Bauers Depeschen


Donnerstag, 16. Juli 2009, 353. Depesche



EIL-REKLAME:

Diesen Samstag, 18. Juli 2009, 19.30 Uhr: Joe Bauers Flaneursalon mit Michael Gaedt & Michael Schulig, Dacia Bridges & Alex Scholpp beim Festival Cannstatter Kulturmenü. - Rilling Sekt, Brückenstraße 10, Innenhof-Garten. Karten an der Abendkasse (Festival-Sonderpreis: 10 Euro).



AM KIOSK



U-Bahn-Station Charlottenplatz, Montagmorgen. In drei Stunden, Punkt acht, wird die E-Mail eintreffen, ob der Jackpot geknackt ist. 26 Millionen Euro liegen drin. Falls der Jackpot nicht geknackt wird, sagt Stefan, kann er am Samstag noch einmal ein gutes Lotto-Geschäft erwarten. Wenn viel Kohle im Jackpot liegt, kommen sechs- bis siebenmal so viele Zocker an den Kiosk wie an gewöhnlichen Tagen. Dann spielen auch die Amateure, die nicht wissen, wie man die Kreuze macht.

Kurz nach fünf, wenn die ersten Stadtbahnzüge in die Station rollen, fährt Stefan den Rollladen des Kiosks hoch. Seine 15-Stunden-Schicht beginnt. Heute ist Brückentag, weniger los als sonst im Untergrund. Ich habe diesen Tag gewählt, damit ich mich mit Stefan während seiner Arbeit unterhalten kann. An einem regulären Arbeitstag ginge das nicht. "Das Geschäft", sagt Stefan, "lebt von der Geschwindigkeit."

Der Kiosk-Mann holt die Tageszeitungen aus dem Lager, sortiert sie sorgfältig am Tresen, steckt sie in die Ständer. Er rollt die Magazine, die Illustrierten und Groschenhefte ins Freie. "Lisa", "TV Sünde" und den "Landser", mit dem Neuesten von der Schlacht um Leningrad. Über dem "Tattoo Magazin" hängt das Fachblatt "Ein Herz für Tiere". Die Zuordnung ist Zufall.

Ein guter Kiosk hat 1000 Titel auf Lager. Stefan sagt, es sei fürs Image wichtig, auch die schwer verkäuflichen Blätter im Repertoire zu haben, die Hefte für Literatur, für Kunst. Wichtig auch, dass alle brandneuen Hefte gut sichtbar sind. Ordnung ist alles.

Die Kühlschränke mit den alkoholfreien Getränken müssen gefüllt werden. Die Renner sind Energy-Drinks. Es gibt auch reichlich Alkohol, diese Drinks stehen nie vor dem Kiosk. Es wird zu viel geklaut. Die Männer, die regelmäßig auf einen Kräuterschnaps kommen, sind heute nicht da. Brückentag für Obdachlose. Welche Ironie.

Ich habe den Kiosk besucht in der Hoffnung, die Stadt von unten zu sehen. Als Kontaktbahnhof hat der Kiosk im Untergrund ausgedient. Die Leute bleiben anonym. Ich schaue der Dame mit ihrer Red-Bull-Dose in der Hand hinterher. Sie wird Flügel brauchen, um in ihren hochhackigen Stiefeln die Rolltreppe zu schaffen. Ein Mann ruft ihr hinterher, ob sie mit ihm trinken möchte. Sie verschwindet im Nichts.

Wenn du eine Weile am Kiosk im Untergrund stehst, hörst du auf, die Umgebung zu beobachten. Du achtest nicht mehr auf die Züge, die in den Bahnhof rollen. Du denkst nicht darüber nach, wie viele Schicksale an diesem Morgen durch die Stadt geschleust werden. Egal, was aus den Lautsprechern kommt. Du hörst es nicht. Die Welt verschließt sich dir. Stefan sagt, er komme sich oft vor wie in einem Film von Fritz Lang. "Du befindest dich immer in derselben Grundstimmung. Wenn du kommst, ist es Nacht, und wenn du gehst, ist es Nacht. Du weißt nicht mal, ob es draußen regnet."

Das ist das Leben im Neonlicht. Man kann davon leben.

Irgendwann, sagt Stefan, glaubst du, alle Leute zu kennen, die an dir vorbeigehen. Sie gehen zur Arbeit. Sie kommen von der Arbeit. Du erkennst ihren Gang. Manche sind hier unten, weil sie keine Arbeit haben. Manche setzen ihre letzte Kohle auf ein Fußballspiel. Der Kiosk hat die staatlichen Sportwetten im Angebot. Professionelle Zocker, sagt Stefan, verspielen ihr Geld lieber in einer Internet-Kneipe irgendwo auf der anderen Seite der Gleise. Dort sind die Quoten der Buchmacher besser.

Halbneun. Ich gehe nach Hause. Der Jackpot wurde wieder nicht geknackt.



Neue Kolumnen in den Stuttgarter Nachrichten:

www.stuttgarter-nachrichten.de/joebauer



FUSSBALL IST UNSER LEBEN

Samstag, 8. August, Theaterhaus Stuttgart, 20 Uhr: "Hurra, wir kicken noch!", die Show zur mentalen Unterstützung der Stuttgarter-Kickers-Fans und anderer Fußballfreunde. Mit Michael Gaedt + Michael Schulig & Band als Die Große Rockschau (Ex Kleine Tierschau), Nu Sports (Ska-Band), Timo Brunke (Sprachkünstler), Joe Bauer (Vorleser), Ralf Schübel (Hymnensänger). Moderation: Stefan Kiss (Sportreporter, SWR-Fernsehen). Eintritt: 9 Euro, so günstig wie ein Stehplatz auf der schönen Waldau. Der Vorverkauf läuft. www.theaterhaus.com - Kartentelefon: (0711) 4 02 07 20

(Siehe Depesche vom 15. Juni 2009)



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