Bauers Depeschen


Dienstag, 18. November 2008, 251. Depesche



Die folgende Geschichte habe ich vor zehn Jahren für mein Sportbuch "Ich gebe alles" geschrieben. Damals hätte ich jede Wette gemacht, dass das Thema fünf Jahre später keine Rolle mehr spielen würde. Ich habe mich getäuscht. Die Reportage handelt von der Tabledance-Bar Macabu am Stuttgarter Leonhardsplatz. Es hat sich wenig verändert.



MÄNNERTRÄUME IM RASIERSITZ



AUSZEIT auf dem kleinen Kiez, der letzten Straße des Berufsverkehrs. Man nennt die Gegend Tschernobyl. Auf dem Bordstein ein paar Damen, die wissen, dass ihre Karriere zu Ende geht.

Es ist Samstag, 19 Uhr. Die Jungs aus den Kreisstädten, die bald kommen werden, hängen noch vor ihren Fernsehern und gucken Sportschau. Peter, der Türsteher der Tabledance Bar, kennt die Ergebnisse vom Nachmittag und schnappt etwas Luft. Am Morgen hat er Karate trainiert. Er muss seine Form halten. Seine Bandscheiben sind nicht mehr die jüngsten.

Der nahe U-Bahnschacht spuckt die Jungs aus Rostock aus. Sie tragen die Uniformen des FC Hansa, der heute in der Stadt einen Punkt geholt hat. Sie bleiben am Schaukasten der Tabledance Bar hängen. Was in der Bar geboten werde, fragen sie. Mädchen würden geboten, sagt Peter, hübsche Mädchen. Nicht gleich, später, in zwei Stunden, wenn die Show beginnt. Einen Zwanziger Eintritt, sagt Peter, inklusive Getränk. Hier ist nicht Champions League. Hier ist Regionalliga, Einzugsgebiet S-Bahn.

Ob es Zimmer gebe, fragen die Ossis. Nein, Zimmer, gebe es nicht, sagt Peter. Drüben um die Ecke gebe es Mädchen mit Zimmern. Hier sind die wirklich schönen Mädchen, man kann ihnen zuschauen und ihnen etwas zustecken. Zustecken heißt Leistung anerkennen, Einsatz honorieren. Haltungsnoten vergibt man cash: Leistungsprämien im Rotlicht. Man schaue im Übrigen mit den Augen, sagt Peter, und nicht mit den Händen. Tabledance ist eine puritanische Disziplin. Körperkontakt nur bedingt erlaubt.

Abends um neun, wenn die Kreisstädter im Viertel Streife fahren, färbt sich der Platz vor der Tabledance Bar tiefblau. Die Fassade des Hauses wird in Neonlicht getaucht, als wollte man den Himmel für eine Nacht in die Senkrechte stellen. Ein winziges Stück Amerika, kleine Heimat. New-York-erfahrene Touris plaudern an geselligen Abenden vor der Tür über ihre Erfahrungen in der Baby Doll Lounge unten in Manhattan, wo man in der Mittagspause der Wall Street gestressten Brokern beim Entspannen am Tresen zusehen kann.

In der Tabledance Bar Macabu unter dem Cabaret Four Roses werden die Scheinwerfer eingeschaltet. Ein Dutzend Frauen schwirrt durch die Enge des Raumes. Eben haben sie mit Wischtüchern reinen Tisch gemacht. Jetzt tänzeln sie. Leichtes Stretching. Bald werden sie tanzen. Showtime.

Doro, 22, früher Krankenschwester in Glauchau bei Chemnitz, trägt hochhackige schwarze Stiefel; der Rest ist nicht der Rede wert, er lässt sich wegdenken. Wir reden an diesem Abend über Doros Job, und so verliere ich die Textilienfrage aus den Augen. Die Auseinandersetzung mit harter Arbeit drückt immer aufs Gemüt, das hängt nicht von der Berufskleidung ab.

Jo, Geschäftsführer des Hauses, kommt mit dem Meterstab in unsere Ecke. Angemessen wäre jetzt vielleicht ein Herrenwitz. Ich wollte aber nur wissen, wie groß Doros Arbeitsplatz ist. Vier Meter lang, 80 Zentimeter breit, sagt Jo. Die Maße des Tisches, des Spielfelds, der Bühne.

Doro legt ihre Acts gern etwas düster an: Lack, Leder. Später, wenn der Laden voll ist, werden die Jungs aus Rostock singen: „Zieht der Kleinen die Lederhose aus.“ Dann ist Stimmung, und wenn die Jungs nicht böse sind, dürfen sie weitersingen. Als Doro zum ersten Mal in dieser Nacht auf den Tisch steigt, wünscht uns Jo übers Mikrophon einen unterhaltsamen Abend, er fordert fairen Beifall und legt „Out Of The Dark“ auf, einen Song aus dem Nachlass des verstorbenen Falco.

Wichtigste Requisiten der Show sind die vertikalen Chormstangen auf dem Tisch, Symbole horizontaler Sinnlichkeit. Die Stangen lassen sich zur Brust nehmen wie der Mast eines Surfbretts. Slalom der Begierden.

Entlang des Tisches sitzen Männer, einsame und in Cliquen.

Die Köpfe müssen sie joch tragen, um möglichst viel zu sehen. Ihre Haltung erinnert an den Rasiersitz aus den alten Tagen des Kintopp. Jetzt gibt es topless: oben ohne live. Man darf den Duft der Frauen riechen, ihnen etwas zustecken und sie für einen Moment berühren.

Der tiefere Sinn der Show besteht darin, den Tänzerinnen zwei Mark teure Dollar-Duplikate irgendwo anzuheften, wozu es wegen der zunehmenden Textilienknappheit im Laufe der Auftritte beim Publikum geschickter Finger und bei der Tänzerin geübter Muskeln bedarf. In guten Nächten, wenn die Leistung gestimmt hat, kommen die Mädchen vom Tisch, als hätten sie mit geölter Haut einen offenen Tresor gestreift. Je mehr Spielgeld, desto höher ihre Prämie. Wie die Profis anderer Unterhaltungsbranchen sind sie Angestellte ihres Clubs und am Erfolg finanziell beteiligt.

Doro wurde einst in der Disco fürs Business entdeckt. Zufall, dass ein Tabledance-Manager zu ihren Patienten im Krankenhaus gehörte. An fünf Tagen pro Woche, zwischen neun Uhr abends und drei Uhr morgens, tanzt sie auf dem Tisch. Fünf- bis zehnmal am Abend jeweils zehn Minuten. Manchmal, wenn die Nacht hart war und das Publikum spendabel, spürt sie die Knochen. Das Wasser in den Knien, auf denen sie über den Tisch zu den Kunden der Bar schlittert.

Doro und ihre Kolleginnen können tanzen, manche verdammt gut. Sie sind trainiert, beherrschen den Spagat auf dem Tisch mit akrobatischer Eleganz. Manchmal kann man spüren, wie die Lage ernst wird in der Tabledance Bar. Die Jungs hören für einen Augenblick auf zu quatschen oder zu grölen, weil die Körper Dinge tun, die sie nie zuvor gesehen haben. Viele der Männer im Rasiersitz sind Ersttäter im Showbusiness, sie kennen weder Technik noch Dramaturgie der Publikumsverführung.

Tabledance, sagt Doro, sei ein Job wie Sport. Er bringt Geld, und er ist gut für Träume. Später vielleicht mit der Kohle eine Ausbildung machen, vielleicht als Apothekerin. Sie schaffe das, sagt Doro. Sie ziehe immer durch, was sie sich vornehme. Eine Frage des Disziplin. Tabledance sei nichts anderes als früher die Arbeit im Krankenhaus: soziales Engagement. Spaßtherapie für die Männer und Jungs in der Bar. Stammkunden auf reservierten Plätzen, Touris von der Alb, Jungs aus der fremden Stadt.

Doro hat ihre Kunden in Kategorien eingeteilt. Manche wollen sogenannten Single-Fun, andere mehr, als sie kriegen werden, und manche tun ihr leid: Typen, die sich an den Tischen Abend für Abend nach einer Tänzerin verzehren wie Professor Unrat in Josef Sternbergs Film „Der Blaue Engel“.

Hinten in der Bar hängt der Vorhang zum kleinen Separee. Vor einer reisekoffergroßen Bühne kann man sich eine Privatshow mit seiner Lieblingstänzerin kaufen. Die Jungs aus Rostock haben diskutiert, ob sie zusammenlegen sollen. Das wäre billiger, als um die Ecke zu gehen in das Haus mit den Zimmern. Obwohl es im Separee nicht gibt, was es auf den Zimmern gibt. Aber das braucht keiner zu wissen, ehe er es erlebt hat. Tina Turner hat davon gesungen, als die meisten hier noch nicht wussten, worum es ging: I’m your private dancer / A dancer for money / I’ll do what you want me to do . . .



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Die Nacht der Lieder am 9. und 10. Dezember im Schauspielhaus der Stuttgarter Staatstheater. Es gibt noch wenige Karten: 0711 / 20 20 90.

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