Bauers Depeschen


Montag, 18. Oktober 2010, 600. Depesche



FLANEURSALON am 7. 11. im THEATERHAUS: Fast ausverkauft...



S 21

Dieser lustig formulierte Leserbrief ist in der aktuellen Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ zu lesen:



"Ursächlich für den Protest gegen Stuttgart 21 ist eine unappetitliche Mischung aus wahnhafter Unfehlbarkeit, pathologischer schwäbischer Schlaumeierei und skrupellosen Machtinteressen grüner Politiker. Provinzielle Kommunikationsdefizite, fehlende politische Kultur und ein missglückter Polizeieinsatz dürfen aber nicht dazu führen, dass ein Projekt mit überregionaler, ja europäischer Bedeutung an einigen frustrierten, destruktiven Hinterwäldlern und geistigen Brandstiftern sowie deren politisierten Mitläufern scheitert.

Wolfgang Walter, Weißenhorn"

Anmerkung des Homepage-Betreibers: Via Google findet man einen Herrn Wolfgang Walter aus Weißenhorn als "Liedmeister" der Verbindung "CV-Zirkel Donauschwaben". Weißenhorn hat 13 000 Einwohner und gehört zum Landkreis Neu-Ulm, Bayern



Heute zur Abwechslung mal meine StN-Fußballkolumne:



DIE ZEIT NACH KOSTEDDE

Nachdem der VfB seinen eidgenössischen Fußballlehrer entlassen hat, stellt sich die Frage: War Gross in Stuttgart integriert? Nicht als Schweizer. Als Trainer.

Fast nirgendwo spielt das Thema Integration traditionell eine so wichtige Rolle wie im Fußball. Die deutsch Kanzlerin, nach ihrer DDR-Zeit auch im Westen integriert, sprach neulich bei der Jungen Union wieder mal von ihrem Lieblingsintegrierten, dem Fußballer Özil. Nicht erst seit der türkischstämmige Jungstar ihr mit nacktem Oberkörper die Hand gegeben hat, gilt er Frau Merkel als Musterbeispiel für Einbürgerung. Erg hat sich so gut in das DFB-Team integriert, dass er kurz darauf sogar nach Spanien auswandern konnte.

Es riecht nach Populismus, Fußballspieler als Erfolgsmodelle politischer Integration vorzuführen. Denn die Kunst, ein Fußballteam zu formen, beruht seit jeher auf dem Talent, völlig verschiedene Menschen so konfliktfrei zusammenzuführen, dass sie erfolgreich miteinander spielen.

Diese Herausforderung ist so alt wie der Fußball. Waren es früher Dumme und Gescheite, Faule und Fleißige, Eckige und Geschmeidige, die in ein Team integriert werden mussten, so sind es heute junge Männer von verschiedenen Kontinenten mit verschiedenen Sprachen, mit verschiedenen Religionen. Entsprechend hat sich der Typus des Trainers gewandelt: Reichte es einst, ein Team nach dem Turnlehrerprinzip mit der Trillerpfeife zu lenken, sieht man heute psychologisch geschulte, mit taktischen Konzepten und Entertainer-Raffinesssen ausgestattete Bandleader (Veh beim HSV oder Hecking in Nürnberg bestätigen die Ausnahme von der Regel).

Es mag etwas pathetisch und naiv klingen, aber ich glaube fest daran: Fußball ist heute das einzige taugliche Medium internationaler Verständigung. Selbst das Internet und, nach dem Ende der Weltstars, auch die Popmusik können da nicht mithalten. Mag sein, dass die Fußballmächtigen – etwa Funktionäre der Fifa – mafiös und korrupt ihr Handwerk verrichten. Die friedfertigen Botschaften zwischen Stars und Publikum funktionieren. Die jüngste WM in Südafrika ist dafür ein gutes Beispiel. Clubmanager wie Uli Hoeneß hatten das Land angesichts der herrschenden Gewalt als WM-Ort abgelehnt. Sie wurden eines Besseren belehrt. Entscheidend war nicht unbedingt die Schlagkraft der Polizei. Es war die Strahlkraft des Fußballs.

Wem es als Trainer nicht gelingt, Charaktere verschiedener Kulturen in seine Mannschaft zu integrieren, kann einpacken. Mag Fußball manchem als chauvinistischer Hochleistungszirkus erscheinen. In Wahrheit ist er ein globales und kreatives Netz.

Der afroamerikanische GI-Sohn Erwin Kostedde, im Ruhrgebiet aufgewachsen, spielte bereits 1974 im deutschen Nationalteam. Damals war schwarze Hautfarbe ein größeres gesellschaftliches Problem als heute. 1990 wurde Erwin Kostedde, so sagter er später, von einer „fahrlässigen Polizei“ und einer „profilsüchtigen Staatsanwaltschaft“ eines Tankstellenüberfalls beschuldigt – und vom Gericht frei gesprochen. Zwar hatte er auch schon als Profi unter rassistischen Anfeindungen gelitten. Grundsätzlich aber spielen Herkunft oder Hautfarbe unter Fußballern nur eine Rolle, wenn sich, siehe Kostedde, dumme oder reaktionäre Trittbrettfahrer einmischen. Auf dem Platz geht es um Qualität.

Für Fußball & Politik gilt immer noch die alte spanische Regel: Alle Faschisten waren Anhänger von Real. Aber nicht alle Anhänger von Real waren Faschisten. Der ehemalige argentinische Nationalspieler und heutige Sportdirektor von Real, Jorge Valdano, schreibt in seinem großartigen Buch „Über Fußball“: „ . . . während ich hinter einem Ball her durch die halbe Welt fuhr, begriff ich, dass das Spiel seine eigene Sprache hat und dass diese universell ist. Ich lernte Leute kennen, die einen anderen Hintergrund hatten, doch dieser kulturelle und sprachliche Unterschied war auf dem Platz keine Barriere mehr.“

Valdano beschreibt das „Wunder durch die Sprache des Fußballs“. Diese Art Wunder aber ist kein Allheilmittel für die Integration von Ausländern in der Bundesrepublik. Frau Merkel hat da etwas nicht begriffen. Das Wunder beruht nicht allein auf der Karrierechance. Es gibt einfache Regeln: Trainer, etwa Hoffenheims Coach Rangnick, fordern von ausländischen Profis vertraglich geregelte Deutschstunden wie Trainingseinheiten ein. Der Fußballlehrer hat es da leichter als der Schullehrer.

Es ist billiger Wahlkampf, Fußball für die Integrationspolitik einzuspannen. Zuerst müsste man Politiker in die sozialen Realitäten ihres Landes integrieren.

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