Bauers Depeschen


Dienstag, 09. August 2011, 768. Depesche



SOUNDTRACK DES TAGES



Wiederverwertet:

PRIMA KLIMA

Es ist ein sonniger Morgen in den letzten Tagen der Sonne, als ich in meiner elektronischen Privatpost die Aufforderung finde, ein Seelen-Seminar zu besuchen: "Häufig", teilt mir die "Praxis für Schamanismus" mit, "versperren tiefe Ängste und Unsicherheiten den Weg in eine gesunde Selbstliebe, Lebensfreude, sinnliches Körpergefühl und erfüllende Sexualität." Ich will bereits zusagen, da stoße ich auf diese Zeilen: "Dieses Wochenende widmen wir uns der Heilung und Erweckung deiner Weiblichkeit . . . Die weibliche Ur-Kraft ist die Quelle leidenschaftlicher Wildheit, knospender Zartheit . . ."

Weil ich morgens immer in Unterhosen am Laptop sitze, ziehe ich mit dem Daumen rasch den Gummibund des Slips nach vorn, schaue nach, ob alles in Ordnung ist, dann packe ich Laptop und Fernglas in meinen Sack und gehe zur Straßenbahn.

Ziel Café Stella, Hauptstätter Straße. Es ist Zeit, die Tage der Freiluftschreibsaison zu nutzen. An der Hauptstätter Straße riecht die Stadt besonders typisch nach Kessel-Stuttgart. Autos und Lastwagen krachen auf der B 14 vorbei, man wähnt sich in einem chaotisch geschnittenen Film.

Mein Beobachtungsposten ist kein Ort des Zufalls an diesem Morgen. Tags zuvor hat mich Herr Kohfink vom Amt für Umweltschutz aufs Schwabenzentrum klettern lassen. Das Wort klettern mag etwas übertrieben klingen, am Ende aber muss man eine steile Treppenleiter nehmen, um aus 25 Metern Höhe auf die Stadt zu schauen.

Die Sonne schien mir auf die Mütze, ich konnte an diesem Tag viel Stuttgart genießen, dieses herrliche Stuttgart von oben, und ich dachte: Verdammt, das ist eine wilde Nummer am frühen Morgen. Der alte Kater auf dem heißen Blechdach. Über ihm nur der Himmel, und Liz Taylor, die Katze.

Das Dach des Schwabenzentrums ist wirklich aus Blech und so hässlich wie das ganze Gebäude. Mit Schwindelgefühl und Sehnsucht sehe ich die kleinen Dachterrassen auf den alten Häusern an der Hauptstätter Straße zwischen Leonhards- und Wilhelmsplatz. Vielleicht verwandeln sie sich eines Tages in Gemüsegärten oder Parkplätze.

Blick auf die Reste der Altstadt. Hier spielt die Musik (im urbanen Bix Jazzclub und im tapferen Live-Club Kiste), hier findet man gute Geschichten (im Brunnenwirt und im Rotlicht), hier erkennt man, wie Stuttgart Charakter verliert (an der heruntergekommenen, denkmalwürdigen Architektur).

Die Hauptstätter Straße, denke ich auf dem Dach des Schwabenzentrums, muss mal eine großstädtische Schönheit gewesen sein. Die Hauptstätter Straße, schreibt Hartmut Ellrich in seinem Bildband "Das historische Stuttgart", sei ein Beispiel für zerstörte Stadträume. Ihr architektonisches Vorbild war einst der Prager Wenzelsplatz, ein 50 Meter breiter, 700 Meter langer Prachtboulevard. Übrig geblieben ist die vierspurige Autobahn, erregend wie ein motorisiertes Tranchiermesser.

Man hat die Straße nicht, wie ich früher glaubte, nach dem Wort Hauptstadt benannt. Der Name geht zurück auf den Rübe-ab-Horror der Hauptstätte: So hieß der Hinrichtungsort auf dem Wilhelmsplatz (und daran sollten alle kalauernden Scherenschleifer denken, wenn sie ihr Friseurgeschäft "Haupt-Sache" nennen).

Im Café Stella kann man, wie an der Theodor-Heuss-Straße und ähnlichen Rennstrecken, am Straßenrand einen Drink nehmen. Unsere Luft werde immer besser, steht in der Zeitung, und daran zweifle ich nicht, seit ich auf dem Blechdach war. Dort befindet sich eine der letzten städtischen Klima-Messstationen. Deshalb war ich hinaufgestiegen.

Es ist schwieriger denn je, etwas über das Klima der Stadt zu sagen. In diesen Tagen hilft mir auch keine Messstation für Stickoxide, Ozon und Feinstaub. Es ist ein Graus zu sehen, woher der Wind weht. Wie sich die altvorderen Sozen Drexler und Schmiedel über die protestierenden Bürger ereifern. Wie ihr zart knospender Zögling Nils Schmid dazu aufruft, Parkschützer aus den Bäumen zu holen - und sich in der Stadt aufspielt, als müsse er sich beim Brust-Trommeln im heimischen Urwald den Dorfgrößen beweisen.

Auch der Genosse Baubürgermeister Hahn passt gut ins sozi-kulturelle Klima, wenn er die Zukunft der Stadt beim verhangenen Blick seinem Siebziger-Jahre-Winkel im Tunnel der Shopping-Malls entdeckt – und seine besten Freunde wohl auf Italienisch grüßt.

Die Zeit läuft, im Süden. Vor dem Café an der Hauptstätter Straße, unter dem Sonnenschirm von Lucky Strike, zündet sich eine junge Schamanin ihre Zigarette an. Die Stöpsel ihres Mobiltelefons in den Ohren, raucht sie mit knospender Wildheit, nagt ihre Unterlippe mit weiblicher Urkraft und schlürft ihren doppelten Espresso mit erfüllendem Sex.

Das, meine Damen und Herren, das ist Stuttgart.



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