rolle, wenn man wie in Stuttgart über Milliarden spricht, als ginge es bei fünf oder zehn Milliarden nicht etwa um 5000 oder 10 000 Millionen Euro Steuergelder für ein Immobiliengeschäft, sondern um einen Zuschuss für den Reiseservice der Deutschen Bahn.

Meine Damen und Herren, was haben wir vom 30. September 2010 gelernt? Nicht nur die Lektion über die Methoden der Politiker, ihre Macht zu demonstrieren. Der 30. 9. ist noch lange nicht aufgearbeitet, weder politisch noch juristisch, und es ist nicht meine Aufgabe, Klage zu führen.

Vielmehr möchte ich darauf hinweisen, dass in viele Menschen eine neues Bewusstsein erwacht ist für die Orte und Plätze in der Stadt, für die Bedeutung der Lebensräume – und wie man mit diesen Stadträumen umgeht, wenn sich keiner wehrt. Der Park ist ein sinnlicher Ort, auch wenn die Fortschritts-Abteilung solche Begriffe als Pathos belächelt, so wie sie jeden Hinweis auf Geschichte als Nostalgie verspottet.

Meine Damen und Herren, wie sind im Park, und jetzt kommen Erinnerungen hoch, was hier vor einem Jahr gelaufen ist. Ich habe selbst einiges mitgekriegt, habe aber nicht vor, die Geschichte neu zu erzählen. Nur eine Anekdote, weil sie wiederum mit Musik zu tun hat.

Wie Sie alle wissen, gastierte am Abend nach dem 30. 9. der Musiker Leonard Cohen in der Schleyer-Halle. Sie erinnern sich, wie er in seinem Konzert den Menschen im Park Mut zugesprochen hat, ihre Bäume zu schützen, wie er ihnen einen Song gewidmet hat, der Song heißt „Anthem“. Vor dem Konzert wohnten Leonard Cohen uns seine Band im Hotel Le Merdien, und als sie am 30. 9. nichtsahnend zum Schlossgarten gingen, fragte einer der Musiker die Begleiterin von der Konzertagentur erschrocken:

Jesus, was machen die vielen Militärs in eurem Park – habt ihr schon wieder Krieg in Deutschland?

Es war kein Krieg, meine Damen und Herren. Es war ein Angriff auf die Demonstranten, es ging darum, den Rhythmus einer demokratischen Bewegung zu zerstören.

Sie erinnern sich an meine Anfangsworte über die Parallelen von Stadt und Musik, von Architektur und Komposition: Der Übergriff vom 30. 9. geschah mitten in einer der wichtigsten Pausen der urbanen Komposition namens Stuttgart. Seit diesem Tag beschäftigt mehr Bürger denn je die alles entscheidende Frage: Wem, eigentlich, gehört dieses Stuttgart?

Meine Damen und Herren, die letzte Strophe dieses Liedes ist noch nicht gesungen.

Machen Sie sich einen harmonischen Abend im Park, denken Sie an die Kraft der Pausen, vergessen Sie nicht die letzten Zeilen aus einem Song von Leonard Cohen:

Oh, like a bird on the wire

Like a drunk in a midnight choir

I have tried in my way to be free...

(*Danach sang Dacia Bridges „Bird On The Wire“)



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