Bauers Depeschen


Freitag, 23. Mai 2008, 153. Depesche

DER WILDE



In der Nacht hatte es pausenlos geregnet. In dieser Nacht schlief ich tief, ich träumte von einer Stadt am Meer. Ein Nachtfahrer aus dem Taxigewerbe, mit dem ich am Morgen telefonierte, berichtete mir von der großen nächtlichen Flut. Gut, sagte ich, es ist Zeit, an den Neckar zu fahren. Wenn es viel regnet, hat der Neckar zu schlucken, dann kann er was erzählen.

Als ich mit der Linie 2 Richtung Bad Cannstatt fuhr, hörte es auf zu regnen. Das war ärgerlich. Dauerregen, das wusste ich, würde dem Neckar sauer aufstoßen. Einige Male schon hatte ich den Neckar bei Regen besucht, ein unberechenbarer Kerl, mit dem ich mich nicht anlegen möchte.

Die Kelten haben ihn nicht umsonst Neckar getauft. Neckar bedeutet "der Wilde". Die Menschen sollten Respekt haben vor ihrem Fluss. Er schlägt zurück, wenn sie ihn herausfordern. Ich würde mich hüten, den Fluss zu beleidigen. Seine Ehre mit künstlich aufgehäuften Sandstränden beschmutzen, seine Würde mit der Musik halbnackter Dorf-DJs verletzen.

Wenn du deinen Fluss begreifen willst, musst du ihn bei Regen besuchen. Der Fluss schäumt und faucht, als wolle er dich holen.

An der Haltestelle Mercedesstraße, auf der Brücke über den Neckar, stieg ich aus. Ich schaute hinunter zur Schleuse und war enttäuscht. Der Kerl hatte den Regen der Nacht achtlos über sich ergehen lassen. Als hätte er nur darauf gewartet, sich einen Kräftigen einzuschenken und sich danach aufs Ohr zu legen. Unter der Brücke schäumte er ein wenig, er schäumte nicht mehr als ein Mann nach einem Schluck Bier.

Ich lief am Uferweg entlang, weit weg vom Wasser. Es gibt keinen Zugang zum Fluss. Die Politiker von Stuttgart missachten den Neckar. Sie gehen mit ihm um, als sei er überflüssig, ein Lump.

Den Geist einer Stadt erkennt man an ihrem Verhältnis zu ihrem Fluss und ihrem Wasser.

Was würde passieren, wenn ich dem Kerl einen herumliegenden Ast in die Eingeweide schleuderte? Vielleicht wäre der Scheißkerl dann bereit, mich wahrzunehmen. Er könnte mich mit einer Welle vom Ufer spülen oder wenigstens nass spritzen wie einen streunenden Hund.

Ich fand keinen abgebrochenen Ast. Der Neckar floss kackbraun vor sich hin. Ich konnte sein dreckiges Lachen hören. Er lachte mich aus.

Im Hintergrund lag das Ausflugsschiff Wilhelma vor Anker, kein Mensch hatte Lust auf einen Neckar-Ausflug. Ich dachte zurück an die guten Tage, als mir der Neckar nach dem Regen Geschichten erzählte von Mark Twain und Huckleberry Finn.

Dann kam mir eine Idee.

Hör mal zu, Neckar, sagte ich, ich werde eine verdamme Stelle finden, an der es zum Wasser geht. Breitbeinig werde ich am Ufer stehen und tun, was zu tun ist. Du wirst kochen vor Wut, wenn mein harter Strahl dich trifft.



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Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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