Bauers Depeschen


Freitag, 10. Dezember 2010, 636. Depesche



Die Stuttgarter-Nachrichten-Kolumne vom 11. Dezember:



DER KONGRESS TANZT

Als Fumagalli und Daris Huesca in den Ring stiegen – der eine mit den Boxhandschuhen an den Füßen – und sich gegenseitig auf die Birne schlugen, war Heiligabend in der Stadt. Heiliger geht nicht, mehr Wunder gibt es nicht.

Weihnachten ist in Stuttgart, wenn der Weltweihnachtscircus auf dem Wasen spielt. Bei der Premiere war es kalt und nass in der Stadt, und im Neckar haben sich die Sterne gespiegelt. Glauben Sie wirklich, ich hätte nachgeschaut, ob sich im Neckar die Sterne spiegeln? Der Himmel war schwarz und unsichtbar, so wie ihn Gott der Stadt zugewiesen hat, und ich habe mir ausgemalt, wie alles glitzert. Der Schnee und der Neckar im Mond- und die Zuckerwatte im Scheinwerferlicht.

Wenn man von der Neckarbrücke hinunterschaut auf das Zirkuszelt, begreift man, warum das Leben mehr zu bieten hat als das, was wir Tatsachen nennen. Tatsache ist, dass die Zirkusshow mit einer Nummer beginnt, die nach menschlichem Ermessen weniger gut enden müsste als der Flug einer Sechziger-Jahre-Rakete zum Mond.

„Der Mond ist jetzt ein Ami“, hat „Bild“ seinerzeit geschrieben. Das war Boulevard-Poesie, weltpolitische Propaganda, nichts wert gegen diese Meldung des Jahres 2010: Acht Motorradfahrer rasen wie außerirdische Hornissen in einer geschlitzten Stahlkugel herum, der Tod jagt sie in mörderischem Tempo, aber er kriegt sie nicht. Wie zum Spott nennen sich die Männer „The Globe of Death“. Der Himmel schütze diese Rocker. Sie sind Gottes Hells Angels.

Aus dem Weltweihnachtscircus könnte man viel erzählen, von der Szene mit dem kleinen Hund, der aus dem Nichts in der Manege auftaucht, sich wie auf Drogen in ein Vertikalseil verbeißt und sich vermutlich fühlt, als umkreise er die Erde. Irgendein Zirkusgenie muss sehr lange die Tücke des Objekts studiert und das Objekt in einen Hund verwandelt haben. Mein Sitznachbar hat sich fast totgelacht.

Ich will aber nicht so viel verraten, ich würde die Weihnachtscircusüberraschungen kaputt machen, sie sind so gewaltig, wie ich sie selten erlebt habe.

Sie dürfen mir alles glauben, hochverehrtes Publikum. Im Weltweihnachtscircus lernt man alles über die Wahrheit. Warum Könner in der Manege mit viel zu langen Unterhosen würdevoller aussehen als Pfeifen im Landtag in Maßanzügen.

Wem der Zirkus zu aufregend, zu halsbrecherisch erscheint, der sollte sich wenigstens einmal ins Vorzelt schleichen und einen Lungenzug nehmen. Seine Pupillen werden sich weiten, seine Nasenlöcher beben. Und es genügt ein glasiger Blick ins Programmheft, um den Rest zu verstehen: „Ein guter Clown“, heißt es da, „ist mehr als eine Figur, die Späße macht und sich spaßig gibt, aber gar nicht humorvoll ist.“

Etwas Ähnliches hat Tucholsky gesagt: Die meisten Witze haben mit Humor nichts zu tun. Humor, glaube ich, haben auch die Motorradmänner in der Eisenkugel. Sie nehmen ihr Leben und unsere Angst auf die Schippe und führen den Tod an der Nase herum.

Es gibt auch Tiere im Zirkus, sie sehen nicht aus, als hätte sie je einer am Nasenring herumgeführt. Ein Wüstenschiff verliert nicht einmal am Neckar seine Würde. Das unterscheidet das Kamel vom Fußballspieler.

Schluss für heute, im Namen der Weltdirektion darf ich Ihnen noch ausrichten: Der Weltweihnachtscircus ist ein sensationeller revolutionärer Weltkongress. Nordkorea tanzt. Die Clowns boxen.

SOUNDTRACK DES TAGES



FLANEURSALON-TERMIN

Nicht vergessen: Maulwurf-Matinee am Sonntag, 19. Dezember, mit den Musikanten Zam Helga, Dacia Bridges und dem Vorleser. 11 Uhr. Reservierungen: 07 11 / 6 73 24 06.



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Vielleicht mal, wenn es S 21 erlaubt, einen Blick auf:

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DIE STN-KOLUMNEN



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EDITION TIAMAT BERLIN (Hier gibt es mein Buch "Schwaben, Schwafler Ehrenmänner - Spazieren und vor die Hunde gehen in Stuttgart")

www.bittermann.edition-tiamat.de (mit der Fußball-Kolumne "Blutgrätsche")












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