Bauers Depeschen


Freitag, 28. November 2008, 255. Depesche

Das Thema "Zehn Jahre Flaneursalon" ist gelaufen. Wir sind zufrieden, wir danken unserem Publikum - und machen Pause. Die nächste Lieder- und Geschichtenshow findet am 18. Februar 2009 im Theater Rampe statt, mit dem letzten gemeinsamen Auftritt von Stefan Hiss und Ralf Groher als Los Gigantes. Hier einer der Texte, die ich 1998 bei meiner allerersten Lesung - damals schon mit Stefan Hiss - im Gustav-Siegle-Haus vorgetragen habe:





NACHT IN DER STADT

Casanova, Katakomben und Ben Becker



Im Jahr 1994, das kein besonderes war, wurden in Stuttgart zehn Morde begangen. Fünf in den Nachtstunden: zweimal war eine Schusswaffe im Spiel, einmal ein Messer, den Rest erledigten die Täter mit bloßen Händen. Vermutlich ist das für eine Stadt mit einer halben Million Menschen nicht mehr als guter Durchschnitt. Aber wir können aus diesen Morden schließen, dass es in Stuttgart nachts ein Leben gibt. Anderswo müsste man diesen Nachweis weniger blutig führen. Hier allerdings leiden die Menschen unter den Gerüchten aus konkurrierenden Provinzstädten, in Stuttgart würden lange vor Mitternacht die Bordsteine hochgeklappt.

Das hat so nie gestimmt. Es gab zu allen Zeiten erregende Gelage im Talkessel, es war nur nicht immer einfach, live dabei zu sein und lebend wieder rauszukommen.

Der Italiener Giacomo Casanova, im 18. Jahrhundert als Hardcore-Star der internationalen Sexszene berühmt gworden, hinterließ uns eine Geschichte, die etwas von Stuttgarts Klasse als mafiosem Zentrum vermittelt. Eines Tages stieg Casanova in der württembergischen Hauptstadt ab. Herzog Karl Eugen regierte, und die Kunst hatte Hochkonjunktur. Casanova, ein Liebhaber der Oper und des Balletts, ließ sich von drei Offizieren überreden, einige italienisch sprechende Mädchen zu besuchen. So landete er im dritten Stock eines Hurenhauses, wo er billigen ungarischen Wein trank und sich zum Kartenspiel überreden ließ. Der Fusel war dermaßen vergiftet, dass man den Italiener danach mit einer Sänfte abtragen musste - was nicht weiter schlimm gewesen wäre, hätte Casanova neben seinem Verstand auch 4000 Louis auf Schuldschein im Puff gelassen. Casanova hatte schlechte Karten; ihm drohte Knast. Dem Gefängnis entging er jedoch, weil ihm zwei noble Damen halfen, sich nächtens abzuseilen.



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"Die Nacht der Lieder" am 9. und 10. Dezember im Schauspielhaus der Stuttgarter Staatstheater. Ein atmosphärisch schöner Benefiz-Abend mit Eric Gauthier, Wolfgang Dauner, Die Fuenf, Dacia Bridges u. a.

Karten: 0711 / 20 20 90. Jeder Cent für Menschen in Not. www.staatstheater-stuttgart.de

www.stuttgarter-nachrichten.de/nachtderlieder



--------------- Karten kaufen, und jede für einen guten Zweck! -----------



Das Bordell hat seine Attraktivität als Asyl der Nacht inzwischen eingebüßt. Es lebt bestenfalls fort als Fluchtpunkt romantisch verklärter Kunstfreaks oder literarisch zu spät infizierter Beatniks, die unter den Perücken schlecht geschminkter Animierdamen noch immer den Geist Toulouse-Lautrecs oder Jack Kerouacs vermuten. Diese intellektuell angelegten Nachforschungen kosten aber sehr viel Geld.

Der eher harmlose Stuttgarter Triebtäter fährt heute hinaus nach Böblingen oder Backnang, während die Herrschaften aus den Kreisstädten den Stuttgarter Kiez, den kürzesten der Welt, besuchen.

Bis heute spricht man zwar im Leonhardsviertel vom Rotlichtbezirk, es wäre jedoch vernünftiger, die Gegend als Zone der Finsternis zu behandeln. Der Passant nimmt amtlich geduldete Puffs nächtens nur noch als Treffpunkt trillerpfeifender Bundeswehr-Soldaten in Trikots der Fußballnationalmannschaft wahr.

Trotzdem hat sich das Stuttgarter Nachtleben in den achtziger und neunziger Jahren verändert. Kein Mensch, der es darauf anlegt, hat heute Probleme, 24 Stunden non stop Bars, Discos oder Kneipen heimzusuchen. Der sportliche Ehrgeiz und die Spürnase für das nächtliche Abenteuer, das ja immer durch das Warten auf ein Liebes- oder Bettwunder beeinflusst wird, sind allerdings flötengegangen. Eine verschlossene Tür birgt kein Geheimnis mehr, dümmstenfalls steht ein muskelbepackter Nachtwächter davor.

Das Stuttgarter Zentrum war auch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg so unbewohnbar wie, sagen wir, München. Man befand sich auf Brachland, auf Ackergebiet; die Attraktion waren einige Rotlicht-Baracken, "Vereinigte Hüttenwerke" genannt, und eine Imbissude auf Rädern, die von zwei alten, paprikascharfen Frauen gezogen wurde.

1958 versuchten sich der Galerist Hans-Jürgen Müller, ein Mann der Avantgarde, und der mittlerweile verstorbene Theatermacher Klaus Heydenreich an einer kulturellen Symbiose von Halbwelt und Avantgarde. Mitten im Sumpf des Bohnenviertels entstand eine provisorisch gebaute Bühne, das Theater der Altstadt, und man konnte damals an eine friedliche Verbindung von Schattengewächsen und Lichtgestalten glauben.

Eines Nachts aber ging die Bühne in Flammen auf. Es gab Tränen. Im Feuerschein versammelten sich daraufhin die Luden der Stadt und spendierten Kohle für den Wiederaufbau. So wurde in dieser Nacht das Sponsoring erfunden. Damals nannte man das Kollekte.

Das Stuttgarter Nachtleben der 90er Jahre, andernorts zu Unrecht belächelt, ist mit eine Errungenschaft der ausländischen Bevölkerung, die inzwischen ein Viertel der Einwohner stellt.

Der mondänste Platz der jüngeren Vergangenheit war ein dekonstruktivistisch zusammengenagelter Club namens Zapata unweit des Hauptbahnhofs. Dieser Laden, von südamerikanischer Virtuosität gezeichnet, wurde gegen alle Gesetze der Gastronomie, ein baufälliger Abenteuerspielplatz für die Kinder von Caipirinha und berufsjugendliche Grünen-Politiker wie Rezzo Schlauch.

Das Schönste an dem Tropfsteinschloß waren die Zapata-Katakomben, wundersame Kellergewölbe, ein Hinweis auf die Existenz einer Suttgarter Unterwelt. Man hat unter der Stuttgarter Oberfläche ohnehin schon immer ein mysteriöses Eigenleben vermutet, einen unterirdischen Staat im Staate, den es zu entdecken gilt.

Der Berliner Schauspieler Ben Becker, auf den Stuttgarter Staatstheaterbühnen und als TV-Gangster bekannt geworden, hat daran gedacht, als er eines Abends in einem asphaltierten Biergarten in der Bolzstraße mit seinem Freund Tommy die Lage besprach.

Das Lokal, ein erregender Rundbau für das öffentliche Bedürfnis, nennt sich Palast der Republik; die Disco gegenüber in der Bolzstraße hieß Das Unbekannte Tier.

Ein paar Punks spielten in der untergehenden Sonne Federball, als Tommy sich zu Becker hinüberbeugte und ihn fragte, ob er wisse, dass der Platz hier untertunnelt sei. Seit langem träume er davon, dieses Gelände zu erschließen. Dies sei, antwortete Becker, ein guter Gedanke, man könne auf diese Art eindringen ins ewige Dunkel der Stadt.

Das Duo stieg in den Heizungskeller der Disco, rüstete sich mit einem Schraubenschlüssel und einer Taschenlampe und startete seine Expedition durch Stuttgarts letzte Geheimnisse. Im Schein der Lampe kam Becker die Idee, die Menschenmassen vor dem Disco-Eingang künftig zu vermeiden, indem man die Bar des Palasts der Republik auf direktem Weg durch den Gullideckel einnehme. Dies, sagte er, verhindere Wartezeiten am Tresen und beeindrucke die Damen.

Die beiden kämpften sich auf ihrem Weg voller Rattenkacke und Spinnweben durch die Gemäuer, bis sie einen tonnenschweren Gullideckel als Ausgang orteten. Als sie das Eisen endlich aus seiner Halterung gewuchtet hatten, tat sich ein schwarzes Loch über ihnen auf, ein Loch, das durch seine Stille irritierte.

Becker gelang, untestützt von der Räuberleiter seines Partners, der Durchbruch an die Oberwelt. Statt in der Bar aber stand er mitten in einem Schlafzimmer, er sah sein dreckige Gesicht in den Spiegeln über dem Bett. An den Fenstern des Raums drückten sich Passanten die Nase platt. Becker, mit letzter Kraft dem Kanalsystem entkommen, war mit seinem Kumpel Tommy in der Schaufenster-Dekoration eines Geschäftsgebäudes gelandet - im Einrichtungshaus Rohrer.

Die Nacht war noch nicht gelaufen. Es galt zu verschwinden. Die Polizei war bereits im Anmarsch.



- Kolumnen in den Stuttgarter Nachrichten:

www.stuttgarter-nachrichten.de/joebauer







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