Bauers Depeschen


Donnerstag, 10. Februar 2011, 670. Depesche



NOTIZ

Verehrte Flaneursalon-Besucher,

wäre schön, wenn Sie hin und wieder die Links unten ("Friendly Fire") beachten würden - relativ neu sind "Nachdenkseiten" und "Railomotive". Nächster Flaneursalon: Mittwoch, 16. März, Friedenau (Ostheim). - Bald habe ich auch Neuigkeiten über die in Stuttgart geborene und in Spanien gefallene Kriegsfotografin Gerda Taro. Um dieses Thema habe ich mich ja öfter gekümmert. Bei der Stuttgarter Ausstellung ihrer Bilder im vergangenen Jahr war das Kunstmuseum leider nicht in der Lage, einen Katalog zu produzieren. - Hier noch eine kleine Geschichte aus der Straßenbahn:



BUSHIDO

Es gab Zeiten, da war es spannend und erregend, auf die Straßenbahn zu warten. Das war in den Tagen vor den Videowänden. Da blieb einem nichts anderes übrig, als die intakten Teile des Hirns auf Reise zu schicken. Seit es Video-Nachrichten in den U-Bahnstationen gibt, vergeht die Zeit wie im Flug. Dieter Bohlen gibt wieder den Kotzbrocken, und Paris Hilton ist wieder berühmt. Und dann kommt die Bahn. Was ist aus der Fantasie geworden. Ich bin nur noch Gast in Reality-Shows.

Neulich saß ich in der Linie 3 neben einigen Wollmützen. Die Jungs schienen sich bei ihrem Auftritt an dem Berliner Rapper und Kinderschreck Bushido zu orientieren, etwa so, wie sich der Schauspieler Johnny Depp den Musiker Keith Richards für seine Rolle als Piratenkapitän zum Vorbild nimmt. Bei Bushido, dies für die Freunde des Belcanto, handelt es sich um einen Vertreter der sogenannten Milupa-Gangsta. Die Berliner "Tageszeitung" hat ihn eine "Dumpfbacke" und einen "furzlangweiligen Kacker" genannt. Deshalb rief der Popstar die Justiz unseres Rechtsstaats an, worauf die "Tageszeitung" ihre Beleidigungen in verschärfter Form wiederholte.

Bushido hatte vor meinem Treffen mit den Wollmützen auf der Freilichtbühne Killesberg gastiert. Er führte sich, wie man mir erzähle, auch hinter der Bühne wie ein kleiner Junge auf, der gern ein großer Gangster wäre. Er ist ein Leichtgewicht mit schwerem Dachschaden, und ich bin überzeugt, dass die Jungs aus meiner Straßenbahn Bushido gesehen und gehört hatten.

Eine der Wollmützen bespielte unseren Waggon mit seinem Handy. Es war laut, es war Rap, und der Rhythmus gab mir Kraft. Als Bushido jr. hinausging, kürte ich ihn laut und in gutem Schwäbisch zum Mitglied im globalen Ensemble der Motherfucking Assholes. Daraufhin versprühten seine Augen Feuer, und er blieb zweimal stehen, als wollte er umkehren und mir zeigen, was ein Bushido ist. "Bushido", hätte ich sagen können, "komm her, du furzlangweiliger Kacker, hier steht Bruce Willis."

Ich habe es nicht gesagt, weil ich zwei Tage zuvor beim Fußballtraining den kleinen Finger der linken Hand verstaucht hatte und der Finger trotz intensiver Behandlung mit "Allgäuer Latschenkiefer Arnika extra" noch geschwollen war.

Allerdings habe ich heute kaum noch Angst vor Halbstarken, seit ich in eine Horde Kinder geraten bin. Es war in der Linie 6 zum Bahnhof, als die Kinder zustiegen. Sie waren laut und wild und erwischten mich auf dem falschen Fuß. Kurz zuvor hatte ich mit meinem Kollegen Herr Holwein, einem ehrenwerten Kenner der klassischen Musik, im Eifer des Gesprächs die falsche Bahn genommen und eine Ballett-Vorstellung im Opernhaus verpasst.

Die Kinder im Zug brüllten hemmungslos. Sie brüllten so lange, bis Herr Holwein, ein gütiger, feinsinniger Mann, wie aus heiterem Himmel brüllte: "Ru-he!" Die Kinder verstummten schlagartig. Nur eines von ihnen flüsterte, gerade so laut, dass ich es hören konnte, seinem Nachbarn ins Ohr. Jetzt frage ich Sie, verehrtes Publikum: Was hat das Kind geflüstert? War das Kind ein Bushido? Hat es "furzlangweilige Dumpfbacke" geflüstert?

Ich sage Ihnen was, verehrtes Publikum. Womöglich ist die Jugend von heute wie jede andere vor ihr die dümmste. Aber sie ist nicht die allerdümmste. Das Kind sagte leise, hinter vorgehaltener Hand: "Das ist ein böser Mann." Gemeint war Herr Holwein, und dieses Urteil klang wie Poesie.

Ich musste lachen, und ich lachte laut und dreckig wie Bushido. Das Kind schaute mich eine Weile an und sagte: "Sind Sie Schlagersänger? Oder Sonnenbrillenfabrikant?" "Nein", sagte ich, "ich bin ein ganz normales Arschloch." "Okay“, sagte das Kind, „Sie sind Dieter Bohlen.“

Okay, sagte ich, ich hab‘s vermasselt.

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www.bittermann.edition-tiamat.de (mit der Fußball-Kolumne "Blutgrätsche")


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