Bauers Depeschen


Sonntag, 07. August 2011, 767. Depesche



STREIK AUSGESETZT

Die Stuttgarter Zeitungsjournalisten setzen ihren Streik von diesem Montag an für vier Tage aus. Unsere Tarifverhandlungen machen leichte Fortschritte, von einem "Durchbruch" aber sind wir weit entfernt. Bis kommenden Donnerstag wird halbwegs voll gearbeitet. Bereits am Freitag und in der Woche darauf wird wieder gestreikt, es sind verschiedene Solidaritätsaktionen geplant. Demnächst mehr darüber. - Über den Arbeitskampf berichtet STREIKBLOG 0711 (meinen Aufsatz zum Thema findet man in der Depesche vom 28. Juli, unser Flugblatt mit wichtigen Fakten in der Depesche vom 2. August)



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KICKERS, HURRA, NACHTRAG (bevor es wieder ernst wird in der Stadt)

SOUNDTRACK DES TAGES

Die 3. Unterstützer Show "Hurra, wir kicken noch!" zu Ehren der Stuttgarter Kickers und zur Motivierung der Fans ist gelaufen - prächtige Stimmung im gut gefüllten Theaterhaus (T 2). Team und Trainer anwesend. Kickers-Marketing-Mann Jens Zimmermann feierte, gebührend musikalisch begleitet, im Theaterhaus Geburtstag. Die demonstrative Abwesenheit offizieller Vereinsherrschaften (Buchwald etc.) beeindruckte niemanden. Stil ist Stil. Mein herzlicher Dank gilt den großartig aufgelegten Mitwirkenden, sie alle räumten super (und gagenfrei) ab beim sympathischen, engagierten blauen Publikum: Triple Espresso und Anja Binder mit Jens-Peter Abele und Marquis (Musik), Martina Brandl (Comedy), René Mathussek & Daniel Korte (Football Freestyle), Bastian Fischer (Magie) und Stefan Kiss (Moderation). Wie werden uns mit Sicherheit wiedersehen (wenn auch nicht unbedingt bei einem weiteren Hurra-Abend). Großen Dank auch an die Theaterhaus-Crew um Werner Schretzmeier, die uns einen stressfreien Abend ermöglichte. - Unsereins hat auch was vorgetragen, u. a. diesen einleitenden Text:



Guten Abend im Theaterhaus,

werte Kickers-Freunde, am Freitagabend hat unser Team das Spiel gedreht, jetzt ist es Zeit, dass wir ein neues, dass wir das große Ding drehen. Ich begrüße Sie im Olymp des guten Fußballsports mit Kessel-Blick ins tiefe Tal – und auf Cannstatt. Einige im Saal werden es vielleicht nicht wissen: Hier im Theaterhaus gibt es seit jeher eine amtliche Sporthalle. Dort spielt die Belegschaft unter der Regie vom Bühnenchef Werner Schretzmeier jeden Dienstagabend Fußball, nicht etwa Volleyball (auch als Affentennis bekannt), und wenn man drüben im Theaterhaus-Restaurant am Personaltisch Platz nimmt, ist es wurscht, ob Dienstag, Mittwoch oder Sonntag ist: Hier wird selten über Kunst geredet, aber immer über Fußball. Und damit ist klar: Fußball ist große Kultur, und wenn man Fußball ernst nimmt, wie wir es bei den Stuttgarter Kickers tun, wenn man den Fußball liebt, so wie ihn die Fans der Blauen lieben, ist es manchmal gar nicht wichtig, in welcher Liga man spielt. Wichtig ist: Die Kickers sind am Leben, wir schauen nach vorne, und die Fans stehen hinter ihrem Club.

Der große argentinische Spieler, Manager und Poet Jorge Valdano hat geschrieben: "Der Duft von frisch geschnittenem Gras. Das ist der Duft des Fußballs." Valdano hat nicht dazugesagt, dieser Satz gelte nur für Liga eins bis drei. Dieser Mann hat uns vielmehr sagen wollen:

Die Fans der Kickers kennen den Duft des Fußballs - und das Gras der Waldau, das ist der Duft des Aufstiegs.

Damit sind wir beim Thema. Vor drei Jahren hat in dieser Halle zum ersten Mal „Hurra, wir kicken noch“ stattgefunden. Das war die Trotzreaktion auf den Abstieg aus der Dritten Liga. Im vergangenen Jahr haben wir uns hier erneut getroffen, da ging es um die Parole: Wir halten durch.

In diesem Jahr aber wäre um ein Haar aus unserem Abend eine Aufstiegsfeier geworden! Leider haben wir etwas Pech gehabt, ein paar lausige Punkte zu wenig geholt – dafür aber eine großartige Saison erlebt. Beifall für das Team!

Es war eine harte Saison. Jeder erinnert sich noch an das Spiel gegen Nürnberg. Der Schiedsrichter hat in seinem Karten-Wahn die halbe Mannschaft der Blauen vom Platz gestellt – das Kickers-Team aber hat trotzdem nur knapp verloren und mit aufrechter Haltung Energie getankt für eine sensationelle Rückrunde. Jetzt, meine Damen und Herren, machen wir, die Fans unser eigenes Ding, nämlich die Begleitmusik zum „Unternehmen blauer Aufstieg!“



UND NOCH EIN TEXT, das war der Rausschmeißer, bevor Anja Binder ihre Gänsehaut-Version von "You'll Never Walk Alone" sang:

Verehrte Kickers-Freunde, manche Leute neigen dazu, sich über den Fußball lustig zu machen. Im Grunde aber geht das nicht. Fußball ist nicht lustig, auch nicht bei den Stuttgarter Kickers. Lustig sind immer nur die Ereignisse, die man im Umfeld des Spiels erlebt. Fußball ist keine Comedy, und die Stuttgarter Kickers sind nicht komisch. Im Gegenteil. Ich bin für die Kickers, weil es darum geht, die Stuttgarter Nischen zu verteidigen, und die Waldau ist ein einzigartige Nische. Kurzum: Wir machen keine Witze über Fußball. Ich zitiere noch einmal den großen Jorge Valdano: "Was ist Fußball? Trotz seiner Unsauberkeit und Verirrungen ist Fußball in erster Linie und im Wesentlichen ein Spiel. Deshalb handelt es sich um eine ernsthafte Sache!" Daran müssen wir denken, wenn wir Geschichten wie die folgende hören. Sie spielt nicht direkt im Kickers-Milieu, aber sie ist gewidmet all den blauen Jungs, die früher in der Stuttgarter Altstadt zu Hause waren – oder es noch immer sind, sie ist gewidmet dem 1989 verstorbenen Kickers-Musikanten Kotlett und all den tapferen Männern und Frauen, die den wahren Fußball in Stuttgart und Stuttgart selbst lieben. Die kleine Glosse heißt:



DÄNEMANN

Eigentlich hatte ich mir geschworen, nach der WM 2006 das F-Wort nicht mehr zu strapazieren. F wie Fußball war vorbei, dann aber sah ich doch wieder Handlungsbedarf. In weiten Kreisen der Bevölkerung herrschten seiner Zeit nämlich große Lücken beim Versuch, den Begriff „Dänemann“ historisch richtig zu interpretieren.

Dies war mir schon kurz nach dem WM-Finale zwischen Italien und Frankreich bewusst geworden. Zidane flog vom Platz, und Sekunden nach dem Spiel meldete ich mich bei einer in Italien lebenden Kollegin per SMS mit der naiven Frage, was der italienische Spieler Materazzi zu seinem französischen Kollegen Zidane gesagt haben könnte, eher dieser ausrastete. Die Antwort kam prompt: So wie sie ihre Pappenheimer seit Jahrzehnten kenne, schrieb die Signora zurück, habe der Itaker Materazzi den großen Zidane mit einer so üblichen wie traditionsreichen Bemerkung konfrontiert, ihm ins Gesicht gesagt: "Deine Mama ist eine Berber-Hure."

Unter diesen Umständen, antworete ich, wenn dies tatsächlich so gewesen sei, hätte Zidane seinen Dänemann wesentlich höher ansetzen müssen. Umgehend piepste erneut mein Handy. Die Kollegin wollte wissen: "Dänemann, was zum Teufel ist das?"

Der Reihe nach. Der Dänemann ist ganz sicher kein Begriff aus der "Fußballersprache", wie man in verschiedenen Eindrücken im spärlich bestückten Internet behauptet. Eine Reporterin der "Westdeutschen Zeitung" beispielsweise berichtete im November 2005 über einen Prozess vor dem Düsseldorfer Landgericht: Es ging um einen Spieler, der in der Kreisliga-D-Partie FC Gerresheim gegen TV Grafenberg seinen Gegner außer Gefecht gesetzt hatte. Und zwar so, dass der Grafenberger Spieler noch ein Jahr später, so heißt es im Text, "eine Schraube im Schädelknochen" trug. Über die Schädelregion selbst war nichts Näheres zu erfahren. Der Staatsanwalt, berichtet die Reporterin weiter, habe von einem "Dänemann" gesprochen. Der Dänemann, und diese Falschaussage geht ganz klar auf das Konto des Staatsanwalts, stehe „in der Fußballersprache“ für eine „Kopfnuss".

Als gelernter Nichtjurist und ehemaliger Hobby-Boxer sage ich euch: Das ist großer Bullshit. Eine Kopfnuss wird in der Regel mit der Faust beziehungsweise mit den Knöcheln einer zur Faust geballten Hand am Kopf des Gegners ausgeführt; früher hatten diese unwürdige Technik vor allem verknöcherte Schullehrer parat. Ich weiß, wovon ich rede. Hätte man mir die Kopfnüsse erspart, müsste ich heute Abend hier nicht den Affen machen.

Was ein Dänemann wirklich ist, kann Ihnen jeder alte Junge aus der Stuttgarter Altstadt erklären, bei guter Führung auch mal ohne schmerzhaften Anschauungsunterricht. Der Dänemann gilt als Klassiker im Kampf verfeindeter Männer im Rotlichtmilieu, man hat ihn schon vor der Erfindung der Thompson Gun und des Pitbulls praktiziert.

Bei einem Dänemann trifft die Stirn des Angreifers den Kopf des Gegners, in der Regel die Stirn, und zwar oft so hart, dass der Attackierte schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht werden muss. Manchmal gibt man sich auch mit einem handelsüblichen Nasenbeinbruch zufrieden.

Portugals großer Spieler Figo beispielsweise hat bei der WM 2006 gegen den Holländer van Bommel nur einen leichten Dänemann angesetzt – so leicht, dass man ihn auch als Verneigung vor einem Behinderten deuten konnte. Van Bommel aber hob sofort ab wie ein bekiffter Trampolinspringer, und Figo sah vollkommen unschuldig die Gelbe Karte.

Völlig neu an Zidanes Dänemann im Spiel der Franzosen gegen die Itaker war allerdings die technische Ausführung: Er stieß, nach einigen Metern Anlauf im Stil eines spanischen Kampfstiers, mit seinem gut geformten Schädel nicht etwa gegen Materazzis weiche Spaghetti-Birne, sondern gegen Materazzis Memmenbrust.

Einen ähnlich harmlosen Dänemann hatte ich zuvor nie gesehen. Erst recht nicht in der Stuttgarter Altstadt. Dem klassischen Dänemann des Zuhälters folgt nämlich auf dem Fuße der so genannte Salamander: Dabei handelt es sich um einen Tritt mit dem Stiefelabsatz gegen das am Boden liegende Dänemann-Opfer. Am besten in den Bereich der vorderen Jacketkronen. Davon war im Fall Zidane aber nichts zu sehen, die Rote Karte gegen den algerischen Gott aus Frankreiche deshalb unbegründet.

Ist nur noch eine Frage offen: Weshalb der Dänemann Dänemann heißt, meine Damen und Herren, ist bis heute leider nicht geklärt. Man vermutet, dass er von einem Dänen erfunden wurde. Gott schütze Dänemark. Gott schütze Stuttgart und seine Altstadt.



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NÄCHSTER FLANEURSALON

Ich darf einen speziellen Abend in der Reihe unserer Lieder- und Geschichtenshow ankündigen. Am Mittwoch, 28. September, machen wir in der Rosenau einen Abend mit vergleichsweise kleiner Besetzung, einen intimen Flaneursalon mit dem Songschreiber/Sänger/Saitenvirtuosen/Fußtrommler Zam Helga und der amerikanischen Sängerin Dacia Bridges. Könnte eine schöne Sache werden, eine familiäre Show mit pointierten leisen Tönen. Der Vorverkauf ist eröffnet: ROSENAU



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