Bauers Depeschen


Donnerstag, 04. August 2011, 765. Depesche



„Vielleicht verdirbt Geld den Charakter. Auf keinen Fall aber macht Mangel an Geld ihn besser.“ (John Steinbeck)



STREIK

SOUNDTRACK DES TAGES

Unsere Tarifverhandlungen machen leichte Fortschritte, von einem "Durchbruch" sind wir weit entfernt. Der Arbeitskampf der Stuttgarter Zeitungsjournalisten geht weiter bis zu diesem Wochenende. Am Montag wird der Streik zunächst für vier Tage ausgesetzt, das bedeutet: Es wird kommende Woche (vorübergehend) voll gearbeitet. Die weitere Strategie hängt von den Verhandlungen ab. Was die Psychologie des Streiks bedeutet, was für Folgen sie hat, ist bisher ein Randthema - meist zur Beschwichtigung des härteren Streikblocks. Es wäre momentan der falsche Zeitpunkt, etwas über die Lage zu sagen (so viel: die Meinungen zum Streik sind besser ausgeprägt als das politische Bewusstsein). - Über den Arbeitskampf berichtet STREIKBLOG 0711 (einen Aufsatz zum Thema findet man in der Depesche vom 28. Juli, unser Flugblatt mit wichtigen Fakten in der Depesche vom 2. August)



KOMMENTARE SCHREIBEN: LESERSALON



MEIN LETZTER KICKERS-APPELL

An diesem Freitag beginnt die neue Saison der Stuttgarter Kickers mit dem Heimspiel gegen den schrecklichen KSC II, und schon am Tag danach haben die Fans die Gelegenheit, mit mentaler Begleitmusik aus der gehobenen kulturellen Unterhaltungsecke solidarisch in die neue Runde zu starten. Schade, dass der Vorverkauf für die bevorstehende Unterstützer-Show "Hurra, wir kicken noch!" im Theaterhaus eher schleppend läuft. Im Programm haben wir befreundete Künstler, die ohne Gage aufreten. Beim Hurra-Abend mit erstklassiger Bühnenbesetzung treten auf: die blues- und soulgeprägte Nadelstreifen-Power-Band Triple Espresso, die bundesweit erfolgreiche Comedy-Frau Martina Brandl, die betörende Sängerin Anja Binder u. v. a. Eintritt nur 10 €. Siehe TERMINE und THEATERHAUS - UND WIR SINGEN!



Zur blauen Einstimmung einen Text, den ich Anfang 2008 geschrieben habe:



UNSER MANN VON ARSENAL

Anfang der Saison 2006/07 stand ich, wie so oft in den vergangenen 30 Jahren, im B-Block auf dem Kickersplatz und verdrängte erfolgreich den Gedanken, schon wieder wertvolle Stunden eines kurzen wertlosen Lebens zu verlieren. Die Blauen spielten auf der schönen Waldau gegen den VfB Stuttgart II, es war ein gutes Spiel, und im Team der Roten aus dem grauen Neckartal tanzte ein Spieler mit langen schwarzen Haaren vor der eigenen Abwehr. Ich dachte: Warum spielt der Kerl bei uns in der Holzklasse und nicht bei Real Madrid?

Das Spiel endete erfolgreicher als gedacht, wir waren zufrieden, und ich sagte zu meinem Kollegen, genannt George der Grieche: Siehst du, Regionalliga (damals 3. Liga) ist nicht so peinlich, wie du befürchtet hast. Verehrte Leser denken Sie nicht, ich sei ein Roter, weil ich weiß, wie der Langhaarige vom VfB vor der Kickers-Abwehr tanzte. Fragen Sie meinen Blocknachbarn George der Grieche, er ist in der Redaktion der Stuttgarter Nachrichten für Mord und Totschlag zuständig und geht zu den Blauen, seit er aufrecht gehen kann. Er kennt die Wahrheit. Meistens stehe ich neben George. Einmal hat er während des Spiels nicht wie sonst eine Selbstgedrehte nach der anderen geraucht, er hat in 45 Minuten fünf Tüten Fisherman's Friends Limone gelutscht. Verzicht auf der Tribüne, hat er gesagt, stärke die Kondition auf dem Rasen.

Wir haben die Partie verloren. Und wir gingen wieder zum Spiel.

Unser nächster Gegner war der große SV Elversberg, dieses Heimspiel wurde unsere wichtigste Schlacht des Jahres, es ging um den Klassenerhalt. George der Grieche ließ zu der Partie eigens seinen Schwager Jack einfliegen. Jack war nach der vermasselten Nichtraucher-Nummer unsere letzte Hoffnung. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt noch kein einziges Heimspiel gewonnen. Georges Schwager Jack ist Engländer, Fan von Arsenal London, und diesmal musste unser Trick funktionieren. Im Namen der Königin von England: Wir werden siegen. Wer zum Teufel weiß noch, dass sich die ruhmreichen Stuttgarter Kickers einst die Londoner Gunners zum Vorbild nahmen? Dass die alte, längst abgerissene Holztribüne unter dem Fernsehturm ein korrekter Nachbau der Arsenal-Tribüne war, wenn auch ein wenig kleiner?

Wir hatten auf der Waldau früher einen Club mit Stil. Und zwar lange bevor wir zweimal in der Bundesliga an- und abgetreten sind. Damals, als die Kickers-Chefs nichts Dümmeres zu tun hatten, als sich mit den VfB-Funktionären im gemeinsam bespielten Neckarstadion um Vip-Plätze und Kabinen zu prügeln. Anstatt der Welt zu zeigen: Seht her, dort sind die großen Roten und hier die kleinen Blauen, und das Neckartal ist eng und feucht und die Waldau weit und erhaben. Und in Cannstatt sind die Allerweltsmenschens, die Piraten aber in Degerloch – viele schüchterne Grüße nach St. Pauli ins schöne Hamburg, es lebe der kleine Unterschied.

Ach, die alten Lieder. Unser Altstadt- und Kickers-Musikant Kotlett wäre auch auch auf der Reeperbahn eine große Nummer geworden, aber er ist seit 1989 tot. Gut, dass wenigstens George der Grieche noch die besten Zeilen unserer alten Hymne kennt:

"Wenn die Kickers auf dem Rasen / Hier daheim und anderswo / Wie ein Mann zum Angriff blasen / Dann ihr Leute klingt das so: Hey-A, Hey-A Kickes vor . . ."

Der Typ mit den langen schwarzen Haaren, das muss ich noch erzählen, war ein Jahr später Deutscher Meister. Die Kickers dagegen spielten nicht mehr gegen den VfB II, sie kämpften gegen Pfullendorf und den Pleitegeier. Kann gut sein, dass die Blauen eines Tages beerdigt werden wie die alte Straßenbahn der Linie 15 hinauf zum Fernsehturm. Dann fahren George der Grieche und ich zu Arsenal. Dort treffen wir Jack, den Gunner, und erzählen uns die alten Geschichten von den Kickers auf der Waldau. Und alles ist wieder, wie es niemals war.

(Kleiner Nachtrag: Jack war beim Spiel. Er stand im B-Block und zitterte mit uns. Das Spiel gegen Eversberg endete 0:0, wir stiegen ab. Der Typ mit den langen Haaren hieß Sami Khedira und spielt heute bei Real Madrid.)



NÄCHSTER FLANEURSALON

Ich darf einen speziellen Abend in der Reihe unserer Lieder- und Geschichtenshow ankündigen. Am Mittwoch, 28. September, machen wir in der Rosenau einen Abend mit vergleichsweise kleiner Besetzung, einen intimen Flaneursalon mit dem Songschreiber/Sänger/Saitenvirtuosen/Fußtrommler Zam Helga und der amerikanischen Sängerin Dacia Bridges. Könnte eine schöne Sache werden, eine familiäre Show mit pointierten leisen Tönen. Der Vorverkauf ist eröffnet: ROSENAU



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