Bauers Depeschen


Freitag, 05. Dezember 2008, 258. Depesche



DIE BRÜHE VON HESLACH



Es war der Tag, an dem Angela Merkel nach Dubai aufbrach, als ich nach Heslach reiste, mit der Straßenbahn von Vaihingen her. Es wäre schön, dachte ich, als ich Kaltental der Länge nach durchquerte, eines Tages auf einem Kamel nach Heslach zu reiten, an einem Tag, an dem die Sonne mich wärmt.

Immer wenn ich nach Heslach reise, ist es kalt, die Kälte von Heslach zieht mich magisch an. Diesmal jedoch war es nicht die Kälte, die mich beinahe erledigt hätte. Diesmal war es das Schicksal.

Am der Haltestelle Bihlplatz stieg ich aus. Womöglich wäre es besser, eine Rast einzulegen, dachte ich, im Ochsen, in der Heslacher Weinstube oder im Ristorante Paolo. Ich traute mich nicht, es war noch früh am Tag, wenngleich so kalt wie anderswo nur in der Nacht.

Ich ging ein paar Schritte, an der Apotheke, an der Buchhandlung vorbei, und bog in die Hasenstraße ein. Ich weiß nicht, ob ich in der Hasenstraße wohnen möchte. Es ist schön in dieser Gegend, romantisch wie fast nirgendwo in der Stadt. Man kommt an Häusern vorbei, die aussehen, als würden hier Hänsel und Gretel oder andere Punks auf ihre Befreiung warten. Ich hätte, wäre ich ein Hasenstraßenmann, ein Befreiungskommando zusammenstellen können, aber ich fürchtete die Überprüfung meiner Personalien: Bauer, Hasenstraße, das geht nicht.

In der Hasenstraße gibt es das Theater am Faden. Ein Hexenhaus. Vor der Tür steht ein baufälliger Bauwagen, er sieht nicht bewohnt aus, und am Eingang des Theaters hängt ein Vogelkäfig. Ein Kanarienvogel sitzt drin, und Fische fliegen im Käfig umher. Der Vogel und die Fische sind nicht echt. Ich traue mich das kaum zu sagen, eigentlich ist in Heslach alles echt.

Ich irrte durch die Gegend, aus schicksalhaften Gründen kann ich nicht mehr genau sagen, wo ich überall war. Selbstverständlich in der Benckendorffstraße am Friedhof. Ich sah nach, was der Steinmetz Lehmann macht. "Wiedererstellungen" macht er, steht an seinem Laden. Es ist nicht wichtig, ob er damit die Menschen meint oder die Grabsteine. Entscheidend ist: Er kann es. Wenn Sie mal über die Heslacher Halbhöhe gehen, werden sie viele Wiedererstellte in ihrem Mercedes vorbeifahren sehen, vor allem Frauen.

Ich ging die Benckendorffstraße entlang. Am Ende stand ich vor einem Lokal mit dem Namen Vergissmeinnicht. Ich habe selten eine Kneipe mit einem schöneren Namen gesehen. Das Lokal sah leider nicht aus, wie es heißt. Die heruntergekommenen Rollläden hingen da, als hätte ein Gast vom Vergissmeinnicht die letzte Silbe gepflückt. Vergessen kann dauern. So lange konnte ich nicht warten. Es gab noch etwas zu erledigen.

Schnell zurück zum Bihlplatz. Ich weiß noch, dass ich in der Buchenstraße das Schild des Malers Zipfel sah, es war rot. Ich eilte am Haus des Malers Zipfel vorbei, ich musste zum Bihlplatz, um jeden Preis. Ach, dachte ich, wäre es jetzt schön, im Ochsen eine Rast einzulegen. Ich hätte sie dringend nötig. Nein, sagte ich, es ist zu früh, ein Gasthaus aufzusuchen, auch wenn es in Heslach tags so kalt ist wie in Dubai nicht einmal nachts.

Außer Atem, mit heraushängendem T-Shirt näherte ich mich einer dieser mysteriösen, rohrförmigen Plastiktoiletten, auf denen – wohl zu Ehren des Oberbürgermeisters – das Ross des Stadtwappens klebt. Ich kramte drei Zehn-Cent-Stücke aus der Tasche, warf sie in den Schlitz, und die Tür ging wie durch ein Wunder auf. Maler Zipfel, rot, war das Letzte, was ich in mein Notizbuch kritzelte. Das Notizbuch glitt mir aus den kalten Fingern, es streifte mein Gemächt – zu schwach, um die Kladde aufzuhalten. Sie landete in der Schüssel. Eine Weile noch schwamm sie friedlich in der Brühe von Heslach. Dann brach die Spülwelle los, mir kamen die Tränen. Hier, verehrte Leser, endet die Geschichte von Heslach, wo ich die wahre Geschichte von Heslach und meinem Leben verlor.



Karten für Die Nacht der Lieder: 07 11 / 20 20 90.

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