Bauers Depeschen


Donnerstag, 21. Januar 2010, 430. Depesche



Nächster Flaneursalon: Mittwoch, 24. Februar, Theater Rampe

Karten: 0711 / 620 09 09 - 16.

Kolumnen in den Stuttgarter Nachrichten - die neue steht jetzt auch im Netz



BETR.: TEXTE GESUCHT – FOLGE 9



In der Depesche vom 5. Januar habe ich angekündigt, Texte von fremden Autoren (Depeschen-Lesern) auf meine Seite zu stellen, weil ich zurzeit nicht tippen darf, rechter Arm geschient. Die mir gemailten Beiträge werden nicht verändert. Jeder kann weiterhin mitmachen:

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Die Resonanz ist gut, die Besucherzahl beachtlich. Inzwischen gibt es auch Meinungsaustausch über den einen oder anderen Beitrag, darüber mehr, wenn ich die Kiste wieder mit zwei Händen bedienen kann.

Heute ein gewitzter Ethno-Report von Bernhard Ubbenhorst. Der Autor lebt als freier Journalist vorwiegend in Stuttgart und besucht regelmäßig für längere Zeit Islands Hauptstadt Reykjavik.



VON DER NASE BIS ZUM RÜSSEL



VON BERNHARD UBBENHORST



Der ISLÄNDER...

...ist an und für sich ja eine ziemlich arme Sau. Wegen der Finanzkrise! Die kleine Nordmeerinsel schuldet halb Europa Milliardensummen, nur weil ein Lumpenpack von Kapitalanlegern den Gierhals nicht voll genug bekommen konnte. Das Ansehen der Isländer hat darunter sehr gelitten. Für viele Isländer ist es eine hundsgemeine Ungerechtigkeit und schlicht zum Rotz und Wasser heulen. Sie haben die Nase gestrichen voll!

Womit wir endlich beim Thema wären und einer sehr liebenswürdigen, isländischen Eigenart.

Isländische Rotznasen

Zart besaitet sind die Isländer gewiss nicht, aber es gibt Dinge, die selbst die Nachfahren der furchtlosen Wikinger schaudern lassen. Ganz oben auf der Ekelskala vieler Isländer steht das Nase schnäuzen in der Öffentlichkeit. Was grob geschätzt in jedem anderen Land der westlichen Welt zur alltäglichen Hygiene-Verrichtung gehört, finden Isländer unanständig. In der Öffentlichkeit lautstark in ein Taschentuch zu schnäuzen – Pfui Deibel!

Mit dem, was da schnupfenbedingt und unansehnlich aus der Nase ins Freie drängt, wollen sie nichts zu tun haben und erst recht nicht in feuchten Taschentüchern verpackt und bei 37°C inkubiert mit sich herum tragen. In Gesellschaft anderer Menschen ziehen sie es vor den Rotz hochzuziehen, oder sich seiner heimlich in einem Toilettenwaschbecken zu entledigen. In freier Natur machen sie es wie die Fußballer auf dem Platz oder wie der Bauer auf dem Acker: jeweils ein Nasenloch zu halten und raus mit dem Zeug. Eine ehrliche, saubere Sache! Ob die ständigen „Hochzieh“-Geräusche oder das Niederrotzen nun benimmtechnisch anständiger sind, sollten die Betschwestern diskutieren.

Da aber nichts auf der Welt von ungefähr kommt, hat auch diese Schneuzphobie der Isländer einen tieferen Sinn. Im Grunde entspricht das Verhalten genau dem, was Epidemiologen schon seit längerer Zeit zur Eindämmung von ansteckenden Erkältungskrankheiten fordern. Die Benutzung von Taschentüchern und der direkte Hautkontakt mit Nasensekreten sei ja zur Vermeidung von Ansteckungen enorm kontraproduktiv. Jede öffentliche Türklinke und jeder Haltegriff in einem Nahverkehrsmittel dient zur Winterzeit als Verschiebebahnhof für fiese Krankheitserreger.

Klarer Fall! Der Ekel vor dem Nase putzen ist ein evolutionär entwickeltes Verhaltensmuster. Eine einfache, aber sehr wirksame Überlebensstrategie innerhalb einer kleinen Population, die das ganze Jahr über „Erkältungswetter“ hat.

Man kann sehr viel von ihnen lernen, von diesen Isländern.

Da es von der Nase bis zum Rüssel und ähnlich benamsten Extremitäten nicht weit ist, gibt es noch zwei passende, etymologische Betrachtungen isländischer Worte als Zugabe:

fíll = Elefant

Dass jemals ein Elefant isländischen Boden betreten hat, darf getrost bezweifelt werden. Und doch gibt es seit vielen Jahrhunderten ein isländisches Wort für die sympathischen Dickhäuter. Die Isländer bildeten ihr Wort „fíll“ (sprich „fittl“) für Elefant aber nicht nach dem griechischen „elephas“ oder dem lateinischen „elephantus“, was ja nahe liegend gewesen wäre, sondern merkwürdigerweise nach dem arabischen „al-fîl“, das sich auch im Persischen als „fîl“ oder im Türkischen als „fil“ wieder findet. Wie kommt das? Der Grund dafür liegt mutmaßlich in den Raubzügen der Mauren, die im 16./17. Jahrhundert den Atlantik nordwärts bis hinauf nach Island besegelten. Sie verschleppten dabei zahlreiche isländische Frauen und Kinder als Sklaven, von denen einige später nach Island zurückkehrten. Möglicherweise erzählten diese damals ihren Landsleuten von einem sonderbaren Rüsseltier namens „fîl“.

smokkur = Präservativ

Präservative, vulgo Kondome, sind weltweit und in nahezu allen Sprachen unter diesen Namen bekannt. Nicht so im Isländischen, denn die Isländer nennen das nützliche Gummi schlicht „smokkur“. Das Wort ist dazu aber nur ausgeliehen, denn eigentlich bezeichnet es den Gemeinen Kalmar: diesen etwas unansehnlichen Kopffüßler, der vor allem in Mittelmeerländern auf alle möglichen Arten zubereitet und trotz seiner gummiartigen Konsistenz sehr gern gegessen wird. In Island ist das eher selten bis nie der Fall. Verständlicherweise. Vermutlich plagen den Isländer beim Doppelsinn des Wortes „smokkur“ Unappetitliche Gedanken. Ob die ungewöhnliche Wortwahl möglicherweise der mitunter gummiartigen Konsistenz des frittierten Kalmars zu verdanken ist, oder vielleicht der – einem Präservativ nicht unähnlichen – Form seines spitz zulaufenden Körpermantels, das bleibt leider ungeklärt.

Cheers! Und an den einarmigen Banditen: Gute Besserung!

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