Bauers Depeschen


Samstag, 27. Dezember 2008, 267. Depesche



BETR.: BAISCH, ROLAND



Der Entertainer Roland Baisch ("Männerabend") hat gerade seine Show "Solo XXL" im Stuttgarter Theaterhaus präsentiert. Da fällt mir ein, dass ich 2004 zu seinem 50. Geburtstag im Stuttgarter Theaterhaus die Laudatio gehalten habe:



Schönen guten Abend im Theaterhaus,



heute, am historischen Tag der Jahrhundertfeier zu Ehren des ein halbes Jahrhundert alten künstlerischen Tausendfüßlers Roland Baisch, bin ich so eine Art Festredenhalter. Ich weiß, das ist kein besonders angesehener Job. Immerhin aber habe ich keine saublöden Hasenzähne zwischen den Kiefern, so wie gelegentlich, in vollkommener Verkennung seiner biologischen Realität, der ein halbes Jahrhundert alte Roland Baisch.

Es ist nicht lange her, da hat mich Herr Baisch gebeten, ein kurzes Info-Blatt für sein musikalische Projekt "Jazzluder" zu schreiben. Infos sind in der Regel Lügenpapiere, mit denen man versucht, Veranstaltertyrannen, wie wir sie auch in Stuttgart kennen, von der Qualität eines Künstlers zu überzeugen. Als ich den Wisch abgeliefert hatte, kam ein Rückruf von Herrn Baischs Agentin. Sie sagte, ich hätte etwas in dem Text vergessen. Ich fragte verunsichert nach, um welches biografische Versäumnis es sich handle. Man müsse unbedingt festhalten, sagte die Agentin, dass Herr Baisch eine gewisse optische Ähnlichkeit mit Harald Juhnke besitze. Ich legte sofort auf. Harald Juhnke war damals schon im Pflegeheim. Trotzdem hatte die Agentin nicht Unrecht: Es gibt in Deutschland meines Wissen nur zwei Männer, die es geschafft haben, stolperfrei eine Showtreppe herunterzutanzen. Der andere heißt Roland Baisch.

Als ich Roland Baisch zum ersten Mal auf der Bühne sah - ich nenne den Ort seines Auftritts einfach mal so - hätte ich nie gedacht, dass man einen solchen Job 25 Jahre lang machen kann, ohne zwischendurch draufzugehen. Ich denke, 25 Jahre Bühnenmaloche sind eine Ewigkeit. Und "die Ewigkeit", hat Woody Allen mal gesagt, "ist verdammt lang. Besonders gegen Ende."

Es war im Oktober 1979. Unter dem Dach des Künstlerhauses Reuchlinstraße hatte das Kulturamt - es nennt sich wider besseres Wissen heute immer noch so - für ein paar Mark Trinkgeld eine Art Kleintheater-Baustelle eröffnet. Lachen war dort einerseits nicht grundsätzlich verboten, andererseits aber auch gefährlich. Der Schuppen hätte jeden Augenblick in sich zusammenfallen können wie ein schlechter Witz. Trotzdem johlte Abend für Abend das Publikum angesichts eines Herrenpaars namens Scherbentheater. Eine der traurigen Gestalten hieß Roland Baisch, seine auch nicht gerade bessere Hälfte Bernd Schray. Diese Typen saßen auf wackligen Holzstühlen, klemmten sich Kaffeemaschinen vom Sperrmüll zwischen die Schenkel und verzogen ihre Visagen, als würde gerade ihr Gemächt gekocht. In Wahrheit spielten sie, zehn Jahre nach der Filmpremiere, "Easy Rider".

Fast keiner im Publikum wusste damals, wie er dieses Krankheitsbild diagnostizierten sollte. Manche dachten, es handle sich um Aids.Vom deutschen Kabarett war man bis dahin eher den parlamentarischen Scharfblick in Willy Brandts Cognacschwenker gewohnt. Die "Scherben", wie man Baisch & Schray nannte, machten vermeintlich nur Quatsch. Sie folgten der Schleifspur eines amerikanischen Stars namens Jango Edwars, der Anarcho-Pointen im Stil der großen Marx-Brothers mit Rockmusik frisierte und andauernd stöhnte, er wäre so gern der Sattel eines Damenfahrrads.

Man sprach damals von Clowns Power und Fools Theatre. Die Narren drehten völlig ab, der Begriff Comedy aber klang hierzulande noch zu sehr nach Komödie im Marquardt.

Die Scherbentheater-Episode ging bald vorbei, danach gründete Roland Baisch die Shy Guys, wieder ein wüstes Unternehmen, das durch die Mitwirkung einer Dame namens Patrizia Moresco keineswegs zivilisierter vor die Menschen trat. Das Schmuddel-Image konnte allerdings nicht verbergen, dass in Baischens Charles-Bronson-gleich gestähltem Körper etwas anders schlummerte: die Hinwendung zu la figura, die große Kunst, in jeder Situation den Anschein zu wahren. Und wiederum gab es, und diesmal weltweit, nur zwei einsame Männer, die diese Methode beherrschten. Der andere hieß Frank, Frank Sinatra.

Das ist nicht so einfach zu begreifen, wenn ein Mann auf die Bühne kommt, den nackten Arsch aus seiner Vorstadtdisco-Hose hängt und in die höhere Kunst des Liebelslieds einsteigt mit dem Text: "Der Wind hat mir das Glied verkühlt."

Das ist la figura.

Einmal hat mir Herr Baisch ein Anekdotenbuch mit dem Titel "Frank Sinatra - My Way oder Die Kunst einen Hut zu tragen" empfohlen. Ich habe es mehrfach gelesen und weiß deshalb nicht, warum Herr Baisch seine ein halbes Jahrhundert alte Haarpracht immer noch unter dermaßen scheiße aussehenden, schwarz gefärbten Deckeln wie heute Abend versteckt. Herr Baisch hat mir gesagt, das liege an einer schwäbischen Macke, die der Stuttgarter Nebenerwerbsclown Manfred Rommel so definiert habe: "Mir Schwaben sind wie die Koreaner, mir schiffet gelb, aber der Kopf ist schwarz."

Er ist schon ein sehr erdverbundener, heimattreuer Künstler, der Herr Baisch, auch wenn er - damit ihm täglich das Leben gerettetwerde - eine amerikanische Frau geheiratet hat. Ohne Linda Murphy, und das muss hier mal klar gesagt werden, hätte Roland Baisch heute nicht mal mehr Hasenzähne im Mund. Auch seine Kinder, die heranwachsende Artistin Vanessa und der praktizierende VfB-Fan Sam, stützen den Alten bis zum Umfallen, so wahr sich Herr Baisch gelegentlich aufführt wie ein gestandener Halbhöhen-Patriarch.

Konsequenterweise hat er la figura weiterentwickelt. TV-Stationen wie die "Comedy-Factory" auf Pro 7 oder die aktuelle Show "Reklame" auf Kabel 1, die Herr Baisch immer sonntags ab 19.10 Uhr moderiert, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass er von Kopf bis Fuß ein Gentleman der großen Bühne ist. Folglich gründete er das Count Baischy Orchester, übersetzte Sinatra-Songs ins Deutsche und lebt inzwischen das gehobene Entertainment. Und so singt er mit betörender Lässigkeit: "Ich sitz auf der Veranda, das ganze Durcheinanda stört mich überhaupt nicht mehr." Bei diesem Song sitzt man unweigerlich vor den Spiegeln einer von den letzten Nachtgestalten heimgesuchten Bar. Ich kann jetzt noch etwas Namedropping betreiben, das ist das Trinkgeld des Künstlers, ich könnte, wenn ich wollte, erwähnen, dass Herr Baisch kontinuierlich mit Comedy-Größen wie Badesalz, Hella von Sinnen oder Wigald Boning gearbeitet hat. Oder dass wir ihn auch als Puddig löffelnden Eisenbahncontrolletti in Dr. Oetkers Fernsehwerbung gesehen oder als vom Stuttgarter Let's-putz-Wahn infiziertes Chef-Arschloch in der ARD-Serie "Lolle" zum Teufel gewünscht haben. Wir haben auch von seinen Filmmusiken gehört. Doch all das erzähle ich für die Biografen und das Nachwuchspublikum.

Den großen Roland Baisch, den Clown, den Conférencier, den Sänger, den Entertainer, den erleben Sie pur nur live auf der Bühne: Mit erregender Leichtigkeit verführt er seine Gäste, da tanzt er auf dem Seil zwischen Lakonie und Melancholie und holt auch mal die Pyromanen-Keule des altgedienten, lebenskarussellerfahrenen Schweinebuden-Komikers aus dem Sack. Dann fliegen seinem aus dem Hut gezauberten Karnickel noch immer die Zähne aus der Fresse.

Vielen Dank und schönen Abend



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