Bauers Depeschen


Dienstag, 28. Juli 2009, 359. Depesche



BETR.: KICKERS ZUM ALLERLETZTEN



Den folgenden Text habe ich für das August-Heft des Stadtmagazins Lift als Begleitmusik zur Aktion "Hurra, wir kicken noch!" geschrieben. Für die Veranstaltung im Theaterhaus gibt es noch Karten! Es ist eine Frage der Ehre, den Laden zu füllen. Also: buchen, ihr Tagediebe! Siehe Link unten. Auch den Link zu neuen StN-Kolumnen findet man am Textende.



DIE LETZTEN MOHIKANER



Man hat mich gebeten, in 3000 Zeichen zu klären, warum die Stuttgarter Kickers es nie geschafft haben, sich in Stuttgart ein ähnliches Outlaw-Image aufzubauen wie der FC St. Pauli in Hamburg. Man hätte mich auch fragen können, warum sich Brooklyn von Plieningen unterscheidet.

Unlängst haben die Chefs von St. Pauli einen Sponsorenvertrag mit einem Essener Brauereiabfüller geschlossen, der ein spezielles „Kaltgetränk“ für die Fans vom Millerntor herstellt. Der Drink, laut Flaschenetikett ein "Rotwein Cola Zeugs", heißt "Kalte Muschi".

Was die Werbetypen als "genau das Richtige" sehen, „wenn es heiß hergeht“, bringt St. Paulis Fans zum Kochen: In ihren Foren verurteilen sie die Kampagne als "sexistisch" und "peinlich". Inzwischen muss der schwule Vereinspräsident Corny Littmann, hauptberuflich im Entertainment-Geschäft tätig, die Fusel-Nummer überdenken. Ein User hat ihm vorgeschlagen, den Kaffee im Stadion "Warmer Samenstrahl" zu nennen.

Damit, hoffe ich, haben sich alle politischen Vergleiche zwischen Kickers und Paulianern erledigt. Von den sportlichen ganz zu schweigen: Die Profis von der Reeperbahn spielen in der zweiten, die Amateure von Degerloch in der S-Bahn-Liga.

Es geht nicht um Vergleiche.

Auf der schönen Waldau liegt der legendäre Kickersplatz. Das kleine Stadion unterm Fernsehturm ist eine einzigartige Fußballnische. Nirgendwo finden Fans und Spieler so hautengen Kontakt wie im bewaldeten Grün von Degerloch.

Und jetzt?

In der Vereinsgeschichte der Kickers wurden unverzeihliche Fehler gemacht. Statt mit ihrer Kleinbühne im Wald dem Publikum zu dienen, bliesen die Blauen zur Attacke auf den VfB. Dieser Größenwahn war tödlich.

Die einst noblen Kickers, 1899 nach britischen Vorbildern gegründet, wurden mit ihrem "Blauen Adel" berühmt. Englische Trainer in feinen Anzügen trainierten sogenannte Kickers-Zöglinge. Neben dem Platz stand ein Nachbau der Londoner Arsenal-Tribüne. Der Club war eine süddeutsche Größe, ehe sich ein Proletarier-Verein aus Bad Cannstatt in Stuttgart ausbreitete. Lange spielten die Kickers eine respektable Rolle in der zweiten Liga. Vor zwanzig Jahre stiegen sie zweimal in die Bundesliga auf. Während dieser Intermezzi am Schwanz der Bundesliga, mit glorreichen Siegen gegen die Bayern, zeigte sich das ganze Dilemma des Clubs. Im Adelswahn stritten sich die Vereinsoberen mit den VfB-Kollegen um Kabinen und VIP-Plätze im Neckarstadion. Davon aber wollten eingefleischte Blaue nichts wissen: Lieber gehen wir über den Jordan, sagten sie, als über den Neckar, zum VfB.

Als dann 2004 der große Patriarch und Geldgeber Axel Dünnwald-Metzler starb, ging es nur noch bergab. Dass die Kickers das Potenzial gehabt hätten, als Alternativ-Club in der Stadt Kultstatus zu erlangen (zumal der VfB mit seinem stockkonservativen Präsidenten MV politisch angeschlagen war), wurde nicht erkannt. Die Kickers hätten sich neben dem Musikantenstadel VfB als Rock-Club etablieren können. Sympathisanten gab es genug, und die "Stadionwurst" als Alternative zur vereinspolitisch unkorrekten "roten Wurst" hätte St. Paulis Totenkopf als moralisches Banner ersetzt. Dafür aber fehlte den Vereinsmanagern jedes Gespür.

Die kommende Saison bestreiten die Blauen in der 4. Liga, und jetzt bleibt mir nur der Appell an die letzen Mohikaner: Stürmt die Waldau! Nirgendwo sonst sieht man so präzise, wie schwierig Fußball in Wahrheit ist. Wir müssen der liebenswerten Kickers-Klitsche etwas Rock’n’Roll einhauchen. Sonst erkaltet die blaue Muschi schneller als die Stadionwurst.



REKLAME:

Samstag, 8. August, Theaterhaus Stuttgart, 20 Uhr: "Hurra, wir kicken noch!", die Show zur mentalen Unterstützung der Stuttgarter-Kickers-Fans und anderer Fußballfreunde. Mit Michael Gaedt + Michael Schulig & Band als Die Große Rockschau (Ex Kleine Tierschau), Nu Sports (Ska-Band), Timo Brunke (Sprachkünstler), Joe Bauer (Vorleser), Ralf Schübel (Hymnensänger). Moderation: Stefan Kiss (Sportreporter, SWR-Fernsehen). Eintritt: 9 Euro, so günstig wie ein Stehplatz auf der schönen Waldau.

www.theaterhaus.com - Kartentelefon: (0711) 4 02 07 20



NÄCHSTER FLANEURSALON, BUCH:

Donnerstag, 22. Oktober 2009, Theaterhaus Stuttgart, 20.15 Uhr:

Flaneursalon mit der Präsentation von Joe Bauers neuem Buch "Schwaben, Schwafler, Ehrenmänner - Spazieren und vor die Hunde gehen in Stuttgart". Mit Eric Gauthier & Jens Peter Abele, Roland Baisch & The Countryboys, Dacia Bridges, Michael Gaedt.

Der 176 Seiten umfassende Kolumnen-Band mit kurzen Geschichten, einem Vorwort von Peter Kümmel ("Die Zeit") und einer Umschlagillustration von Thilo Rothacker erscheint Ende September in der Edition Tiamat, Berlin.



Kolumnen in den Stuttgarter Nachrichten:

www.stuttgarter-nachrichten.de/joebauer



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