Bauers Depeschen


Montag, 05. Juli 2010, 533. Depesche



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Montagskolumne in den Stuttgarter Nachrichten (noch nicht online):



Joe Bauer allein mit seinem Fernseher

DIE VÖGEL - mit dem Soundtrack des Tages



Es war am Sonntagmorgen vor fünf, als mich die Vögel weckten, und ich sage Ihnen: Die Vögel in der Stadt werden immer lauter und unverschämter. Dass uns an Straßenbahnhaltestellen Krähen vor den Füßen herumtanzen und im Tiefflug rammen, daran habe ich mich gewöhnt. Neulich aber unternahm ein junger Spatz sechs, sieben Anläufe, um mir vor dem Kaffeehaus am Karlsplatz den Fisch vom Teller zu fressen. Ich habe mit der Speisekarte nach ihm geschlagen und auf die Stuhllehne gehauen, dass es krachte. Aber das hat ihn nicht beeindruckt.

Alfred Hitchcocks Horrorszenario rückt immer näher. Vögel werden uns töten.

Am Morgen des Sonntags beruhigte sich die Lage, als sich Paukenschläge aus der Ferne in den Vogellärm mischten. Die Schläge wurden lauter, und als der Sound im Blitzlicht elektrisch krachte, verstummte das millionenfache Gezwitscher. Ein schweres Gewitter kam über die Stadt, ich war wach und schlecht gelaunt.

Das Spiel war vorbei und mit ihm womöglich das letzte Kapitel der größten irdischen Karriere seit Jesus. Das ist weniger traurig, als mancher hämisch hofft. Maradona wird seine Jobs als lebende Legende und amtierender Gott behalten.

Am Tag des Spiels, als die amtierende Kanzlerin auf der Tribüne auch die letzte Kontrolle über ihren Deutschländer-Körper verlor, geschah etwas Unglaubliches. Vierzunull gegen Argentinien. Nach dem Schlusspfiff ging ich hinaus, schnüffelte in den Straßen des Westens und sah Männer mit deutschen Trikots und deutschen Vuvuzelas, den wichtigsten Symbolen deutscher Tugend.

Weil ich schon lange in der Gegend wohne, erkannte ich einige der Vuvuzela-Pfeifen und wusste, warum sie kein Recht zum Blasen haben. Diese Typen, das kann ich beweisen, haben nie im Leben die „Sportschau“ gesehen. Und während der Übertragung großer Spiele ihren Opel gewaschen. Nur Männer, die einmal auf der Stehtribüne der Kickers den Verstand oder im A-Block des VfB den Kopf verloren haben, besitzen die Lizenz zum Tröten.

Es gibt den alten Streit, wie man am besten ein Spiel verfolgt, wenn man nicht im Stadion sein kann: in Gesellschaft oder allein. Die ersten vier WM-Spiele des deutschen Teams habe ich in Kneipen und im Biergarten gesehen, und ich kann sagen: Gesehen habe ich nichts.

Die Leute beim Fußball in Kneipen und Biergärten führen sich auf wie die Fans der Beatles vor einem halben Jahrhundert: Sie kreischen, schwer angestochen. Der einzige Unterschied zwischen den Popkonzerten der Steinzeit und den Fußballspielen unserer Tage sind die Mädchen: Beim Anblick von Schweini werfen sie nicht sofort ihr Höschen. Da hatte es John Lennon leichter.

Das Spiel der Deutschen gegen die Argentinier habe ich mir in Ruhe angeschaut, störungsfrei. Wir waren allein, ich und mein Fernseher. Nicht mal der Lärm der Stadt drang zu uns herein, und ich sagte zu meinem Fernseher: Hör mal, Löw, der Müller schlug gerade einen Pass im Liegen auf Podolski, verstehst du, Blödmann, im Liegen! Podolski zirkelte an Romero quer vorbei, auf den frei stehenden Klose – und der macht das Ding im Schlaf. Hast du so was schon gesehen, Löw? Ich heiße nicht Löw!, brüllte mein Fernseher, mein Name ist Loewe. Egal. Eins war sicher: Er war ein Kerl. Wäre Loewe ein Mädchen, würde er sein Höschen werfen, und er müsste deshalb kein deutsches Mädchen sein.

Auch Migranten spielen am liebsten mit deutschen Fahnen, deutschen Bierflaschen und deutschen Trikots. Diese Leibchen sind momentan wichtiger noch als Klamotten von Two Seasons. Ein Ausländer bei uns, wurscht, ob aus Griechenland, Ghana oder Sachsen, würde nie die Tröte für Holland blasen. So wenig wie Özil für die Türken, Podolski für Polen und Klose regelmäßig für die Bayern spielt. All diese Männer klingen übrigens deutscher als Klinsmann auf RTL, obwohl der etwas weniger schwäbisch klingt, seit er Schnupfen hat und heiser ist.

In meinem Fernseher darf man alles sagen. Der Sky-Kommentator Marcel Reif stellt Maradonas argentinischen Landsmann Che Guevara als „bolivianischen Freiheitskämpfer“ vor und Katrin Müller-Hohenstein weist Olli Kahn zurecht, weil der sich ein Drama „mit glücklichem Ausgang“ wünscht. Dramen haben zwar öfter ein Happy End als das „Aktuelle Sportstudio“. Aber so redet sie halt daher, die tragischste Tröte des ZDF.

Es war schön, allein mit meinem Fernseher. Ich konnte wunderbar geschlagene Pässe sehen, Pässe, die Argentinien Wunden schlugen. Mit dem Spiel kommt man gut allein zurecht, ohne Ohnmachtspartys und angeschossene Vögel, die in schwarz-rot-goldenen Unterhosen ihr Blasrohr ziehen. Und alles, wirklich alles über das Drama Argentina hat mich Loewe beim Blick ins Stadion gelehrt: Maradona heult. Merkel hüpft.



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