Bauers Depeschen


Mittwoch, 06. August 2008, 201. Depesche

RECHTZEITIG zum 200-Depeschen-Jubiläum mal was Anderes - die Kurzgeschichte "Der Marlboro-Mann" erscheint in mehreren Folgen auf dieser Seite. Komplett wird sie im Herbst mit Beiträgen verschiedener Autoren in dem Buch "Smoke! Smoke! Smoke!" (Edition Tiamat, Berlin) veröffentlicht. Buch-Vorstellung ist am 4. November im Café des Theaters Rampe - es lesen Vincent Klink, Klaus Bittermann und meine Wenigkeit; Musik machen Los Gigantes.



DER MARLBORO-MANN

Von Joe Bauer



TEIL 3





STELLEN SIE SICH VOR, es ist Kallental. Schon wieder Kallental. Das glaub' ich nicht.

Marcel war sich nicht ganz klar, ob er mit einem lebenden Bullen telefonierte oder noch den Text seiner bescheuerten "Tatort"-Dialoge im Ohr hatte. Wer ist Kallental, sagte Marcel. Der Typ, der mit Ihrer Kreditkarte Geld abgehoben hat, sagte der Bulle. Mit der Kreditkarte meiner gottverdammten Frau, sagte Marcel. Warum sagen Sie das, sagte der Bulle, für Ihre Familienverhältnisse sind wir nicht zuständig. Schon gut, sagte Marcel, und ließ sich die Geschichte erzählen. Als Kallental zweitausend Euro abgehoben hatte, wurde er von der Videokamera gefilmt. Vermutlich waren ihm im Knast die modernen Errungenschaften des Überwachungsstaats entgangen.

Marcel schlief in dieser Nacht tief und traumlos, er wachte nicht auf, als seine Frau nach Hause kam. Am nächsten Morgen, als Franziska noch schlief, rauchte er im Garten hinterm Haus, für die Nachbarn unsichtbar hinter der gekrümmten Handfläche, und dachte nach. Der Bulle rief wieder an. Wie ist Kallental an die Geheimnummer gekommen, wollte Marcel wissen. Wir haben Kallental verhört, sagte der Bulle, er hat uns alles über Sie erzählt. Er weiß alles über Sie. Wo Sie wohnen, wo Ihre Zwillinge zur Schule gehen, wie Ihr Hund heißt. Kallental hat Sie im Gefängnis mehrfach im "Tatort" gesehen. Als er entlassen wurde, hat er Sie und Ihre Familie beobachtet. Er war neugierig, hat er gesagt, er hat das Viertel gekannt, in dem Sie wohnen.

Marcel wunderte sich. Kallental war wohl ein besonders verbissener Schnüffler, seit er nur noch ein Auge hatte. Hatte Kallental das Geld noch bei sich, als sie ihn erwischt haben?, sagte Marcel. Nein, sagte der Polizist, er hat es in einem Dorfpuff nahe der Outlet-Metropole ausgegeben. Okay, sagte Marcel. Dann wurde ihm schwindlig. Mein Gott, sagte er, hatte Kallental noch das Mobiltelefon meiner Frau bei sich? Nein, sagte der Polizist, Kallental habe Stein und Bein geschworen, er habe lediglich mit der Kreditkarte zweitausend Euro abgehoben und später das Portemonnaie nach seiner Fahrt in die Stadt zurückgegeben. Er habe es mit allem, was darin war, auch die mit der Kreditkarte, in Marcels Briefkasten gesteckt. Kallental hat gesagt, Sie hätten ihm als Ganove im "Tatort" gefallen. Er habe deshalb alles zurückgegeben. Außerdem habe er auch nichts gegen Ihre Frau.



KALLENTAL HAT KEINEN SCHIMMER, dachte Marcel. Er legte auf und ging zum Briefkasten. Im Briefkasten lag ein Flugblatt von Naturgut. Es gab jetzt Hot Ketchup mit Chili auf Bio-Basis. Ansonsten war der Kasten leer.

Das Viertel, in dem Marcel wohnte, war das feinste Viertel der Stadt. Er wohnte versteckt am Hang hinter einer Hecke, das Haus war nicht groß, nur der Garten. Er konnte hier spazieren gehen und bei jedem Wetter eine Ecke finden, in der er heimlich rauchen konnte.

Marcel setzte sich an den Küchentisch. Kallental ist ein mieser kleiner Gauner, dachte er, er lügt, wenn er das Maul aufmacht. Marcel ging in sein Arbeitszimmer und steckte sich die Stöpsel des iPods in die Ohren, als das Telefon wieder klingelte. Wer sind bloß diese verfluchten Festnetztelefonierer, dachte er, und nahm den Hörer ab. Hier spricht Philipp Flainer, sagte die Stimme am Telefon, hallo Marcel. Mann, Philipp, sagte Marcel erfreut, wie läuft es mit der neuen Bude? Steht sie noch, alles klar? Geht die Heizung? Hält der Wintergarten dicht? Ja, Mann, sagte Jens. Julia und ich sind glücklich in der neuen Wohnung. Julia ist schwanger. Wir danken Gott, dass wir sie bekommen haben. Kein Problem, sagte Marcel, einen seriöseren Käufer als dich hätte ich nicht finden können. Etwas Merkwürdiges ist passiert, sagte Philipp. Jemand hat in unseren Briefkasten ein Portemonnaie geworfen, und darin haben wir Visitenkarten von Franziska gefunden. Marcel schluckte und griff nach der Marlboro-Box in seinem Jackett. Das war zu viel. Ich komme zu dir, Philipp, sagte er, ich schätze, ich kann dir einiges erklären.

(Vierter und letzter Teil heute um Mitternacht)



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