Bauers Depeschen


Dienstag, 01. Juli 2008, 184. Depesche



Am Mittwoch, 9. Juli, gastiert der Flaneursalon

beim (überdachten) Open-Air im Hinterhof Brennerstraße 23, Bohnenviertel.

Mit Los Gigantes, Michael Gaedt & Anja Binder.

Beginn: 21 Uhr. Es gibt noch Karten: 0711 / 4 11 67 27.





SEHR SCHÖN IST AUCH FLÖTE



Es muss mit dem Teufel zugegangen sein, als ich mich diesem Thema genähert habe. Ich verstrickte mich in etwas Dunkles, Abgründiges, ich begegnete dem angeblich letzten, dem ehrwürdigsten Tabu unserer Zeit.

Ich habe den Tod getroffen.

An der Decke der Stadtbahnen findet sich in diesen Tagen das Gedicht "Ein Winterabend", geschrieben von dem todessehnsüchtigen Dichter Georg Trakl; 1914 ist er, 27 Jahre jung, an einer Überdosis Kokain gestorben. Ob absichtlich oder versehentlich, weiß man nicht. Die letzte Strophe seines Winterabend-Gedichts geht so:

"Wanderer tritt still herein / Schmerz versteinerte die Schwelle. / Da erglänzt in reiner Helle / Auf dem Tische Brot und Wein."

Genau neben diese Zeilen in der Stadtbahn hat ein sanfter Poet aus dem VfB-Orbit die finale Botschaft geklebt: "Bayern verrecke!" Und darunter steht, wohl um dem Wanderer der Stille zu huldigen: "Schwaben on tour!"

Mir schwante nichts Gutes, als ich die Sätze aus der Stadtbahn in mein Notizbuch schrieb. Am Hölderlinplatz - wo sonst als an diesem scheußlichen Denkmal des schwermütigen Dichters - stieg ich aus und lief ein paar Schritte, um der Aura der Vergänglichkeit zu entkommen. Dann stand ich vor dem Schaufenster eines weithin bekannten Beerdigungsinstituts. Firma Haller. Der Tod ist eine OHG. Sieh an, dachte ich, haben diese Räume nicht noch vor ein paar Jahren ein Gewerbe beherbergt, das uns vorgibt, das Sterben zu verzögern, zu verhindern?

Doch, so war es. Anscheinend aber hat das Geschäft mit der Gesundheit nicht genug abgeworfen, um der Konjunktur des Todes Paroli zu bieten. Die Apotheke ging ein, und bald darauf präsentierte sich am selben Platz ein Bestattungshaus seiner Laufkundschaft.



Leider habe ich den Namen der verschwundenen Apotheke am Hölderlinplatz vergessen. Der österreichische Dichter Trakl hat als Achtzehnjähriger eine Lehre in der Salzburger Apotheke "Zum weißen Engel" begonnen, einen schöneren Namen kann man sich nicht wünschen für eine Apotheke. So würde man normalerweise ein Wirtshaus taufen, die Kellnerinnen trügen weiße Kleider mit Flügelärmeln, und die jugendlichen Gäste sängen: "Schnaps, das war sein letztes Wort / Dann trugen ihn die Englein fort."

Auch der Dichter Trakl war in seiner Bleibe "Zum weißen Engel" dem Alkohol zugeneigt, vor allem aber psychedelischen Drogen, Morphium und Opium, und er liebte diese Trips so sehr, dass er seine ersten Theaterstücke "Totentag" und "Fata Morgana" nannte. Wie hätte ich diese schicksalhafte Verkettung ahnen können an diesem Tag, der mit dem Gedicht "Ein Winterabend" begonnen und mit dem Fluch "Bayern verrecke! Schwaben on tour!" seinen Lauf genommen hatte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich der Sterblichkeit zu stellen.



An der Fassade des Bestattungshauses Haller steckten Broschüren zum Mitnehmen, eine hieß "Persönlicher Bestattungs-Vorsorgeführer", die andere "Gut Abschied nehmen". Da dieser Tag kein guter Tag war, um mein Testament zu machen, wandte ich mich der Abschiedspostille zu. "Während der Trauerfeier", heißt es da, "können Sie verschiedene Rituale mit einbauen", beispielsweise "Musik auswählen, die dem Verstorbenen entspricht. Sie sind nicht an traditionelle Orgelstücke gebunden . . . Sehr schön sind auch Trompete, Flöte oder Gitarre."

Ich habe das alles in Ruhe gelesen, und ich verfüge heute:

Sollte einer daran denken, dereinst die Flöte zu blasen, wenn mich die weißen Engel forttragen, soll er verrecken wie der VfB. Und es wird Schreckliches passieren, wenn mein letzter Spielmann sich im Ton vergreift. Ich habe schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen.



Kolumnen aus den Stuttgarter Nachrichten:

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