Bauers Depeschen


Samstag, 16. Juli 2011, 755. Depesche



KICKERS-SHOW: Noch gibt es Karten!

Fußball, Männer: Zum dritten Mal steigt „Hurra, wir kicken noch!“, die Unterstützer-Show für die Fans der Stuttgarter Kickers. Der Abend geht am Samstag, 6. August (nach dem Heimspiel gegen den KSC II), im Stuttgarter Theaterhaus über die Bühne. 20 Uhr. Der Vorverkauf läuft - und er läuft trotz starker Bühnebesetzung noch nicht nach Wunsch. Programm siehe TERMINE und THEATERHAUS



NOTIZ

Wochenend-Pause. Die Stuttgarter Kessel-Existenz ist anstrengend. Bin kurz auf Streifzug in Berlin. Und es geht weiter: Von kommenden Montag an werden wieder die Tageszeitungen bestreikt - dazu gibt es Aktionen, z. B. am Mittwoch, 20. Juli, um 15 Uhr auf dem Schlossplatz. Mit Roland Baisch, Wolfgang Schorlau u. a. Demnächst mehr darüber.



LESESTOFF

Folgenden Text findet man an diesem Samstag in der Wochenendbeilage "Querschnitt" der Stuttgarter Nachrichten:



HUREN DES ELENDS

Von Joe Bauer



An der Kebab-Station in der Stuttgarter Altstadt, in der Nähe der Leonhardskirche, dem Treffpunkt der Gestrandeten, wartet Günther vor seinem Japaner-Kombi auf alte Kumpel. Früher wäre ihm kein anderer Wagen als ein Daimler auf den Hof gekommen. Die Zeiten haben sich geändert. Günther wird demnächst siebzig, und da reicht ein Spießer-Japaner, auch wenn der Fahrer noch immer dasteht wie ein Athlet im guten Mannesalter. Der Körper muskulös, das Haar frisch geföhnt und leicht getönt, wie damals. In den sechziger und siebziger Jahren war er ein guter Amateursportler und ein professioneller „Loddel“. So nannte man im Viertel die Zuhälter.

Günther war einer von den „Jungs“ im Rotlichtmilieu. Ein Junge drückte mit Seidenstrümpfen und Slippern an den Füßen die Pedale einer Stingray Corvette oder eines Daimler-Cabrio, am besten knallrot wie der SL der legendären Edelhure Rosemarie Nitribitt im Kino. Seine Arbeitskleidung ließ er beim Maßschneider in der Königstraße fertigen, tausend D-Mark pro Anzug. Einen Riesen konnte auch ein kleiner Zuhälter am Tag verdienen. Zwei, drei Damen schafften eine solche Summe mühelos netto an, obwohl man die „Kuppe“, den Hurenlohn, oft brüderlich teilte.

Heute neigt man dazu, die alten Tage im Altstadt-Milieu zu romantisieren, die ewig verlockende Exotik käuflicher Erotik. „Familiär“ sei es gewesen, sagt Günther, und womöglich ist das verglichen mit heute nahe an der Wahrheit. Ersatzfamilienstimmung herrschte an Weihnachten, wenn der Milieumusikant Kurt Hörber, in der Stadt als „Kotlett“ berühmt, für die Huren und Luden „Ave Maria“ auf der Geige spielte, im Finale seiner Show liegend auf dem Kneipenboden. Kotlett ist schon seit dreiundzwanzig Jahren tot, und bis heute sind es die Geschichten über Typen wie ihn, die man sich in nostalgisch verklärten Stunden erzählt. Keiner erinnert sich gern an die Schicksalsberichte aus den miesen Ecken des Schmuddels. Erst neulich hat jemand unter dem Pseudonym „die Tochter“ einen Zeitungsartikel über das Rotlichtviertel mit Biografischem kommentiert:

„Es war einmal . . . ein Schreiner, der hatte eine Tochter und nicht viel Arbeit und wenig zu beißen. Frau und Tochter darbten an 5 Tagen der Woche. Es war Anfang der 60er, die Tochter war 17, die Mutter 34, der Vater Halunke. Am 6ten Tag der Woche kam der Befehl: wir fahren ins Städtle, A . . . schaffen . . . burg, dauerte meist 2 Tage, der Halunke hatte keine Arbeit und seinen Schnaps, die Mutter konnte ihre Rechnung beim Alimentari bezahlen, und die Tochter weinte . . . So war’s damals im Städtle.“

Es ist nicht menschlicher geworden im Städtle, wie man die Altstadt nennt. Ganz im Gegenteil. Die Prostitution im Quartier ist auf dem Tiefpunkt der Stuttgarter Rotlichtgeschichte angekommen, und es wäre nicht falsch, frei nach Dostojewski zu sagen, die unterste Stufe der Erniedrigung erzeuge eine Lust. Im Leonhardsviertel, dem ehemaligen, von der Politik heute vergessenen Stadtzentrum mit seinen alten, denkmalwürdigen Häusern, bieten sich junge Mädchen den Freiern inzwischen ab 15 Euro an. Für diesen Preis machen sie zum Schrecken von Sozialarbeitern und Ärzten fast alles. Kondome werden selten benutzt.

Die letzten Veteranen im Städtle, als stille Beobachter längst im Ruhestand, können sich nicht erinnern, jemals so schlecht und krank aussehenden Huren begegnet zu sein wie heute. Wirtsleute am Leonhardsplatz beobachten Prostituierte, wie sie zwei Wochen lang Tag und Nacht in denselben Billig-Klamotten an der Ecke stehen, bewacht von jungen Zuhältern mit Halsketten und Sonnenbrillen nach Gangsta-Rap-Vorbild. Sie kommen aus Osteuropa, sprechen kaum Deutsch, sind unterwegs nach dem Geschäftsmodell übler Drücker-Kolonnen. Sie tauchen auf und verschwinden, und nicht nur die Polizei findet kein Mittel gegen den Wanderzirkus der Elendsprostitution.

Seit Jahren ebnen Rathauspolitiker mit fragwürdigen Immobilien-Deals den Weg für illegale Geschäfte. Immer wenn die Stadt Gebäude an juristisch gut beratene Rotlichtgrößen verkauft, werden danach als Wohnungen getarnte Buden für sexuelle Dienste gegen Cash vermietet. Alte Profis nennen den Straßenstrich „Tschernobyl“. Nie hat man ernsthaft versucht, das Quartier mit dem Charme einer urbanen Kultur aus Halbseidenem und Stil aufzuwerten.

Die große Ära der typischen Siebziger-Jahre-Zuhälter, dieser deutschen Schlager-Abteilung im internationalen Sex-Business, ging Mitte der achtziger Jahre zu Ende. Da hatten die Herren in den Maßanzügen die Vierzig überschritten und keine Lust mehr, sich im Nahkampf mit zahlungsunwilligen Freiern und neuen, internationalen Zuhältern zu üben. Hinzu kam, dass inzwischen harte Drogen im Milieu kursierten, ein Geschäft, mit dem die alten Jungs nichts zu tun haben wollten. Sie hielten sich an Pils, Whiskey-Cola und Champagner.

Schon Anfang der siebziger Jahre war eine schwer bewaffnete Altstadt-Delegation aus Stuttgart nach Westberlin geflogen, um mit befreundeten Kollegen aus Frankfurt in eine Straßenschlacht gegen „die Perser“ zu ziehen. Bei der Schießerei gab es Tote. Ausländische Luden, sagten die politisch meist scharf rechts gefärbten Mitglieder der deutschen Fraktion, überschwemmten die Szene mit Drogen. Auch in Stuttgart starben Dirnen an Heroin.

Als sich die Altstadt-Könige, fast alle im Zweiten Weltkrieg geboren, zurückzogen, es mit legalen Geschäften versuchten oder auf dem Sozialamt landeten, ging eine Ära der Subkultur zu Ende. Die Jungs mit den Rolex-Uhren und Goldketten, den Schuhen aus Mailand und Hemdkragen im Rex-Gildo-Format pflegten eine eigene Banditensprache, leisteten sich für die Überwachung der Kunden- und Polizei-Bewegungen rund um ihre illegalen Spielhöllen einen „Schmoddre-Mann“ (schmoddre = beobachten) und hielten sich bedingt an den Ehrenkodex der Unterwelt: kein Verrat, Schulden pünktlich zurückzahlen, nicht in fremden Revieren wildern. Mit ihren Kajalgeschminkten Damen hofierten sie freizügig im Nachtleben. Zwar spielte Gewalt im Milieu durchaus eine Rolle, wurde aber gern mit dem Hinweis auf sportive Fairness beschönigt. Schließlich saß die Familie an allen Boxringen und hatte moralisch selten Probleme mit schmutzigem Lorbeer.

Nach den Männern in den Maßanzügen und Harlekin-Kostümen übernahm im Städtle eine neue Generation von deutschen Zuhältern die Straßen; sie fuhren im Porsche und Lamborghini vor Discotheken vor, spürten aber bereits die Konkurrenz aus Europas Osten im Nacken. Aus Ländern wie Jugoslawien und Albanien rückte eine Sippschaft von Zuhältern an, die in den Großstädten mit einer zuvor unbekannten Brutalität die Macht übernahm. Die letzten deutschen Statthalter der Stuttgarter Straßenprostitution wanderten bald nach dem Berliner Mauerfall in die ehemalige DDR ab, profitierten in Dresden oder Leipzig von den Wirren des bankrotten Arbeiter- und Bauernstaats. Im Leonhardsviertel brach eine neue Zeit gefährlicher Gesetzlosigkeit an.

Zur Jahrtausendwende war der Niedergang des Milieus deutlich zu sehen. Huren, die sich einst das Essen aus guten Restaurants hatten bringen lassen, standen immer öfter in der Schlange vor der Imbissbude. Städtle-Gänger erlebten, wie manche Dame, die einst im Mercedes zur Arbeit fuhr, eines Tages nur noch Pommes bestellte. Die Wurst war zu teuer geworden, der Hurenlohn angesichts der vielen neuen Billigkräfte im Gewerbe ins Bodenlose gestürzt. Das alte Milieu, aufgrund der strengen Polizeistunden in der Stadt bis in die neunziger Jahre hinein auch eine Notgemeinschaft aus Rotlichtfiguren und Intellektuellen, Künstlern und Kriminellen, war endgültig untergegangen. Bis dahin halbwegs originelle Altstadt-Kneipen, im Morgengrauen auch Sammelbecken illustrer Gestalten aus Justiz-, Polizei- und Rathausbehörden, verkamen zu Kaschemmen.

Kenner der Szene nennen das Jahr 2004 als Beginn der schlimmsten Brutalisierung des kleinen Stuttgarter Rotlichtbezirks. Immer mehr Busse mit jungen, trainierten Straßentypen und noch jüngeren Mädchen rollten aus osteuropäischen Ländern wie Rumänien in die Altstadt. Die Leute im Viertel treffen sich inzwischen mit Politikern und Kriminalbeamten am Runden Tisch zu Krisensitzungen, die Polizei aber gibt sich im seit jeher schwierigen Kampf gegen die Zuhälterei bsiher so gut wie machtlos. Lude und Hure sind meistens verheiratet, weisen sich als touristisches Ehepaar aus.

Mutmaßungen, der gigantische Sexmarkt im Internet hätte den einst halbwegs geordneten Straßenstrich ins Abseits gedrängt, sind Humbug. Im ältesten Gewerbe der Welt bandelt nach wie vor eine große Kundschaft rücksichtsloser Männer das Geschäft mit der schnellen Befriedigung ausschließlich auf der Straße an. Auch der Verdacht, die oft schwer gezeichneten, immer öfter an Syphilis erkrankten oder mit dem HI-Virus infizierten Prostituierten lockten nur menschenscheue Freier mit merkwürdigen Neigungen an, ist falsch. Kenner wissen von durchaus attraktiven und billigen Straßenhuren im Viertel. Die aber sieht man selten. Sie arbeiten nonstop im Zimmer ihrer Absteigen. Ihre Zuhälter kassieren nur gut bei Massenabfertigung im Akkord.

Wenn man im Leonhardsviertel, einer an sich chancenreichen Gegend mit Musik-Clubs, Restaurants und Bars, zum Abschied mit Günther am Autofenster plaudert, erzählt man sich noch einmal die alten Geschichten. Wie die Jungs mit ihren Damen zum Italienurlaub ins Thermal- und Skiparadies Bormio aufbrachen, das Louis-Vuitton-Köfferchen mit frischen Scheinen unter dem Sitz eines nagelneuen Mercedes-Cabrio. Cash bezahlt, versteht sich. Übrig geblieben vom Reichtum ist selten etwas. Günther hat sich viele die Jahre als Kellner und Türsteher durchgeschlagen und Glück gehabt. Das neue Elend in der alten Heimat kennt er nur als Feierabendgast.

SOUNDTRACK DES TAGES



KOMMENTARE SCHREIBEN: LESERSALON

DIE STN-KOLUMNEN



NÄCHSTER FLANEURSALON

Ich darf einen speziellen Abend in der Reihe unserer Lieder- und Geschichtenshow ankündigen. Am Mittwoch, 28. September, machen wir in den Rosenau einen Abend mit vergleichsweise kleiner Besetzung, einen intimen Flaneursalon mit dem Songschreiber/Sänger/Saitenvirtuosen/Fußtrommler Zam Helga und der amerikanischen Sängerin Dacia Bridges. Könnte eine schöne Sache werden, eine familiäre Show mit pointierten leisen Tönen. Der Vorverkauf ist eröffnet: ROSENAU



FRIENDLY FIRE:

NACHDENKSEITEN

FlUEGEL TV

VINCENT KLINK

RAILOMOTIVE

UNSERE STADT

KESSEL.TV

GLANZ & ELEND

EDITION TIAMAT BERLIN (Hier gibt es mein Buch "Schwaben, Schwafler Ehrenmänner - Spazieren und vor die Hunde gehen in Stuttgart")

Fußball-Kolumne Blutgrätsche




Permalink zu dieser Depesche: www.flaneursalon.de/de/depeschen.php?sel=20110716
 

 

im Nordbahnhof-Areal
 

Archiv 


Depeschen 1951 - 1970

Depeschen 1921 - 1950

Depeschen 1891 - 1920

Depeschen 1861 - 1890

Depeschen 1831 - 1860

Depeschen 1801 - 1830

Depeschen 1771 - 1800

Depeschen 1741 - 1770

Depeschen 1711 - 1740

Depeschen 1681 - 1710

Depeschen 1651 - 1680

Depeschen 1621 - 1650

Depeschen 1591 - 1620

Depeschen 1561 - 1590

Depeschen 1531 - 1560

Depeschen 1501 - 1530

Depeschen 1471 - 1500

Depeschen 1441 - 1470

Depeschen 1411 - 1440

Depeschen 1381 - 1410

Depeschen 1351 - 1380

Depeschen 1321 - 1350

Depeschen 1291 - 1320

Depeschen 1261 - 1290

Depeschen 1231 - 1260

Depeschen 1201 - 1230

Depeschen 1171 - 1200

Depeschen 1141 - 1170

Depeschen 1111 - 1140

Depeschen 1081 - 1110

Depeschen 1051 - 1080

Depeschen 1021 - 1050

Depeschen 991 - 1020

Depeschen 961 - 990

Depeschen 931 - 960

Depeschen 901 - 930

Depeschen 871 - 900

Depeschen 841 - 870

Depeschen 811 - 840

Depeschen 781 - 810

Depeschen 751 - 780
27.08.2011

25.08.2011

23.08.2011
22.08.2011

20.08.2011

19.08.2011
18.08.2011

17.08.2011

16.08.2011
15.08.2011

13.08.2011

11.08.2011
09.08.2011

07.08.2011

05.08.2011
04.08.2011

02.08.2011

01.08.2011
29.07.2011

28.07.2011

25.07.2011
23.07.2011

22.07.2011

21.07.2011
19.07.2011

16.07.2011

13.07.2011
10.07.2011

08.07.2011

05.07.2011

Depeschen 721 - 750

Depeschen 691 - 720

Depeschen 661 - 690

Depeschen 631 - 660

Depeschen 601 - 630

Depeschen 571 - 600

Depeschen 541 - 570

Depeschen 511 - 540

Depeschen 481 - 510

Depeschen 451 - 480

Depeschen 421 - 450

Depeschen 391 - 420

Depeschen 361 - 390

Depeschen 331 - 360

Depeschen 301 - 330

Depeschen 271 - 300

Depeschen 241 - 270

Depeschen 211 - 240

Depeschen 181 - 210

Depeschen 151 - 180

Depeschen 121 - 150

Depeschen 91 - 120

Depeschen 61 - 90

Depeschen 31 - 60

Depeschen 1 - 30




© 2007-2018 AD1 media ·