Bauers Depeschen


Freitag, 02. April 2010, 476. Depesche





NÄCHSTER FLANEURSALON am Mittwoch, 28. April, mit Stefan Hiss, Michael Gaedt, Dacia Bridges & Alex Scholpp in der ROSENAU. Beginn: 20 Uhr. Es gibt noch Karten.



Achtung, ab sofort wieder auf dieser Seite:

JOE BAUER IN DER STADT - DIE STN-KOLUMNEN



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Ostern. Vielleicht werde ich hie und da, wenn das Nötigste erledigt ist, aus der Stadt verschwinden. Eine Samstagskolumne wartet noch, auch eine Fußballkolumne, und die Dinge für den "Flaneursalon im Fluss" (17. Juni) müssen erledigt werden. Kurz nach Ostern beginnt der Vorverkauf für unseren Neckar-Ausflug (die ersten Reservierungen sind bereits eingegangen). Und weil über Ostern keine Zeit ist für Depeschen, stelle ich heute einen etwas längeren Text auf diese Seite. Er wird irgendwann im Sommer in Lutz Schelhorns Foto-Buch über den Stuttgarter Paul-Bonatz-Bahnhof erscheinen:



DIE STATION

Von Joe Bauer



DREI WOCHEN vor dem WM-Finale 1954 bin ich in einem Dorfbahnhof geboren. Mein Vater war Bahnhofsvorsteher, meine Mutter Hausfrau, und Kreißsaal-Geburten hatten sich noch nicht durchgesetzt auf dem Land. Ich kann mich nicht erinnern, ob bei meiner Ankunft im Bahnhof das Geschirr in den Schränken gescheppert hat, so wie später bei jedem Zug, der vor in den Bahnhof einfuhr. An manchen Tagen klapperte das Geschirr so laut, dass ich hoffte, der Zug sei entgleist. Das ist nie passiert. Einmal wollte ein betrunkener Tanzmusiker aufs Trittbrett eines fahrenden Zuges springen. Er ist unter die Räder geraten, hat ein Bein verloren und nie mehr Musik gemacht. Zum Glück fuhren damals nicht so viele Züge.

Der Bahnhof war aus Sandsteinen gebaut, sie waren ockerfarben und kackbraun und vom Regen verwaschen. Vermutlich hatte während des Zweiten Weltkriegs nie eine Bombe im Umkreis von 50 Kilometern eingeschlagen. Der Bahnhof wäre sonst eingestürzt. Zu meiner Zeit war er so gut wie hinüber.

Das Gebäude, glaube ich, war drei Stockwerke hoch und der Blitzableiter, den man an der Frontwand mit Eisen in die Steine geschlagen hatte, ziemlich locker. Das schreckte mich nicht davon ab, immer wieder bis zur Dachrinne hinaufzuklettern. Manche Fahrgäste und Passanten hielten meine Blitzableiter-Nummer für gefährlich, und oft hatte ich viele Zuschauer, weil sich gegenüber vom Bahnhof die Bahnhofswirtschaft befand. In Wahrheit leistete ich eine einfache Übung, später war ich auch an der Kletterstange der Schulturnhalle einer der Flinksten, aber nicht gut genug, um professioneller Akrobat oder Fußballtorwart zu werden.

Der alte Dorfbahnhof existiert schon lange nicht mehr. Man hat ihn abgerissen und durch einen Fahrkartenautomat ersetzt. Es war ein Bahnhof für Dampflokomotiven, mit Fahrkartenschalter, Wartesaal und Kaubonbon-Automat. Die wenigen Männer, die hier in Uniformen arbeiteten, mussten von Hand die Weichen stellen. Das war nicht gut für ihre Bandscheiben und auch nicht für ihr restliches Leben. Unweit des Bahnhofs gab es die Bahnhofsschuppen und einen stattlichen Hühnerstall, einen ackergroßen Gemüsegarten und den Güterbahnhof, an dem Waren aus den Fabriken des Dorfes und der umliegenden Nester verladen wurden. Zum Spielen war dieses Gelände nicht schlecht, es gab sogar Ratten. Leider kam das für mich zu früh. Die Gleise erzählten mir noch keine Geschichten.

Ein erotisches Verhältnis zur Eisenbahn habe ich erst entwickelt, als ich Karl-May-Bücher las, und da wohnte ich nicht mehr im Bahnhof. Der Bahnhof war eine Katastrophe gewesen. Anfangs gab es ein gemeinschaftliches Plumpsklo für mehrere Mietpartien, ehe Bad und Toiletten in die Wohnungen gebaut wurden. Ich habe sechs oder sieben Jahre im Bahnhof gewohnt, nicht lange genug, um wie Karl Mays Männer eines Tages das Ohr auf die Schiene zu legen und die Ankunft des Zuges vorherzusagen. Hätte ich auch nicht tun müssen. Es gab bereits Fahrpläne und keine Indianer mehr. Die Eisenbahn, das erfuhr ich erst später, hatte die Indianer umgebracht.



Von dem Plumpsklo träume ich heute noch wie vom Krieg, in dem ich nicht war. Ein Dorfbahnhof ist nicht das, was man gedankenlos Idylle nennt. Wenn man heute mit der Eisenbahn durchs östliche Deutschland oder schwäbische Gegenden fährt, steht fast jeder Dorfbahnhof herum wie die Weltendstation. An der Automatenbahnstation meines Dorfs hängen Jugendliche mit Kapuzenjacken ab. Sie träumen von einem Flug nach Amerika und terrorisieren die letzten heimischen Kirchgänger. Jeder, der an einer Bahnstation ohne Intercity-Anschluss zur Welt kam, wird es im Leben schwer haben, wenn er nicht rechtzeitig die Konsequenzen und Leine zieht.

Mitte der siebziger Jahren kam ich in Stuttgart an, sechzig Kilometer vom Bahnhof mit Plumpsklo entfernt. Damals fuhr ich noch Auto, doch der Hauptbahnhof gefiel mir von Anfang an. Viele Leute, fand ich bald heraus, wussten nicht alles über ihren Bahnhof. Sie kannten weder die Bali-Bar, das Sammelbecken der Schattenmenschen, noch die kleine Bar des Bahnhofshotels, die keinen Namen hatte, aber viele berühmte Namen an der Wand hinter der Theke versammelte. Anders als die Bali-Bar überlebte die kleine Bar bis Ende des vorigen Jahrhunderts.

Chef der Bar war früher Jonny. Als er schon eine Weile am Rhein im Ruhestand lebte, habe ich ihn zum ersten Mal getroffen. Das war 1986. Wir setzten uns in die kleine Bar; die Bundesbahn hatte das Treffen auf meinen Wunsch hin arrangiert.

Jonny kam 1910 in Kalkar zu Welt (sein Geburtsort an der deutsch-holländischen Grenze wurde später im Atomkraftkonflikt berühmt). Seine Eltern führten die Bahnhofswirtschaft, sein richtiger Name war Fritz Wirth. Er erlernte den Beruf des Barmixers, und weil Barmixer nicht Fritz Wirth heißen, nannte man ihn Jonny. „Meine Geschichte ist die Geschichte vom kleinen zum großen Bahnhof“, sagte er.

Jonny kommt in den dreißiger Jahren nach Stuttgart, er arbeitet im Cabaret Excelsior und im Friedrichsbau-Varieté; zu seinem Chef gehört der heute legendäre Komödiant Willy Reichert. 1936 startet in Friedrichshafen das Luftschiff „Hindenburg“ zu einer sensationellen Rundreise über Deutschland: vier Tage nonstop in der Luft. An Bord Kabinen mit Duschen und ein Konzertflügel, Journalisten aus aller Welt – und Jonny, der Barmann. Er mixt die Drinks. Ein New Yorker Reporter widmet ihm die Schlagzeile „Jonny, der fliegende Barmann“. „Ein Luftschiff fliegt nicht“, sagt er mir fünfzig Jahre später, „ein Luftschiff fährt.“ 1937 fährt die Hindenburg in den Tod. Auf dem Weg nach New York geht sie bei der Landung in Lakehurst in Flammen auf.



In Stuttgart feiert man in den Jahren nach dem Krieg große Filmpremieren und Gala-Abende, und die Stars kommen, weil es in der Stadt Autos von Mercedes gibt. Fast immer landen die Herrschaften nach ihrer Ankunft in Stuttgart in der Bar des alten Reichsbahnhotels. Am 31. Dezember 1949 um Mitternacht, Jonny hat den Laden gerade übernommen, hebt die Schauspielerin Camilla Horn das Glas, nimmt einen Schluck und kritzelt "Prost Neujahr!" auf eine der Häute über den beleuchteten Bullaugen in der Wand. Darunter setzt sie ihr Autogramm. Jahre später zieren Hunderte von Unterschriften die Bar, Signaturen von Gary Cooper, Kirk Douglas, Errol Flynn, Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Josephine Baker, Jesse Owens, Max Schmeling. Noch in den siebziger Jahren verewigt sich die Rockband Uriah Heep in der kleinen Bar. Als der Laden geschlossen und vernichtet wird, wandern die Autogramme in die Bar des Intercity-Hotels. Dort sind sie heute noch zu sehen, kaum einer weiß davon.

Als ich 1998 meinen letzten Drink in der kleinen Bar nahm, kam mir nicht der Gedanke, eines Tages könnte man nach der kleinen Bar auch große Teile des Bahnhofsgebäudes abreißen. Der Paul-Bonatz-Bau schien mir heilig und das unterirdische Bahnprojekt Stuttgart 21 trotz jahrelanger Planung weiter weg als der Mond, der manchmal über dem Bahnhofsturm scheint, obwohl das Turm-Café schäbig und zum Heulen ist.

Man muss nicht wie ich in einem Plumpsklo-Bahnhof oder wie Jonny in einer Bahnhofswirtschaft geboren sein, um eine Beziehung zum Bahnhof zu haben. Man braucht nicht einmal sein Ohr auf die Schienen zu legen für das Gefühl, in Bahnhöfen liege etwas Eigenartiges in der Luft, etwas Unvermeidliches. Zum Bahnhof bin ich sonntags zu Fuß geschlichen oder mit dem Taxi gefahren, wenn der Kühlschrank leer war. Zum Bahnhof ging ich, wenn ich kein Buch für die Nacht hatte und kein Geschenk für eine Dame. Am Bahnsteig habe ich etwas über Ankunft und Abschied gelernt, über Liebe und Verlust. Und manchmal hat einer vergeblich gewartet, an einem toten Gleis.

Der Bahnhof mit seinem Bazar, seinem Schmuddel und seiner Offerte, eines Sonntags das Leben im Drogeriemarkt neu zu starten, ist eine Stätte der Besinnung. Eine Kirche. Der Bahnhof ist anders als jedes andere Bauwerk. Was dagegen wäre die flirrige Kälte eines Flughafens, das fahrige Klotürenschlagen einer Autobahnraststätte. Der Bahnhof ist ein Stück aus Robert Johnsons Lied:

"When the train, it left the station with two lights on behind / Well, the blue light was my blues and the red light was my mind / All my love's in vain."

Die Politiker haben nicht an die Menschen gedacht, als sie entschieden, die Gleise zu versenken und den Bahnhof zu zerhacken. Sie haben mit den Menschen nicht geredet, sie haben Gefühle missachtet und Dinge gedeckelt. Das ist Plumpsklopolitik, und wenn ich an diese Ignoranten denke, möchte ich noch einmal den Blitzableiter hoch, auf dass sie der Blitz beim Scheißen treffe. KOMMENTAR












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