Bauers Depeschen


Samstag, 01. August 2009, 360. Depesche



BETR.: REGEN



Mit meiner Kolumne "Lang erfleht, heiß ersehnt" in den Stuttgarter Nachrichten (www.stuttgarter-nachrichten.de/joebauer) hat sich Reinmar Wipper aus Nürtingen im Netz beschäftigt und sich per E-Mail gemeldet:



Lieber Joe Bauer,



Ihre Ehrenrettung des Regens mit Lyrics von Dalida bis Mörike hat sofort einen ganzen Wasserfall von Songs in meinem alten Kopf defilieren lassen. Warum mir zuerst "I´ll follow the sun" von den Beatles eingefallen ist, weiß ich nicht. Paul McCartney singt ja von der Sonne: "But tomorrow may rain, so I´ll follow the sung". Es war in den 60er Jahren eines meiner Lieblings-Liebeslieder, die man vor der Musikhochschule geparkt hat, bevor man morgens hineinging. Weil sie drinnen von der elfenbeinfarbenen Musikwelt nicht wahrgenommen werden wollten ("Yesterday" musste herhalten als Negativbeispiel für vergratenen formalen Aufbau einer Melodie). Damals bin ich oft von der Hackstraße zum Urbansplatz zu Fuß gegangen, um Geld zu sparen, weil sich die Monatskarte für 25 Mark in angefressenen Monaten nicht lohnte. Und oft genug hat es geschifft. Und dann diesen Song im Hirn...

Ein paar Jahre vorher, noch ohne Beatkultur, Freddy-Zeit und Peter Kraus samt Conny, war Tanzstunde in der Nürtinger Provinz. Und da gab´s den Italo-Schlager "Ciao, ciao, Bambina", der ja tatsächlich "Piove" heißt. Und das doppelte "ma piove, piove", auf einem Ton rezitiert, fast weinend, war ähnlich schön wie "may rain so".

Den schärfsten Schiff, nach Stunden ergeben hingenommen, nass bis auf die Knochen, gab´s für mich an der Autobahnauffahrt in Hamburg, Ostern 1967. Ich kam per Autostop aus Schweden, wo mich meine Freundin in Örebro noch in meterhohem Schnee verabschiedet hatte. An der Nordsee war´s nicht mehr so kalt, und vom Nachmittag her hat es bis in die Nacht dauergeregnet. Ein Lastzug nach dem andern fuhr die Auffahrt hoch, keiner hielt an. Wahrscheinlich haben die Fahrer mich gar nicht gesehen, weil über ihre Windschutzscheiben Regenbäche flossen. Da habe ich kapituliert, saß auf einem Randmäuerchen und habe mit meiner kleinen Mundharmonika "Moonriver" gespielt. Eine Art Wassermusik in diesem Moment. Trotzdem kein Regenlied. Aber seither für mich eines, immer, wenn ich es spiele. Und ich spiele es oft. Und danach bin ich zum Hauptbahnhof gehatscht, hab mir mit der letzten Kohle eine Fahrkarte geholt und bin durch die Nacht nach Stuttgart gerollt. Der spätere Rektor der Musikhochschule war mein Tramppartner. Wir waren alleine im Abteil. Der Regen hat fast waagrechte Striche auf die Fenster gezogen. Und dann haben wir unseren Frust gestutzt, indem wir das Fenster bis zum Anschlag runter gezogen haben, unsere Hosen auch, und dann haben wir, auf der Heizung stehend, in den Regen geschifft, ungefähr zwei Kilometer lang.

Superschön finde ich, dass ja Ihr Titelsong ("lang erfleht, heiß ersehnt") im Original "Le jour où la pluie viendra" heißt. Also Futur! Vorfreude auf den Tag des Regens, "wo du und ich die Verlobten der ganzen Welt sein werden, wo die Bäume voller Freude weinen und uns in ihrer Umarmung alle Früchte der Welt reichen". Sauschön! Und ich glaube, so meinten Sie Ihre Hommage an die himmlischen Wasser auch ein wenig.

Jetzt könnte ich grad so weiter machen. Nur noch eines zum Schluss. Als ich vor 30 Jahren mein Mädchen, heute meine Frau, einmal bis kurz unter die Teck geführt habe, hinten rum, auf Feldwegen, standen wir im sehr hohen Gras, und da ging plötzlich ein sanfter Regen nieder. Fast so wie Nebel, wir berührten wohl eine kleine, durchsichtige Wolke, die hinten am Teckberg nicht hoch kam und sanft ablud. Ganz hell, Silbertröpfchen, alles wurde feucht. Wir sahen die Tropfen sich aus der Feuchte bilden an den Rispen der riesenhohen Gräser. Und dann, weil ja immer noch die Sonne schien, war da ein Regenbogen. Aber nicht weit von uns weg. Wir standen mittendrin, alles um uns her und über uns war Licht, glänzte transparent in diesen Prismenfarben. Wir standen also im Fuß des Regenbogens, ein Wunsch aus dem Märchen. Was ja eigentlich gar nicht geht, wie ich meinem Enkel erst vor Tagen versucht habe zu erklären.

Danke für Ihre schönen Kolumnen! Die sind mir mehr Stuttgart als der Herr Wieland Backes und seine Talks aus Canapées und Sahnetörtchen, der sich heute im Dritten hat feiern lassen. Mit dem Grünen Boris Palmer als Gast im blauen Anzug, und viel Who is Who beim Sommerfest vom Nachtcafé. Das Thema der Sendung Nummer Fünfhundert war "Griff nach den Sternen". Geht ja auch nicht, in jedem Fall nicht, da ist der Regen schon näher. Und sein Bogen, vor allem, wenn man mitten drin seine Jahrhundertliebe im Arm hält. Können Sie sich vorstellen, dass jener Moment unter der Teck mich mehr an mein Weible bindet als der Ring oder ein Versprechen?

Wenn´s morgen nicht regnet, fahr ich mit dem Rad zur Teck. Mal sehen, wie weit ich den Berg hoch komme.



NÄCHSTER FLANEURSALON, BUCH:

Donnerstag, 22. Oktober 2009, Theaterhaus Stuttgart, 20.15 Uhr:

Flaneursalon mit der Präsentation von Joe Bauers neuem Buch "Schwaben, Schwafler, Ehrenmänner - Spazieren und vor die Hunde gehen in Stuttgart". Mit Eric Gauthier & Jens Peter Abele, Roland Baisch & The Countryboys, Dacia Bridges, Michael Gaedt.

www.theaterhaus.com - Kartentelefon: (0711) 4 02 07 20

Der 176 Seiten umfassende Kolumnen-Band mit kurzen Geschichten, einem Vorwort von Peter Kümmel ("Die Zeit") und einer Umschlagillustration von Thilo Rothacker erscheint Ende September in der Edition Tiamat, Berlin.



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