Bauers Depeschen


Donnerstag, 07. August 2008, 202. Depesche



200-DEPESCHEN-JUBILÄUM: Die Kurzgeschichte "Der Marlboro-Mann" erscheint seit 4. August in mehreren Folgen auf dieser Seite. Komplett wird sie im Herbst mit Beiträgen verschiedener Autoren in dem Buch "Smoke! Smoke! Smoke!" (Edition Tiamat, Berlin) veröffentlicht. Buch-Vorstellung ist am 4. November im Café des Theaters Rampe - es lesen Vincent Klink, Klaus Bittermann und meine Wenigkeit; Musik machen Los Gigantes. Und bald gibt's Depeschen wieder als einzelne Würste.



DER MARLBORO-MANN

Von Joe Bauer



TEIL 4 und Schluss



MARCEL SCHLUCKTE und griff nach der Marlboro-Box in seinem Jackett. Das war zu viel. Ich komme zu dir, Philipp, sagte er, ich schätze, ich kann dir einiges erklären.

Kallental, dieser einäugige Idiot, hatte sie ausspioniert, bevor sie vor zwei Wochen umgezogen waren. Marcel hatte die Eigentumswohnung im Osten der Stadt von Philipp erkauft und sich eine Immobilie, ein Schnäppchen, in der Höhenlage gegriffen. Mit den "Tatort"-Gagen war das drin. Womöglich, dachte Marcel, konnte er Franziska sogar das Telefon zurückbringen. Wenn Kallental nichts gesucht hatte außer Kohle, dann hatte ihn das blöde Mobiltelefon mit den Nummern von Franz Beckenbauer und Herbert Grönemeyer nicht interessiert.

Philipp hat mir das Leben gerettet, dachte Marcel, und er weiß es nicht einmal. Er musste ihm ein Geschenk machen, etwas Besonderes, etwas Schönes, keinen Outlet-Kram. Philipps Frau hatte sich in das Ballett des Stadttheaters verliebt, die Vorstellungen der Kompanie waren fast immer ausverkauft. Manche Leute standen schon vor Sonnenaufgang an der Kasse für eine Karte an. Marcel hatte Beziehungen. Ich bin nicht umsonst Schauspieler geworden, sagte er. Und Gott sei Dank hatte er seinen schlecht bezahlten Job im Ensemble noch nicht aufgegeben. Er kannte jeden im Theater. Frau Prinz, die Dramaturgin, würde das regeln. Frau Prinz regelte alles für ihn. Er brauchte zwei Karten für den "Nussknacker". Jens und seine Frau würden ihn dafür auf Händen tragen. Ein Anruf bei Frau Prinz genügte. Auf dem Weg zu Philipp würde er die Tickets abholen.

Marcel ließ den Pajero stehen, er wusste, dass Pajero auf Spanisch Wichser heißt, und ihm war nach Demut. Er stieg in seinen Smart und fuhr los. Es war ein gutes Treffen mit Philipp. Marcel ließ danach den Smart stehen und bestellte sich ein illegales Raucher-Taxi.



ZWEI WOCHEN später hatte sich die Lage beruhigt. Kallental war wieder im Knast, Franziska auf Augenhöhe mit Franz Beckenbauer und Herbert Grönemeyer und Marcel gut im Geschäft. Seine Frau hatte nur noch zwei, drei Bemerkungen über das Rauchen gemacht. Sie sagte, Nikotin sei noch schlimmer als Fleisch essen und die Sache mit dem verschwundenen Portemonnaie ihm hoffentlich für immer eine Lehre. Wäre er eben früher am Auto gewesen. Marcel wusste, dass er auch mit den "Tatort"-Gagen eine Scheidung nicht bezahlen könnte. Und kein Richter würde als Scheidungsgrund anerkennen, dass sie sich von der Vegetarierin zur Veganerin wandelte. Marcel würde weiter heimlich rauchen müssen.

Samstagnacht um eins klingelte das Telefon. Wieder ein Scheißfestnetztelefonierer, dachte Marcel und schaltete den DVD-Player aus. Der jüngste "Tatort" war das Letzte. Philipp Flainer hier, sagte die Stimme am Telefon, es ist etwas Schreckliches passiert. Marcel, ich traue mich kaum, es dir zu sagen. Ich bin am Arsch. Vielleicht kann ich die Raten für die Wohnung nicht mehr bezahlen. Ich bin nicht versichert. Was ist passiert, sagte Marcel, haben sie dich gefeuert? Philipp war Ingenieur, er hatte einen guten Job bei Mercedes. Nein, sagte Philipp, es ist unfassbar. Wir haben uns gerade den "Nussknacker" angeschaut. Wie waren nur drei Stunden weg. Jetzt sind wir zu Hause, und ich kann es nicht fassen. Julia sitzt auf der Treppe und heult. Unsere Wohnung ist leer. Sogar der Kühlschrank ist weg. Die Schweine haben unsere Wohnung ausgeräumt. Welche Schweine, sagte Marcel. Ich weiß es nicht, Verbrecher, Gangster, Mörder. Marcel wurde schwindlig. Erst Kallental, dann der "Nussknacker". Er hielt den Hörer in der linken Hand und griff mit der rechten in sein Jackett. Das silberne Dupont lag schwer in seiner Hand.

Den Schlag von Franziskas flacher Hand spürte er erst, als die Glut der Marlboro in sein rechtes Auge eindrang. Blut lief aus seinem Mundwinkel, in dem eben noch die Zigarette gesteckt hatte. Marcel versuchte die Augen zu öffnen. Ihm dämmerte, wie sich Kallental die ganze Zeit fühlen musste.

-- ENDE. Vielen Dank. --

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