Bauers Depeschen


Freitag, 15. August 2008, 210. Depesche

Peking geht mir auf den Sack. Damit sind wir beim Thema:



"WIR HABEN'S KRACHEN LASSEN"

Die Geschichte des Rotlicht-Veterans Pitt Oskar



Gewidmet Herrn Geyer, Frankfurt am Main, eine Stadt, die ich in diesem Leben wohl nicht mehr erreichen werde





ES IST SIEBEN UHR ABENDS und die Bar noch nicht geöffnet. Pitt hat einen Besenstiel diagonal in den Türrahmen geklemmt. Im Treppenhaus steigen Typen zu den Damen hoch, und sie tun gut daran, Pitts Reich nicht zu betreten. "Freier dürfen bei mir nicht rein", sagt er, "ich habe gutes Publikum."

Wir sitzen in der Uhu-Bar in der Stuttgarter Leonhardstraße, in der Eingangsebene des gleichnamigen Bordells. Pitt, der bürgerlich Peter Müller und im Milieu auch Oskar heißt, hat vor zwei Jahren hinter Butzenscheiben sein öffentliches Wohnzimmer eingerichtet. Biedermeiersofa, dunkler alter Holzschrank, an der Wand eine vergrößerte Illustration aus Boccaccios "Dekameron".

Pitt ist 70 und hat Stil. Er trägt wie eh und je die getönte Pilotenbrille von Cartier und die Uhr aus Edelstahl von Breitling. Unlängst musste er, feierlich gekleidet, zurück in seine alte Heimat Frankfurt am Main. Einer der Jungs, wie man Freunde aus der Branche nennt, wurde beigesetzt. Der Bordellkönig Jürgen "Aki" Jacoby, als "der Indianer" bekannt, war mit 64 am Herzinfarkt gestorben. Auf Mallorca, wo er lebte.

Tausend Trauergäste "aus der internationalen Rotlicht-Szene", wie "Bild" anderntags berichtete, gaben Aki bei "strengstem Fotografierverbot" das letzte Geleit. Als die Urne aus der Halle getragen wurde, klatschten die Damen und Herren Beifall. "In südlichen Ländern wird ein ehrenwerter Mann mit Applaus aus dieser Welt entlassen", hatte der Trauerredner gesagt. Die Rede hielt Peter Müller, genannt Pitt bzw. Oskar. Er kann mit Worten umgehen.

In der Bar hat er seinen eingerahmten Text über die "Historie des Uhus" aufgestellt. Der Name Uhu geht auf einen Berliner Ringverein der Zwanzigerjahre zurück. Ringvereine waren die Schutzgemeinschaften von Ganoven; um zu überleben, schlossen sich ihnen auch verarmte Intellektuelle und ehemalige Offiziere an. Mörder und Sexualverbrechern blieb der Zutritt zu den Gentleman-Banditen verwehrt.

Der Stuttgarter Uhu, schreibt Gentleman Pitt, wurde in den fünfziger Jahren von Erhardt Seyfried und seiner Frau Hermine als Lokal für die bessere Gesellschaft gegründet. Hermine sang bei Festen für die Gäste Opernarien. "Geld spielte keine Rolle, man hatte es und gab es mit vollen Händen aus."

Im Lauf der Jahre wandelte sich das Edellokal in einen geduldeten Puff. Im Herbst 2006 kam Pitt auf Bitten der alten Jungs nach Stuttgart und renovierte die Bar. Er hat in seinem Leben viele Etablissements für gutes Geld auf Vordermann gebracht. "Wenn ich ein Lokal betrete, weiß ich, wie es später aussehen muss", sagt er. Und Stuttgart ist ein guter Platz. Pitt hat hier in den sechziger Jahren gelebt. Die Rotlicht-Achse Frankfurt-Stuttgart funktionierte immer.

1937 wird Peter Müller als Sohn einfacher Leute in Leipzig geboren, er muss früh für die Familie sorgen, sein Vater ist im Rollstuhl aus dem Krieg zurückgekehrt. Pitt lernt Dekorationsmaler und boxt bei Chemie Leipzig. 1955 flüchtet er aus der DDR nach Hamburg, 1957 heuert er beim Schweizer Circus Knie an. Ein Jahr später will er mit einem Kollegen zurück nach Hamburg. Auf der Reeperbahn hat er Rotlicht gesehen, die Farbe gefällt ihm. An der Autobahnausfahrt Vaihingen bekommt er mit seinem Kumpel Krach. Pitt steigt aus und landet in der Stuttgarter Altstadt.

Ein bürgerlicher Beruf ist nichts für ihn. Einmal arbeitet er in der Küche der US-Army auf dem Hallschlag. Kurz vor dem Thanksgiving Day, einem Heiligtum der Amerikaner, stiehlt er einen zubereiteten Truthahn. Die Jungs draußen haben Hunger, sagt er sich und legt den Braten in seinen Spind. Ein Fehler. Als die Soße aus dem Schrank läuft, verpasst ihm der mexikanische Küchenchef "die schlimmste Tracht Prügel meines Lebens". Pitts US-Karriere endet nach vier Tagen. Er beschließt, in Zukunft seine Zweikämpfe zu gewinnen.

In der Altstadt, wo heute das Schwabenzentrum steht, brummen die Rotlichtbaracken, "Hüttenwerke" genannt. Pitt geht kellnern, wie man das offiziell nennt, er arbeitet im Trichter, im Schiller, in der Lido-Bar. In Milieulokalen, "wo barfuß oder Lackschuh keine Rolle spielt. Hauptsache, du hast Kohle." Er heiratet die Schwester eines Paten namens Romani und ist mit 24 Vater von zwei Kindern. Damals gibt es, mit einem Kater als Helden, die Comicserie "Oskar der Familienvater". Bald heißt Papa Pitt unter Freunden Oskar.

Die Familiensaga war nicht geplant. Überall in der Altstadt spielen sie den neuen Sound aus Amerika. "Rack'n'Roll", wie Pitt noch heute sagt. Fast jede Bar präsentiert Live-Musik, auf der Bühne stehen Stars wie Casey Jones & The Governors, und die Polizeistunde interessiert nicht einmal die Polizei. Oskar und die Jungs tragen schwarze Lederjacken mit hochgestellten Kragen, enge Jeans und gelegentlich schon Verantwortung für arbeitswillige Damen. Jede Nacht geraten sie in Schlägereien, haben Zoff mit Amis. Die GIs haben harte Dollars, gute Autos und zu viel Interesse an den Damen, die auch für die Jungs infrage kämen. "Wir waren Halbstarke", sagt Pitt, "wir haben's krachen lassen."

1966 zieht er nach Frankfurt. "Dort spielten bessere Bands." Pitt bewegt sich bald im Glanz der Großen, Seite an Seite mit Box-Promotern, Sport- und Showstars. Bei Bedarf fährt er mit Chauffeur im Rolls Royce bei Partys vor - oder auch mal im Opel Admiral an der Knastmauer, um einen der Jungs zu befreien. Als auf der Flucht der Sprit ausgeht, nimmt Pitt dem nächstbesten Autofahrer mit gezückter Kanone den Benzinkanister ab. Und wenn die Strähne reißt, macht er Kurzurlaub auf Staatskosten.

Pitt/Oskar ist heute - "nach fünfzig Jahren Asphalt" - einer der letzten Zeitzeugen der Subkultur im Rotlicht. "Unser Milieu", sagt er, "gibt es nicht mehr." Die Tage, als Banditen, Luden einen Ehrenkodex besaßen, als sie ohne Waffen gegeneinander auf der Straße kämpften, sind vorbei. Die Sex-Industrie regiert. Die Uhu-Bar in der Altstadt ist ein pittoreskes Museum für lebende Geschichte und die junge Boheme der Clubs bereits zu Gast. Den Besenstiel in der Tür kann Pitt, der Chef, demnächst vergessen.

(Aus den Stuttgarter Nachrichten)



- Flaneursalon am kommenden Dienstag, 19. August, im launigen Zeltcafé im idyllischen Ditzingen, der politischen Wiege vom schönen Oettinger. Mit Los Gigantes, Dacia Bridges & Alex Scholpp. 20 Uhr. Siehe Termine.









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