Bauers Depeschen


Donnerstag, 23. Dezember 2010, 642. Depesche



Die aktuelle Stuttgarter-Nachrichten-Kolumne:



DAS JAHR DER KRÄHEN

Als ich mittags durch den Rosensteinpark lief, roch es nach feuchter Erde und verfaulten Krähen. Es war einige Tage vor Heiligabend, es war Tauwetter, und in Wahrheit weiß ich nicht, wie verfaulte Krähen riechen. Ich bin noch nie einer toten Krähe begegnet. Krähen sterben nicht. Sie leben ewig wie Vampire.

Krähen haben inzwischen vor Menschen so wenig Respekt wie Menschen vor Menschen. Am Beckenrand im Mineralbad Berg stolzieren die Krähen im Winter herum wie Politiker, die glauben, ihnen gehöre nicht nur das Wasser, das sie nicht mehr halten können. Es stört sie nicht, wenn die Dinge den Bach runtergehen. Wenn Eisenbahn-Passagiere erfrieren, S-Bahnen streiken und Autos in Schlaglöchern stecken bleiben. Es war ein gutes Jahr, und bald sind wir schneller in Ulm.

Es war schon dunkel, als ich den Park verließ und mit der Linie 4 zum Charlottenplatz fuhr. In der Altstadt ging ich zu Constantin Socoridas Geschenkgrube. So heißt ein feiner Laden in der Lazarettstraße, es gibt dort günstig Damenstrumpfhosen und Büstenhalter, internationale Musik-CDs und global geschneiderte Rucksäcke.

Ich hörte ein Surren wie von einer Bohrmaschine, es roch nach Luftangriff und toten Krähen. Da sah ich die Fledermaus. Ihre Augen leuchteten rot, und diese Augen sahen gierig aus. Die Fledermaus flatterte im Kreis herum. Sie war dicht über meiner Schiebermütze, und sie hätte mir mein Blut genommen, hätte Herr Socorida sie nicht an das „Coffee to go“-Schild seines Ladens angebunden gehabt. Es war eine elektrische Fledermaus.

Bald war Heiligabend, und es war das Jahr der Krähen und Blutsauger.

Ich freue mich jedes Mal, wenn ich etwas sehe, das noch funktioniert. Herr Socorida hätte eine Pressemitteilung in sein Schaufenster hängen können: „Achtung, hier spricht Deutschlands einziger Fledermausladen. Wir raten Ihnen dringend ab, unsere Fledermäuse zu kaufen.“

Die Deutsche Bahn hat auf diese Art erst ihre Kunden verprellt und dann mitgeteilt, sie werde, entsprechend ihrem sonstigen Umgang mit demokratischen Regeln, eine dritte Klasse in ihren Zügen einrichten. Diese Entscheidung folgt dem Gleichheitsprinzip: Beim ersten Schnee des Jahres ist es scheißegal, ob du in der ersten oder dritten Klasse keinen Platz bekommst und dir an Gleis zwei oder drei die Füße abfrierst. Der Zug fährt sowieso nicht, solange ihn Grubes drittklassiges Management lenkt.

Es war ein gutes Jahr, und bald sind wir schneller in Ulm.

Die im kapitalistischen System bahnbrechende Idee eines Unternehmens, die Kundschaft vor dem eigenen Produkt zu warnen, könnte Schule machen:

„Achtung, hier spricht Ihr Ministerpräsident. Ich rate Ihnen dringend davon ab, mich zu wählen.“

Auch der tote Vogel wird fliegen, würde Westerwelle sagen.

Das erste bisschen Winter des Jahres hat uns vor Heiligabend die Wahrheit über die Mobilität und ihren Fortschritt vor Augen geführt. Wir sind der Natur nicht gewachsen, aber bald schneller in Ulm.

Längst haben die Menschen erkannt, warum es im Winter sinnlos ist, an Mobilität auch nur zu denken. Man bleibt, wo man ist, und vermehrt sich redlich. Statistiker haben ermittelt, dass die meisten Kinder in Deutschland neuerdings im Dezember gezeugt werden. Viele davon, keine Frage, beim Warten auf die Deutsche Bahn. Wenn Maria & Josef beim Warten auf den Zug von Köln nach Berlin ein Kind zeugen, ist es so gut wie sicher, dass das Kind einen Monat früher am Bahnhof ankommt als der Zug in Köln nach Berlin.

Ich sah der Fledermaus zu, wie sie mit roten Augen ihre Kreise zog. Früher, sagte ich zur Fledermaus, nachdem ich mich mit ihr angefreundet hatte, früher haben die Deutschen ihre Kinder mit Lust im Frühling gemacht. Da haben sie nicht das ganze Jahr lang auf die Bahn warten müssen.

Es war ein gutes Jahr, sagt die Fledermaus, und bald sind wir schneller in Uuuuulm . . . Da hatte ich den Kopf der Fledermaus schon zwischen den Zähnen.

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