Bauers Depeschen


Mittwoch, 05. Januar 2011, 651. Depesche



Aktuelle StN-Kolumne:



DIE LETZTE OPER

Heute, rechtzeitig zu ihrem Hofball in der Alten Reithalle, ist die FDP-Garde in die Stadt gekommen. Westerwelle wird in der S-Klasse sitzen, der Rest seiner Anhänger dürfte in einen Fiat Cinquecento passen. Der ist schneller vollgetankt als die Liberalen. Generell wird beim Stuttgarter Dreikönigstreffen diese Woche mit kleinem Spesengeld hantiert. Die Übernachtungskosten übernimmt sowieso das Hotel.

Dass die „öffentliche Kundgebung“, wie die Splitterpartei ihre Betriebsversammlung nennt, immer noch im Opernhaus am Eckensee stattfindet, scheint fragwürdiger denn je. Der Steuerzahler wird nicht begreifen, was die FDP in ihrem Zustand auf einer subventionierten Staatstheaterbühne zu suchen hat. Besser wäre es für die Liberalen (so nennen sie sich bis heute), Genre-gerecht in der Komödie im Marquardt oder im bankeigenen Varieté Friedrichsbau aufzutreten. Am besten aber bei einem Event der Bestattungsfirma Haller; die Branche feiert Rekordgewinne, seit sich der FDP-Minister Rösler um die Medizin kümmert.

Aber nein, man gönnt sich einen Ball unter den Kronleuchtern der Reithalle, ganz nach dem dekadenten Motto: Das Elend droht, der Kongress tanzt.

Auf den Plakaten in der Stadt liest man den Slogan: „Motor: FDP“. Mit dieser Mühle ausgerechnet in der Autostadt Stuttgart einzufallen ist mutig von den versprengten Polit-Desperados, nachdem sich die drei barocken Pünktchen hinter den Buchstaben F, D und P in den zeitgenössischen Wahlumfragen verewigt haben.

Wie den Juchtenkäfer in der Nachbarschaft der Oper muss man bald auch die neoliberalen Solzialabbauarbeiter der FDP unter Artenschutz stellen. Der Nachwuchs würde davon lernen: Seht her, so haben früher Leute ihre Haare gegelt, die ohne Rücksicht auf Verluste immer nur die Macht im Kopf hatten. Ihr politisches Format war so, dass es besser auf Briefmarken passte.

Die Liste der Dreikönigstreffen-Redner klingt nach großer Partitur. Westerwelle, Goll, vor allem Homburger. Die Landesvorsitzende ist eine unschlagbare Waffe im Kampf gegen die S-21-Gegner. Sobald sie redet, degradiert sie jede Tröte und Trillerpfeife zur Piccoloflöte. Autokenner erinnert Frau Homburgers Organ an eine zu spät zurückgerufene Toyota-Hupe.

Aber solche Dinge sagen nichts über die inneren Werte von Politikern. Politiker sind sensibel und nostalgisch. Die FDPler im Landtag denken beim Blick auf die Oper und den Park bereits sehnsüchtig daran, wie sie nach den Abwahlen im März ihre Freizeit mit spätrömischer Dekadenz gestalten könnten. Ich wüsste ein paar gute Sachen, will aber nicht gestört werden, wenn ich mit einem Kasten Hofbräu, zwei, drei liberalen Damen und Walter Döring vor meinem Flachbildschirm sitze.

Es ist nicht fair, im Kampf nachzutreten. Das macht nur die liberal getrimmte Polizei, wenn sie Kastanien für Molotow-Cocktails hält. Ich sollte das nicht tun. In der „FAZ“ stand, die FDP sei dabei, „eine Ausnahmeerscheinung“ zu stürzen: Westerwelle. Genau weiß ich nicht, was mit „Ausnahmeerscheinung“ gemeint ist. Machtpolitiker sind alle außerirdische Erscheinungen. Außer Mappus. Der ist ein ackertaugliches Mühlacker-Modell der CDU.

Die Energie der Liberalen sollte man unterdessen nicht unterschätzen. Wenn die FDP mit Westerwelle und Homburger antritt, ist das, als würde eine Fliege sich selbst mit zwei großen Klappen schlagen.

Und auf einmal wird mir klar, warum es für das Dreikönigstreffen 2011 keinen besseren Ort gibt als die Bühne, die mal Großes Haus hieß. Man denkt an Verdis „Maskenball“, an all die Schurken des Musiktheaters. Deren Kopien werden Westerwelle umgarnen, wenn er in der Maske des Allmächtigen vor seine Lakaien tritt. Nirgendwo könnte man einen Dolchstoß mit realem Hintergrund so medienwirksam inszenieren wie in der Oper. Der perfekte Königsmord. Geiler, als den sterbenden Schwan aus dem Eckensee zu fischen.

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