Bauers Depeschen


Dienstag, 16. August 2011, 772. Depesche



SOUNDTRACK DES TAGES



DIE SHOW ZUM STREIK

An diesem Mittwoch, 17. August, gibt es die 3. Aktions-Show zum Zeitungsstreik, und zwar um 17.30 Uhr auf dem Schlossplatz. Es spielen die famosen Flaneursalon-Musikanten Stefan Hiss und Dacia Bridges (mit Alex Scholpp) - Willi der Trommler schlägt den Rhythmus zum nächsten Gefecht. Es sprechen der Theaterhaus-Chef und erfahrene TV-Mann Werner Schretzmeier sowie der kampfredenerprobte Bernd Riexinger von Verdi. Als special guest kommt der Poetry-Artist Tobias Borke (unsereins ist auch dabei). - An diesem Mittwoch verhandeln wieder Verlegerverband und Gewerkschaften, und es zeichnet sich ab, dass die Streikbewegung in der Republik so stark sein wird wie nie. Entsprechend spielen wir in Stuttgart die Begleitmusik. - Der unten stehende Text ist in unserer neuen "Streikzeitung" zu lesen; am Mittwoch wird sie auf dem Schlossplatz verteilt. Siehe auch STREIKBLOG 0711



DER GEMÜSELADEN

Versuch einer kleinen Selbstkritik

Von Joe Bauer



Als ich diese Zeilen schreibe, liegen mehr als dreißig Tage Streik hinter uns. Dieser Arbeitskampf ist keine Ensuite-Veranstaltung, gestreikt wurde häppchenweise. Keiner von uns hat je zuvor über einen so langen Zeitraum gestreikt, auch nicht die alten Säcke wie ich. Dieser Streik für gerechte Arbeitsbedingungen ist eine Lebenserfahrung, und nicht immer eine gute.

Oft hört man Kollegen klagen, sie hätten Probleme, die Sache durchzustehen. Manche sagen, sie müssten zwischendurch wieder regulär arbeiten, um „Luft zu holen“. Das bedeutet: Sie erholen sich bei ihrer gewohnten Arbeit vom ungewohnten Streik.

Es steht mir nicht zu, die Psychologie der Menschen zu beurteilen, ich verstehe auch nicht viel von der Psychologie des Streiks, weiß nur, was ich gelesen habe, was mir der eine oder andere Gewerkschafter von den Streiks in anderen Branchen erzählt hat. Das Gefährlichste am Streiken ist für mich das Nichtstun. Allerdings kenne ich wenig gute Gründe, während eines Streiks nichts zu tun. Es gäbe für jeden einen Haufen Arbeit im Arbeitskampf. Es wäre gut, das Streiken als Job zu betrachten, als einen Job, den man erledigen muss, bevor sich die Dinge nach den Vorstellungen der anderen Seite erledigen.

In Stuttgart haben wir bisher versucht, uns mit einer gesunden Portion Aktionismus eine Art Tagesstruktur zu geben, uns Aufgaben zu stellen, die der Sache und dem Lebensrhythmus dienen. Wenn es darum geht, „raus zu gehen“, wie man sagt, war die Solidarität bisher gut. Wenn es darum geht, aktiv zu werden, Öffentlichkeitsarbeit zu machen, die Leute zu powern, gibt es für viele noch Luft nach oben.

Logischerweise birgt ein Job, sofern er mit Publikum (Leserinnen und Lesern) gemacht wird, Eitelkeit und Egoismus. Diese Eigenschaften bewerte ich nicht, meine Nase ist nicht so kurz, als dass ich sie nicht selbst zu fassen kriegen würde. Eins aber habe ich während des Streiks gelernt: Man hat in unseren Kreisen nicht immer ein Bewusstsein dafür, welche Rolle man als Arbeitnehmer in Wahrheit einnimmt. Und wir kümmern uns zu wenig darum, mit welchen Problemen die noch Schwächeren in der Hierarchie, etwa die freien Mitarbeiter (auch Fotografen), sich herumschlagen.

Überhaupt scheint mir der Streik ein guter Anlass zu sein für Selbstkritik. Journalismus ist ein weites Feld, und dieses Feld ist verdammt weiter denn je, seit es das Netz gibt. Allerdings krankt der Tageszeitungsjournalismus nicht nur an Dingen, die dem Internet zuzuschreiben sind. Wir haben unser Kerngeschäft, den Lokaljournalismus (damit meine ich nicht den Lokal-TEIL), oft und zu lange vernachlässigt oder falsch gemacht. Wir haben zuletzt nicht einmal die zeitgenössischen Trends zur Regionalisierung begriffen. Jedes gut geführte Gasthaus, jeder gut geführte Gemüseladen ist uns voraus. Wenn einer sagt, Gemüseladen hätten nichts mit Journalismus zu tun, dann weiß er nicht besonders viel von seinem Geschäft. Erstens haben wir wie jeder Gemüsehändler die Aufgabe, einem hungrigen Publikum guten Stoff zu servieren. Zweitens sollte eine ordentliche Regionalzeitung nach den Regeln eines guten Gemüseladens bestückt sein – die Produkte frisch und schmackhaft, vor allem gut verdaulich, gelegentlich für die Kunden ein Genuss.

Wir haben uns zu weit vom regionalen Gemüseladen entfernt, die Menschen und ihre Lebensräume außer acht gelassen, kulturelle Alltagsentwicklungen verschlafen oder ignoriert. An die Stelle der Neugierde ist das „Konzept“ getreten: eine Marketing-Erfindung, Scheinmanöver für wichtig zu erklären.

Viele Verlage haben versucht, fehlende Qualität, fehlende Substanz, kurzum: schlechte Inhalte, mit Design- und Verpackungs-Spielereien wettzumachen. Dahinter steckt die Betriebsfremdheit der Manager und solcher, die es gern wären. Auch der kleine Journalismus taugt nur etwas, wenn wir uns auf unser Herzstück besinnen: auf das Handwerk des Geschichtenerzählens, das Handwerk des Schreibens, auf die kleine Dramaturgie des Textes. Ich weiß, was jetzt kommt: Dafür ist keine Zeit mehr! Stress! Aber wofür ist dann Zeit? Für Hamsterrad-Tempo und Online-Geballer, worüber jeder gute Blogger längst lacht?

Es gibt genügend politische Gründe, für den Qualitätsjournalismus zu kämpfen. Und es ist keine Frage, dass gute Arbeit gut bezahlt werden muss. Aber wir, die Journalisten, sollten uns schleunigst klar machen, was gute Arbeit bedeutet. Gute Arbeit ist, wenn wir lernen, uns für unser Publikums zu interessieren und es ernst zu nehmen.

Meine Litanei hat einen simplen Grund: Ein gutes Ziel stärkt die Kampfmoral. Mein Weg zum Ziel führt über den eigenen Arsch. Ich muss ihn mal wieder treten, um meine journalistische Neugier neu zu wecken.

KOMMENTARE SCHREIBEN: LESERSALON



KOLUMNEN aus der Streikpause stehen StN ONLINE.



NÄCHSTER FLANEURSALON

Ich darf einen intimen Abend in der Reihe unserer Lieder- und Geschichtenshow ankündigen. Am Mittwoch, 28. September (20 Uhr), treten wir in der Rosenau mit vergleichsweise kleiner Besetzung an: der Flaneursalon erstmals in einer Rosenau-Show mit dem Songschreiber/Sänger/Saitenvirtuosen/Fußtrommler Zam Helga und der amerikanischen Sängerin Dacia Bridges. Könnte eine schöne Sache werden. Vorverkauf: ROSENAU



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