Bauers Depeschen


Samstag, 31. Oktober 2009, 397. Depesche



BETR.: LEKTÜRE



(Nicht vergessen: Nächster Flaneursalon mit Stefan Hiss, Dacia Bridges und Michael Gaedt am Mittwoch, 25. November, im Schlesinger, Schlossstraße 28. Beginn: 20 Uhr. Reservierungen am Tresen.)



Nach der Aufregung um eine Glosse namens "Die Mappus-Show" (siehe Kolumnen), einer guten Heiß-Kalt-Kur im Bad Berg und einem überragenden Auswärtssieg der Stuttgarter Kickers mal wieder etwas Beschauliches:



IN TESCHERNOBYL



Von Joe Bauer



Es ist ein kühler Tag, als wir zu unserem Rundgang durchs Leonhardsviertel aufbrechen. Eine Prostituierte am Ende der Weberstraße, diesem lustigen, malerischen Kopfsteinpflasterzipfel zwischen Leonhardstraße und Hauptstätter Straße, ruft uns zu, wir sollen verschwinden. Die Kameras des Fotografen Lutz Schelhorn könnten auch den letzten Freier verjagen. "Am Tag ist diese Gegend nur schwer zu ertragen," sagt uns Christina Beutler, die Wirtin der Weinstube Fröhlich in der Leonhardstraße.

Am Tag kann man die Trostlosigkeit riechen, provinzielle Langeweile, Kaschemmenmief. Erst am Abend, wenn die Altstadt in Schummerlicht taucht, erscheint das Viertel erträglich, lebenswert.

Hoch über der Weinstube, im ausgebauten Dachgeschoss des Gebäudes, wohnt seit zehn Jahren die Journalistin Sibylle Maus, 63. Sie ist Expertin für Städteplanung und lebt hier aus Überzeugung, genießt in Stuttgarts "innerstädtischstem Viertel", wie sie sagt, den Blick über die Dächer bis hinüber zum Tagblattturm in der Eberhardstraße.

Es könnte ein Privileg sein, in der Leonhardstraße zu leben, in der wahren City, wären wir nicht mitten im Schmuddel, auf den engen, nicht beachteten Straßen der verfallenden Häusern und frustrierten Huren. Wir treffen Sibylle Maus im Brunnenwirt, der traditionsreichsten Milieukneipe am Leonhardsplatz, und besprechen die Lage des Quartiers. Die Lage ist beschissen. Die Architekturkritikerin zeigt uns einen Katalog über den Baumeister Theodor Fischer (1862 bis 1938). Er hat das Gustav-Siegle-Haus neben der Leonhardskirche entworfen und dabei Elemente der Umgebung aufgegriffen, er hat im Viertel auch die einst bahnbrechenden Arbeiterhäuser gestaltet.

Wer aber redet hier von Architektur. Wir sind auf dem Strich, und auch auf dem Strich geht es katastrophal bergab. Von der "schwäbisch-beschaulichen Version eines Amüsierviertels", wie es das Fachbuch "Stuttgarter Architekturführer" verspricht, ist seit Jahren nichts mehr zu sehen. Der Kiez-Veteran Rolf Mühleisen, als „Eisen“ bekannt, hat seine kleine Heimat "Tschernobyl" getauft, der Boden ist verseucht: Das Drogengeschäft ist immer härter geworden, auch die Prostitution, multikulti wie alles hier. Seit Jahrzehnten arbeitet die Prostituierte Jeanny an der Ecke Leonhard-/Jakobstraße.

Wie eh und je steht sie als letzte originelle Mutter des Milieus vor der Bar Zum Schatten. "So beschissen", sagt sie, "war das Geschäft noch nie."

Wo Jeanny ihre Absteige hat, stehen die Überbleibsel einstmals schöner, stattlicher Gebäude. Das Haus an der Ecke Leonhardstraße/Jakobstraße, 1769 für den Schlosser Carl Friedrich Wölfle errichtet, gilt als eines der wenigen gut erhaltenen Barockhäuser der Stadt. Politiker interessiert das nicht. Die Herren im Rathaus, nur einen Steinwurf vom Leonhardsviertel entfernt, haben den Rotlichtbezirk abgehakt. Nobelpuffs gibt es woanders. Die Altstadt ist Stuttgarts vergessenes Viertel.

Ein Trauerspiel. Viele in der Stadt wissen nicht einmal, wo sich das Leonhardsviertel befindet. Die Caritas hat ihr Restaurant am Leonhardsplatz Bohnencafé getauft, wohl im Glauben, es befinde sich im Bohnenviertel. Das Leonhardsviertel, im Volksmund "Städtle" genannt, liegt zwischen Leonhardsplatz und Wilhelmsplatz, Katharinenstraße und Hauptstätter Straße, das Bohnenviertel nördlich der Pfarrstraße, jenseits der Grenze zwischen beiden Quartieren.

An der Ecke Pfarrstraße/Weberstraße, eindeutig in unserem Revier, besuchen wir den Alteisenhändler Walter Hof, er ist 82 Jahreal. Am Schuppen seines Geschäfts findet sich, nicht mehr ganz vollständig, das Firmenschild "Franz Hof". Franz Hof war Walter Hofs Großvater, und sein Urgroßvater Johannes Schrenk hat den Betrieb 1865 gegründet. "Recycling", sagt Walter Hof, "gab es schon mit Hufeisen in der Bibel." Nach dem Zweiten Weltkrieg hat er den ausgebombten Betrieb neu aufgebaut. Bis zum heutigen Tag beliefern ihn die letzten Handwerker des Viertels – Flaschner, Eisenschleifer - mit Altmetallen. Die Stadtverwaltung, sagt Herr Hof, hätte "halt aufpassen müssen, dass hier auch ordentliche Mieter einziehen". Privat, sagt er, habe er die Gegend immer gemieden. Er wohnt in Sillenbuch.

Unter dem früheren Oberbürgermeister Manfred Rommel gab es Ende der achtziger Jahre den Versuch, die Rotlichtnischen "auszutrocknen", wie das offiziell hieß. Man wollte Behördenbüros und Kultureinrichtungen wie Trojanische Pferde im Milieu platzieren. Ein törichter Plan. Gescheiter wäre gewesen, auf eine gute Mischung aus üblichen Bordellen und seriösen Kneipen, soliden Handwerksbetrieben und originellen Läden zu achten. Der Jazzclub Bix im Sieglehaus war eher ein Produkt des Zufalls.



Die Sozialwert GmbH des Maklers Thomas Barth, 64, die sich für soziale und kulturelle Projekten engagiert, hat in der Leonhardstraße und in der Weberstraße drei Häuser gekauft. Er habe darüber nachgedacht, "das Viertel sozial zu drehen", sagt Barth, aber der Plan sei aussichtslos. Die Stadt verkaufe ihre Häuser an meist bietende Investoren aus dem Rotlicht. "Alles soll bleiben, wie es ist", sagt er, "es könnte sich höchstens wieder das Niveau der Prostitution heben."

An der Hauptstätter Straße, der hässlichen Stadtautobahn, wohnt und arbeitet seit Jahrzehnten der Bäckermeister Hans-Georg Schmälzle, 57, mit seiner Frau Helga. Die Bäckerei Schmälzle ist legendär. Im dazugehörigen Cafe´ trafen sich einst alle, Professoren und Penner. Es ist zwölf Jahre her, seit Schmälzle das Plakat mit dem Slogan "Das freundliche Stück Altstadt zwischen Wilhelmsplatz und Gustav-Siegle-Haus" aufgehängt hat, als in der Nachbarschaft der Goldschmied, der Optiker, der Buchhändler, der Obsthändler, der Käsehändler und der Metzger ihre Geschäfte hatten, als sie die Bevölkerung zum unvergessenen "Hoffest" in ihre bizarre Hinterhofkulisse einluden. "Früher war die Straße intakt", sagt der Bäcker, "heute kenne ich die meisten Nachbarn nicht mehr." Vor zwei Jahren haben die Schmälzles ihren Laden vorübergehend dichtgemacht. Pachtprobleme. Das Haus gehört der Stadt. Die Stadt hat andere Probleme, plant Stuttgart 21. Die Nachbarn treffen sich nicht mehr, dafür kommt regelmäßig die Polizei.

"Gruslig" sei es tagsüber im Viertel, sagt die Wirtin Christina Beutler. Dabei hätte das Quartier mit seinen liebenswerten Winkeln durchaus Charme. Beim Ergenzinger, Hauptstätter Straße, verkauft zwar nicht mehr der gleichnamige, berühmte Metzger Rostbraten. Dafür versorgt Jürgen Biedermann, 53, die Laufkundschaft täglich mit Bergen von Schnitzeln, Maultaschen und Kartoffelsalat. Aus der Metzgerei ist ein Imbiss geworden. Am Mittag stehen Banker und Taxifahrer, Polizisten und Rathausbeamte in Mannschaftsstärke am Tresen. Jetzt könnte man fast glauben, im Leonhardsviertel herrsche großstädtisches Leben. Dann aber wischt man sich den Mund und verschwindet im Fast-Food-Tempo, wie beim Sex in der Nachbarschaft.



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