Bauers Depeschen


Dienstag, 05. Oktober 2010, 590. Depesche



FLANEURSALON am Sonntag, 7. NOVEMBER (19.30 Uhr), im THEATERHAUS mit:

HÄUPTLING SITTING KÜCHENBULL - Außerdem im Aufgebot: Eric Gauthier Trio, Dacia Bridges Duo, Michael Gaedt solo als The Master Of The Universe...

Der Bulle ist verärgert: VINCENT KLINK



NOTIZEN

Ich überlege mir, ob es nicht besser wäre, mich aus dem Netz zu verabschieden. Diese Homepage habe ich im Februar 2007 eingerichtet, um mit dem Flaneursalon halbwegs präsent zu sein. Damit es einen Grund gibt, hin und wieder draufzuschauen, habe ich im März mit den Depeschen begonnen (auch, um ein paar Dinge auzuprobieren). Inzwischen bin ich wie jeder, der was mit Veranstaltungen am Hut hat, auf Facebook gelandet - und werde (auch persönlich) auf irgendwelchen Internetseiten mit so viel Dummheit und Dreck konfrontiert, dass einem schlecht wird. Stuttgart 21 macht krank. Definitiv.

SOUNDTRACK DES TAGES

Wenn wir schon beim Thema sind:

Die StN-Kolumne in der Ausgabe von heute:



WAS SOLL MAN MACHEN?

Das Wetter ist gut, der frühe Oktober hat die Bäume in der Stadt kunstvoll ausgeleuchtet, und jetzt, in der Altweibersommerfrische, sind meine Ferien vorbei.

Rechtzeitig vor dem Tag der deutschen Einheit hatte ich gelesen, nur 68 Prozent der Westler hätten jemals ostdeutsche Reviere betreten. So fuhr ich, seit Jahren im Westen zu Hause, nach Brandenburg. Jeder kennt Brandenburg, seit Rainald Grebe seine Ode darauf singt: „In Brandenburg, in Brandenburg / ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt / was soll man auch machen mit 17, 18 in Brandenburg?“

Vorsichtshalber bin ich mit dem Zug gefahren, das war damals, als die Bahn noch nicht Wasserwerfer auffahren ließ, wenn sie Bahnhöfe tiefer legte. Bekanntlich habe ich einen Wassertick, seit ich als junger Mensch Huckleberry Finns Abenteuer am Mississippi gelesen und an der Rems gewohnt habe.

Mit dem Zug kam ich bis Caputh bei Potsdam in Brandenburg. Dort gibt es viel Wasser. Die Havel, den Schwielowsee, den Templiner See etc. Zufällig hat man mich im Nachbarhaus von Albert Einsteins Sommerresidenz einquartiert. Herrn Einstein kennen Sie, er wurde in Ulm geboren, zum Glück aber nicht mit dem Ulm-Gen ausgestattet. Bald war er in Berlin und schließlich in Amerika, um den Nazis zu entkommen. Eines Morgens habe ich Herrn Einsteins Sommersitz besichtigt, ein bescheidenes Anwesen im Bauhausstil. Ich hoffte, eine Portion von seiner Präsenz im Hause abzubekommen, ungefähr so wie die des Sängers Leonard Cohen im Konzertsaal. Anders als Herr Einstein ist Mr. Cohen noch am Leben, dieser Umstand aber spielt bei Männern dieser Klasse keine Rolle. Sie sind da und füllen den Raum.

Herr Einstein hat gelegentlich, wie sein Lieblingsphilosoph Schopenhauer, den technischen Fortschritt als Garant für das Wohl der Menschheit in Frage gestellt. „Der Fortschritt“, hat er gesagt, „lebt vom Austausch des Wissens.“

Hätte Herr Einstein den Wunsch gehabt, zwanzig Minuten schneller von Ulm nach Stuttgart zu gelangen, hätte er gesagt: Okay, morgen fahre ich einen Zug früher.

Der Austausch des Wissens ist zurzeit nicht populär, man redet lieber von „Kommunikation“. Weil aber eine Floskel nicht weiterhilft, sind die „Kommunikationslöcher“ berühmt geworden. Als Kommunikationslöcher – das sage ich, um Missverständnissen vorzubeugen – bezeichnet man nur bedingt eine gewisse Sorte Mensch. Für diesen Fall gibt es präzisere Begriffe.

Die Tage in Caputh gingen schnell vorbei, schneller, als mir lieb war. Womöglich hat das mit Herrn Einsteins Relativitäts-theorie zu tun, aber davon verstehe ich nichts. Sonst wäre was aus mir geworden.

Zurück aus dem fernen Brandenburg stand ich sofort wieder im heimischen Brennpunkt, und inzwischen hatte die örtliche Polizei meine Liebe zum Wasser erhört. Noch keine zehn Minuten im Schlossgarten, waren meine Pflastersteine total aufgeweicht. Das ist der technische Fortschritt der Polizei: „Das weiche Wasser bricht den Stein.“ Kennen Sie dieses Zeile noch? Die hat in den achtziger Jahren die holländische Band Bots gespielt. Das war keine Polizeikapelle, die Bots waren für Frieden und nichts für meine Nerven.

Die Dinge haben sich geändert. Als dieser Tage Leonard Cohen und seine Band in Stuttgart gastierten und zum Schlossgarten gingen, fragte einer der Musiker erschrocken: Jesus, was machen die vielen Militärs im Park, ist in Deutschland Krieg?

Noch nicht. Zum Tag der deutschen Einheit hatten deutsche Politiker deutsche Polizisten und deutsche Metallzäune ankarren lassen, um den Fortschritt vor den Bäumen zu schützen. Dann hat man Bäume gefällt und ein paar Dutzend Kinder und Rentner, damit sie nicht den demonstrierenden Altkommunisten in die Finger fielen.

Im Grunde meines Herzens bin ich ein konservativer Stadt-Verteidiger. Ich finde es sogar als Kickers-Mann scheiße, wenn der VfB gegen die Wand gurkt, als wären wir in Brandenburg. Aber selbst dort kann man sich den Dinge nicht entziehen. Überall, in jeder Lokalzeitung, wird einem vorgeführt, warum die Rechs und Mappusse mit den Menschen einer Stadt nichts zu tun haben. Sobald sie den Mund aufmachen, wirken sie wie Aliens, die auf den Bäumen von Östringen & Mühlacker sitzen geblieben sind, sich auf die Machobrust trommeln und den Fortschritt predigen.

Keine Ahnung, wie das weitergeht. Es gibt kein Gespräch mehr, das nicht ins Stuttgart-21-Loch fällt. Als ich einige Songs lang dachte, die Musik könne einen aus dem Elend führen, sagte Mr. Cohen zu uns: Passen Sie auf sich und Ihre Bäume auf. Geht in Ordnung, Mr. Cohen. Die Bäume haben gerade eine gute Farbe.



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