Bauers Depeschen


Montag, 28. März 2011, 699. Depesche



ACHTUNG, ACHTUNG!

Der Vorverkauf für den FLANEURSALON IM FLUSS am Mittwoch, 29. Juni, auf dem Neckarschiff "Wilhelma" ist eröffnet! Mit Zam Helga, Roland Baisch & Friends, Michael Gaedt & Anja Binder, Dacia Bridges... TICKETS TO RIDE



REDE AM BAHNHOF

Hier der Manuskript-Text der Rede, die ich bei der Montagsdemo am Bahnhof hielt - bevor ich das schöne, kraftstrotzende Konzert der jungen Londoner Psychedelic-Folk-Band The See See im Tonstudio in der Theodor-Heuss-Straße besucht habe:



Guten Tag, meine Damen und Herren,

bei meiner letzten Rede hier an diesem Platz habe ich noch „Guten Abend“ gesagt. Inzwischen ist es heller geworden in der Stadt, und womöglich war es ein Zeichen des Himmels, als man in der Nacht zum 27. März 2011 die Uhren umstellte – und zwar nicht rückwärts, sondern nach vorne.

Auch wenn die selbsternannten Apostel des sogenannten Fortschritts nie begreifen werden, wo hinten und vorne ist.

Heute ist wieder Montag, diesmal ist es der mysteriöse Tag danach, und mir ist nicht ganz wohl dabei, hier etwas zu sagen. Kurz vor dem Wahlsonntag habe ich immer wieder auf Internetseiten gelesen, man fühle sich erregt wie vor einem Fußball-Endspiel. Mir gefällt dieses Bild nicht. Das Finale, meine Damen und Herren, ist seit gestern entschieden – und der scheinbar übermächtige, arrogante Gegner hat ein paar saubere Eigentore produziert. Die meisten hier auf dem Platz, auf dem bekanntlich die Wahrheit liegt, fühlen sich vermutlich als Sieger.

Aber wir stehen nicht wie sonst die Sieger eines Fußballfinales auf dem Rathausbalkon, sondern auf der Straße – und das ist richtig so. Nach wie vor ist es die Straße, auf der es lang geht – nämlich zur Demokratie, zur Mitsprache, zur Mitbestimmung. Das ist die große Motivation der Menschen in dieser Stadt, und in dieser Auseinandersetzung gibt es so schnell kein Finale mit einem Endergebnis. Es ist und wird ein langer Prozess.

Selbstverständlich gibt es Gründe zu feiern, und damit meine ich nicht nur die Tatsache, dass Figuren ausgetauscht werden, atomar getriebene Machtmenschen aus Mühlacker oder Sigmaringen, Revolverhelden, die sich im Fernsehen als Stadtcowboys feiern lassen und damit ehrbare Männer in Stiefeln beleidigen. Was es zu feiern gibt, ist dies:

Die Zeit des frustrierten Zu- und Wegschauens ist vorbei. Die vermeintlich coolen Beiseitesteher sind in der Minderheit.

In nur anderthalb Jahren ist in der Stadt eine Lust erwacht, die Dinge zu ändern, sie mitzugestalten. Politik ist heute etwas Greifbares, etwas Vorstellbares – und dieser bunte Haufen vor dem Bahnhof ein großartiges Bild. Es ist das Bild quicklebendiger, aufgeregter, aufgeweckter Leute, die Lieder singen, Plakate malen und Sprüche dichten. Das ist das neue Stuttgart. Das ist ein neuer öffentlicher Raum – und der muss weiter bespielt werden, ohne Rücksicht auf Wahlergebnisse. Es geht um das sympathische, internationale Stuttgart.

Dazu eine kleine Anekdote am Rande: Neulich hat mir Herr Bassam Schabbagh aus Ägypten, er lebt im Stuttgarter Westen, einen kleinen Button geschenkt. Darauf steht, ich kann's leider nicht richtig aussprechen, es klingt aber ungefähr so:

Al-baga fi-lala. Das ist Arabisch – und was heißt es zu deutsch? Logisch, Oben bleiben!

Machen wir uns nichts vor, meine Damen und Herren: Wenn der Abgang der CDU-Herren nach 60 Jahren in jeder Schlagzeile als historischer Ereignis kommentiert wird, dann sollten wir die Wahrheit sehen: Dieses historische Ereignis ist auch ein anderes Wort für spätes Erwachen. Ein Erwachen allerdings, das die Republik aufrüttelt und Berlin durcheinanderwirbelt.

Wie gesagt, es gibt einen Grund zu feiern: In dieser Stadt ist ein Bewusstsein für die entscheidende Frage erwacht: Wem eigentlich gehört diese Stadt – wer hat ein Recht auf dieses Stuttgart?

Und wer nimmt sich einfach dieses verdammte Recht, auch wenn es ihm überhaupt nicht zusteht?

Wir brauchen keine Schlichtungs-Shows im Fernsehen, keine Schein- und Scheinwerferdemokratie, wir brauchen Menschen wie Sie auf diesem Platz, Leute, die sich und etwas bewegen.

Und man muss wachsam bleiben. Schon am frühen Sonntagabend sprach der SPD-Spitzenkandidat von Koalitionsverhandlungen „auf Augenhöhe“ mit den Grünen. Dieser Satz sagt alles: Es geht bei dieser sogenannten Augenhöhe bereits wieder um die Machtverteilung, um Posten und Positionen. Wer die Ohren aufgemacht hat, hat die Floskel von der Augenhöhe auch im Wahlkampf x-mal gehört – da aber galt sie noch dem Wähler, dem Bürger.

Wenn die neuen Regierungspolitiker uns heute erzählen: Wir sitzen alle im gleichen Boot, dann lautet die Antwort: Aber nicht im gleichen Dienst-Mercedes und schon gar nicht im gleichen Kabinett.

Ohnehin sollten wir uns angesichts der neuen Landesregierung nicht von unserem wichtigsten Thema ablenken lassen: Hier, vor diesem Bahnhof, der zum Teil schon kaputt gemacht wurde, geht es um die Stadt, um die Zukunft von Stuttgart. Und es geht darum zu verhindern, dass der Charakter dieser Stadt weiter zerstört, ihre Geschichte ignoriert wird.

Stuttgart 21 ist ja nicht die einzige Baustelle, die unser Leben verändert. Gebaut wird für Milliarden an allen Ecken und Enden, vor allem auch in der Innenstadt. So in der Nähe des Charlottenplatzes, in der Lautenschlagerstraße, in der Oberen Marienstraße, dem sogenannten Quartier S, in der Eberhardstraße und natürlich das ECE-Einkaufszentrum.

Offenbar keiner in der Stadt fühlt sich für diese städtebaulichen Einschnitte, für die funktionalen Büro-Kästen verantwortlich. Keiner spricht vom Großen und Ganzen, von einer Stadtentwicklung.

Die Innenstadt wird eine gigantische Baustelle. Die Bürger müssen leben mit Lärm und Dreck, mit Baufahrzeugen und Verlusten.

Was soll denn dauernd der dumme Vorwurf des „Dagegenseins“ an die Adresse der Demonstranten – ausgerechnet von Leuten, die sich weder mit dem Für noch mit dem Wider auseinandersetzen, sondern die Dinge in provinzieller Haltungslosigkeit zugunsten der Investoren treiben lassen... Viele Grüße an den unsichtbaren Baubürgermeister...

Es ist undenkbar, dass die Bewegung gegen Stuttgart 21 nicht ausstrahlen wird, dass die Energie, sich einzumischen, sich auf den Bahnhof reduzieren könnte. Die Zeichen sind anders. Erst vergangene Woche versammelten sich einige hundert Leute in der Dorotheenstraße vor dem Hotel Silber, der ehemaligen Gestapo-Zentrale, um gegen den Abriss dieses historischen Gebäudes zu protestieren. Der Historiker und Direktor des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, Dr. Werner Jung, hielt bei dieser Kundgebung eine bemerkenswerte Rede. Er hat den Umgang mit dem Gebäude als schäbig bezeichnet und vor einer neuerlichen Stuttgarter Kulturschande gewarnt. Ich zitierte aus seiner Rede: „Mit dem Argument, das Hotel Silber sei angeblich nicht mehr Original... wird der beabsichtige Abriss immer wieder begründet. Dass dieses Haus nicht unter Denkmalschutz steht, ist nicht ein Problem des Hauses, sondern der zuständigen Behörde, des Landesdenkmalamtes: Hier hat man keinen Sinn für diese Architektur des alten Hauses, das im Neo-Renaissance-Stil errichtet wurde - und vor allem haben diese sogenannten Denkmalpfleger einen seelenlosen Blick auf die Geschichte und der Verantwortung davor. Mit dem Argument, infolge von Umbauten und Anbauten könne ein Gebäude nicht Denkmal sein, könnten Sie quer durch die ganze Republik an einer Vielzahl von bekannten Denkmälern die Abrissbirne anlegen. Mit dem gleichen Recht – wie das Hotel Silber abgerissen werden soll – könnten Sie das Alte Schloss in Stuttgart abreißen.“

Wie wir wissen, haben auch die Grünen keine klare Position zu diesem Gebäude, und auch sie wird man daran messen, wie sie mit Stadtgeschichte umgehen. Solche Dinge dürfen im allgemeinen Wahljubel so wenig untergehen wie etwa das seit jeher gestörte Verhältnis der Stuttgarter Politiker zum Wasser in dieser Stadt.

Ein Dichterwort sagt: „Den Charakter einer Stadt erkennt man an ihrem Umgang mit dem Wasser.“ So wie die regierenden Herrschaften im Rathaus sich nie um einen Zugang zum Neckar gekümmert, so wie sie diesen Fluss ignoriert haben, so arrogant und fahrlässig gehen sie heute mit dem Mineralwasser um. Eben erst hat der Stuttgarter Geologe - und bekennende Stuttgart-21-Befürworter - Martin Schaffer im „Stern“ vor den Folgen von Stuttgart 21 gewarnt. Ich zitiere: „Durch das Bauvorhaben wird das Gestein rund um den Tunnel gelockert. Welchen Weg das Mineralwasser, das unter hohem Druck steht, dann nimmt, ist unklar. Es könnte sich einfach in den Neckar ergießen.“

Damit die Probleme dieser Stadt, die uns wichtig ist, im Fluss bleiben – dafür ist die Straße da. Die Straße ist, wenn wir die Lektionen der Vergangenheit begriffen haben, das Forum der neuen Demokratie. Und den Technokraten und Spekulanten, die unter Missachtung der Geschichte ihre schlecht geplanten Projekte als Chance und Zukunft verkaufen, muss man mit einem Dichterwort sagen, was Fortschritt bedeutet.

Jack Kerouac hat geschrieben: „Nichts hinter mir, alles vor mir, wie das auf der Straße immer ist."

In diesem Sinne: Auf der Straße bleiben. An welchem Ort auch immer.

SOUNDTRACK DES TAGES



KOMMENTARE SCHREIBEN: LESERSALON



DIE WICHTIGE REDE des Kölner Historikers Dr. Werner Jung über das HOTEL SILBER, die ehemalige Stuttgarter Gestapo-Zentrale in der Dorotheenstraße, finden Sie auf der Depeschenseite vom Freitag, 25. März. Es geht um den Erhalt des Gebäudes, um die Vermeidung einer weiteren Stuttgarter Kulturschande.



FILM: STUTTGART 21 - DENK MAL!

Die Doku läuft von Donnerstag bis Samstag im Stuttgarter Delphi, jeweils 18.45 Uhr, sonntags 15.15 Uhr Programmkino-Magazin



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EDITION TIAMAT BERLIN (Hier gibt es mein Buch "Schwaben, Schwafler Ehrenmänner - Spazieren und vor die Hunde gehen in Stuttgart")

www.bittermann.edition-tiamat.de (mit der Fußball-Kolumne "Blutgrätsche")
Permalink zu dieser Depesche: www.flaneursalon.de/de/depeschen.php?sel=20110328
 

 

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