Bauers Depeschen


Montag, 07. Juni 2010, 509. Depesche





Guten Tag, meine Damen und Herren,

1.) Flaneursalon im Fluss am 17. Juni: DAS BOOT IST VOLL.

2.) "Hurra, wir kicken noch!" (II): Heute im Lauf des Tages beginnt der Vorverkauf für die Kickers-Unterstützer-Show am 7. August im THEATERHAUS

(Siehe auch "Termine")



Und weil montags meine Kolumne selten im StN-Netz landet, stelle ich die heutige in meinen privaten Krämerladen:



WO DER HAMMER HÄNGT

Noch an Fronleichnam hat es nach Herbst gerochen, es war feucht und klamm, und ich bin neckarabwärts gefahren. Nicht mit dem Schiff, mit der Stadtbahnlinie 14 nach Remseck. Eigentlich wäre ich gern ein Stück zu Fuß gegangen, aber es regnete, und eine Dusche hatte ich mir schon am Morgen beim Langlauf geholt.

Langlauf sagt kein Mensch mehr, das ist uncool. Eine Langfahrt mit der Straßenbahn, die aus der Stadt hinausführt, finde ich cool. Man rattert hinein in die üppig-grüne Ländlichkeit. Sogar zwischen den Gleisen wächst Gras, und manchmal sieht man den Neckar. Er fließt dahin in Würde. Wenn es regnet, etwas schneller als sonst.

Unterwegs stoppen wir an der Haltestelle Hornbach. An der schönen Neckarstrecke nach Remseck gibt es keinen Hornbach. Aber einen Baumarkt, der so heißt. Mit guter Kohle kann sich eine Firma eine Haltestelle samt Namen kaufen, wie andere Leute kaum noch einen Grabstein.

Längst ist es üblich, Haltestellen gegen Geld nach Firmen zu taufen. Ich meine nicht an erster Stelle die Bahnstation am Gazistadion der Kickers auf der Waldau. Der Namensgeber aus dem Frischkäsefach scheut sich nicht, sein Logo auch dem VfB zu verscherbeln. Doktor Garcia, der Boss, unterhält nach dem Vorbild des russischen Supersponsors von Schalke 04 eine Art Gaziprom. Ich weiß nicht, warum mir dazu Sam Peckinpahs wunderbarer Film einfällt: „Bringt mir den Kopf von Alfredo Garcia“. Es gibt keinen Zusammenhang. Der Kickers-VfB-Garcia heißt Eduardo.

Haltestellen mit Flur- oder Straßennamen haben bald ausgedient wie Fußballplätze namens Rote Erde oder Neckarstadion. Die S-Bahn-Haltestelle Feuersee heißt inzwischen „Feuersee Wüstenrot und Württembergische“. Die „Versicherung“ dahinter hat man sich gespart. Man müsste sonst ein zehn Meter langes Schild gegen Erdbeben- und Randaleschäden versichern. Nur eine Frage der Zeit, bis unsere Haltestellen Aspirin, Meica-Würstchen oder Hakle Feucht heißen. Es hat alles seine Ordnung mit dem coolen Stadtmarketing in Städten, die Bauland „Pariser Platz“ nennen und wenig später Kondomkontrollen in ihren Hurenhäusern fordern.

Eine Neckarfahrt mit der Bahn ist eine feine Sache. Unterwegs hat man Zeit, von einem Schiff zu träumen.

Dieser Tage war ich im Touristenladen i-Punkt auf der Königstraße, habe Bücher, bedruckte T-Shirts und Kaffeetassen geprüft. Als ich nichts fand, habe ich die Dame am Schalter gefragt: Haben Sie nicht irgendwas im Angebot, das mit dem Neckar zu tun hat? Nein, hat sie gesagt.

Cooles Stadtmarketing geht ohne Neckar. Die Werbeagentur Die Crew hat die Stuttgart-21-Kampagne vorgestellt. Schnell begreift man, warum Aufklärung über Stadtplanung nur insofern ein Job für Werbefritzen ist, als sie damit Geld verdienen. Die Crew hat die rote Organspender-Pumpe aus der S-21-Werbung behalten und den dummdreisten Slogan „Ein Herz für Europa“ durch den Nullspruch „Die guten Argumente überwiegen“ ersetzt.

„Die guten Argumente überwiegen.“ Was will man damit sagen? „Gute Argument“ hat überwiegend auch der Gegner. Was die Werbetexter, gedanklich arm und sprachlich hilflos, den Leuten unterjubeln wollen, ist dies: Es gäbe bessere Argumente für als gegen S 21. Brillant wie die Herz-Zeile ist der Rest formuliert. Beispiel aus dem Text, der bei der Präsentation an der Wand hing: „Es stimmt, dass Stuttgart 21 mit 4,1 Milliarden Euro eine teure Angelegenheit wird. Es stimmt aber auch, dass die Region nur dafür Milliarden von Bahn, Bund, Land und EU bekommt.“ Der geneigte Leser stolpert: „Es stimmt aber auch, dass die Region nur dafür Milliarden von Bahn, Bund, Land und EU bekommt.“ Wofür? Dafür, dass Stuttgart eine „teure Angelegenheit“ ist – und deshalb sinnvoll?

Wer Werbebüros für politische Aufklärung einspannt, verwechselt Stadtplanung mit Seifen-Branding. Die Drexlers und Schusters sind unbelehrbar. Jahrelang haben sie die Menschen ignoriert. Jetzt glauben sie, politisches Versagen könne man mit Hauswurfsendungen wettmachen. Dahinter steckt der PR-Geist, Auftritte linkischer Provinzpolitiker mit schlechtem Entertainment zu „Events“ aufzublasen. Das ist ihr Verständnis von „Dialog 21“, wie ein neues PR-Blättchen heißt. Am Samstag lag es, eingemüllt von anderer Werbung, im Briefkasten. Vorsichtshalber war zuvor der ehemalige Crew-Schützling und Grünen-Politiker Rezzo Schlauch als Aufsichtsrat der Agentur zurückgetreten.

Ach, es ist schön, am Neckar Bahn zu fahren. An der Haltestelle Hornbach steige ich aus und weiß, wo der Hammer hängt.

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