Bauers Depeschen


Montag, 06. Dezember 2010, 633. Depesche



WETTERBERICHT

Im LESERSALON ist offenbar Winterschlafzeit. Sind denn alle im Schneematsch auf den Mund gefallen und haben sich dabei die Finger gebrochen? An die Arbeit, faule Säcke!



FLANEURSALON-TERMIN

Nicht vergessen: Maulwurf-Matinee am Sonntag, 19. Dezember, mit dem großartigen Zam Helga, mit der einzigartigen Dacia Bridges und dem alten Vorleser. 11 Uhr. Reservierungen: 07 11 / 6 73 24 06.



Die aktuelle StN-Fußballkolume:



DISNEYLAND IST ÜBERALL

Die Liga, heißt es, sei außer Rand und Band. Ein ähnliches Problem hat die ganze gottverlassene Welt. Alle, auch die, die sich sonst nie an den Schweinereien dieser Welt stören, sind jetzt sehr empört.

Die Fifa hat die WM nach Katar vergeben. Dort ist es heiß und die Bevölkerung muslimisch. Das heißt: Die Fifa ist korrupt.

Die Untergangsstimmung weitet sich aus, wenn Spieler wie Gladbachs Bobadilla oder Wolfsburgs Dzeko schon für legales Geld unschöne Dinge tun. Der eine flog nach einem bösen Foul vom Platz, der andere gab dem Trainer nicht die Hand.

Im Fall Wolfsburg war es ein Wunder, dass der englische Trainer McLaren überhaupt eine Hand frei hatte. Berühmt wurde er, als er 2007 in seinem Job als Nationalcoach unter seinem riesigen Regenschirm zusah, wie England die EM-Quali gegen Kroatien vergeigte. Danach war er „the wally with the brolly“ („der Trottel mit dem Schirm“). Diesen McLaren hat Wolfsburg im Paket mit Dieter Hoeneß geholt, um einen Weltclub aufzubauen.

Angesichts solcher Geniestreiche im Liga-Geschäft fragt mancher zu unrecht, warum am 15. Spieltag ausgerechnet Opernsänger das Duell Schalke gegen Bayern mit Live-Gesängen auf Sky kommentierten. Erstens war das angenehmer, als wenn Fritz von Thurn und Taxis oder Bela Rethy diese Jobs erledigen. Zweitens darf man auch mal mit Schmettergesängen ein Spiel kommentieren, wenn ganze WM-Turniere in einer Kühlbox in der Wüste stattfinden. Es gilt: Disneyland ist überall.

Seltsam, weshalb der WM-Zuschlag für Katar als Korruption gegeißelt wird. Eine WM kann (wie eine Oper) an fast jedem Ort aufgeführt werden. Was kümmern uns die paar Touris und Spieler, die live dabei sind. Was zählt, ist das Fernsehereignis, und das funktioniert auch am Südpol: Schöne temporäre Stadien hinstellen, auf den Rängen virtuelle Fans vorzeigen, mit „You’ll Never Walk Alone“ aus der Konserve die Welt beschallen. Kein Problem.

Was also soll das Bestechungsgeschrei? Bei einer Fußball-WM handelt es sich

1.) um ein gewaltiges Immobilienprojekt,

2.) um eine gigantisches Geschäft für die

Medien- und Sportartikelindustrie,

3.) um eine unbezahlbare Image-

kampagne für das Gastgeberland.

Wer jetzt nachrechnet, wie viele Milliarden plus da drin sind, kann nicht so naiv sein, an ein Unternehmen ohne kreative kriminelle Energie zu glauben. Sonst müsste man gar annehmen, Deutschland habe sich seine 12:11 Stimmen für die WM 2006 allein mit Franz Beckenbauers bayerischem Unschuldslächeln und Gerd Schröders Macho-Geblöke gesichert. Große Dinge gelingen nirgendwo mehr ohne die globale Entwicklungshilfe ehrenwerter Familienpaten wie Sepp Blatter. Die Männerbünde der Bananenrepubliken, das wissen wir aus dem eigenen Land, dehnen sich im gleichen Tempo aus wie die Mafia.

Warum es dennoch Gründe gibt, Fußball zu lieben, liegt nicht etwa an meiner infantilen Hinwendung zu den Stuttgarter Kickers. Denn selbst dieser Armenclub lebt vom großen Kuchen, nämlich vom Geld des Stuttgart-21-Sprechers Wolfgang Dietrich.

Um die Leidenschaft für den Fußball nicht zu verlieren, empfehle ich einen Text des Schriftstellers Roberto Saviano. Der Italiener wurde mit seinen Enthüllungen über die Mafia („Gomorra“) berühmt; er lebt unter Polizeischutz. In seinem neuen Buch, „Die Schönheit und die Hölle“, findet sich auch ein Aufsatz über den Spieler Lionel Messi. „Sein jugendliches Gesicht“, heißt es darin, „verrät nichts von dem, was er jahrelang durchgemacht hat, nichts von den täglichen Hormonspritzen, dank der erwachsen und der weltbeste Fußballer unserer Tage werden konnte . . .“

Savianos Kapitel über Messi erzählt uns mehr über das Leben als die Erkenntnis, die Blatters dieser Welt seien womöglich doch die Herrgötter, für die sie sich halten.

SOUNDTRACK DES TAGES



FLANEURSALON-TERMIN

Nicht vergessen: Maulwurf-Matinee am Sonntag, 19. Dezember, mit den Musikanten Zam Helga, Dacia Bridges und dem Vorleser. 11 Uhr. Reservierungen: 07 11 / 6 73 24 06.



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Vielleicht mal, wenn es S 21 erlaubt, einen Blick auf:

GLANZ & ELEND



DIE STN-KOLUMNEN



FRIENDLY FIRE:

FlÜGEL TV

VINCENT KLINK

UNSERE STADT

KESSEL.TV

EDITION TIAMAT BERLIN (Hier gibt es mein Buch "Schwaben, Schwafler Ehrenmänner - Spazieren und vor die Hunde gehen in Stuttgart")

www.bittermann.edition-tiamat.de (mit der Fußball-Kolumne "Blutgrätsche")






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