Bauers Depeschen


Samstag, 19. April 2008, 138. Depesche

Amtliche Bekanntmachungen:



1.) JOSEF SCHWEJK / RAF / HISS



Eine schnelle Woche ist vorbei. Zwei Tage Urlaub und eine Reportage für die StN-Reihe "Stadtquartiere" gemacht. Erscheint demnächst.

Dann trat der Flaneursalon mit Los Gigantes, Michael Gaedt & Anja Binder beim 30. Geburtstag des VVS im Stuttgarter Theaterhaus auf (keine Klagen, freie Fahrt, am besten kam die Glosse "Black Jack" über Herrn Oettinger und Stuttgart 21 an).

Die schiefe Bahn ist auch nur ein verpasster Bus.

Zwei Tage später war der Flaneursalon mit Eric Gauthier und dem Rest in Bobbys Pub in Waiblingen und erhielt, umrahmt von zweitausend Musikerfotos an den Wänden, herzhaften Waiblinger Beifall. Danke sehr!

Dann möchte ich noch auf eine Veranstaltung hinweisen, von der bisher niemand weiß und die auf den Einladungskarten nicht korrekt angekündigt ist: Nach einer Idee des Grünen-Stadtrats und Literaturwissenschaftlers Michael Kienzle lese ich am Mittwoch, 30. April (19 Uhr), in der Kulturstiftung Geißstraße 7 am Stuttgarter Hans-im-Glück-Brunnen Auszüge aus Jaroslav Haseks "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk", außerdem trage ich Passagen einer Fußballgeschichte dieses Autors vor - und eigene Texte.

Jaroslav Hasek wurde am 30. April 1883 geboren, und jetzt müssen wir mal schauen, wie wir zu seinem 125. Geburtstag die Debatte im Wirtshaus Kelch über den ermordeten Ferdinand und die Trauerfeier im Gasthaus Fässle nach der Beerdigung der RAF-Terroristen zusammenkriegen.

Der Sänger und Akkordeon-Virtuose STEFAN HISS spielt dazu die Polka, danach tanzt die Welt in den Mai. Ende der amtlichen Mitteilungen.



2.) NORDBAHNHOF



Jetzt stelle ich noch meine zuletzt erschienene Geschichte aus der StN-Reihe "Stadtquartiere" auf diese Seite, etwas Lesestoff fürs Wochenende und alle anderen Hohlstunden. Wer sich für das Thema Nordbahnhof interessiert, dem sei noch einmal Lutz Schelhorns nach wie vor aktuelle Foto-Ausstellung "Die Chemie der Erinnerung" ans Herz gelegt (siehe Depeschen-Archiv vom 21.1. 2008). Und schnelle Depeschen gibt's auch bald wieder.



UNSERE KLEINE STADT

DER WELTEN

Zu Gast am Nordbahnhof



Für eine Schachtel Marlboro, sagen die Jungs, könnten wir reden. Früher Abend, die Nordbahnhofstraße ist leer, es regnet. Reden können wir im Hof, unterm Vordach. Nur so eine Idee, mit dem Griechen Thano, 16, dem Pakistaner Mehmet, 17, und dem Italiener Daniel, 16, im Dunkel des Hinterhofs die Lage zu besprechen. Der Nordbahnhof hat keinen guten Ruf in der Stadt. Alte Geschichten. Aber jede Straße spricht ihre eigene Sprache, und die Nordbahnhofstraße sagt uns: Hier herrscht Frieden, Fremder. Mehr wollen wir nicht wissen. Die Jungs rauchen, fragen, ob wir Bullen sind, und wir ziehen weiter.

Angekommen wie immer mit der Linie 15 am Pragfriedhof. Man betritt ein anderes Stuttgart: unsere kleine Stadt der Welten. Die zweifarbigen Backsteinhäuser in der Nordbahnhofstraße, Ende des 19. Jahrhunderts für die Arbeiter der Eisenbahn erbaut, stehen da wie vergessene Kulissen eines amerikanischen Vorstadtfilms.

Das Nordbahnhofviertel ist am Reißbrett entstanden. Die Reize der frühen Urbanität entdecken wir überall: das Badehaus in der Knappstraße, das Waschhaus in einem der prächtigen Innenhöfe, das Kopfsteinpflaster. Man malt sich aus, wie die Leute früher gelebt haben, eingemauert zwischen Bahngleisen, Friedhofsmauern. Bevor alle Autos hatten, bevor es den Tourismus gab zu den Wagenhallen mit ihren Kultur- und Hochzeit-Events. Populäre Bühnen zugewanderter Subkultur am Zipfel des Nordbahnhofs, dazu die Künstlerkolonie, mit Ateliers und Bars in alten Waggons. Aber das ist eine andere Geschichte. "Es ist ein bisschen wie auf dem Dorf", sagt Anke Betz. Sie arbeitet in der Mittnachtstraße im Haus 49, dem Sozialzentrum der Caritas für Kinder, Jugendliche, Erwachsene. Der Name erinnert an die frühere Adresse Nordbahnhofstraße 49. Das Haus kennt jeder, und jeder kennt Gökay Sofuoglu, 46, den türkischen Sozialarbeiter und Chef des Ladens. Weit über 50 Prozent der 700 Menschen im Revier sind Ausländer, bei den Jüngeren unter 30 haben 80 Prozent Migrationshintergrund. Seit 27 Jahren ist Sofuoglu in Stuttgart. Wenn er in perfektem Deutsch erzählt, scheint es, als sei der Traum von einer Multikulti-Insel wahr geworden, in Stuttgarts internationalstem Quartier. Was für eine Geschichte. Ausgerechnet auf diesen Gleisen haben die Nazis Juden in Hitlers Konzentrationslager deportiert.



DAS EISENBAHNERDÖRFLE



Als wir durch die Straßen gehen, winkt uns Nebi: Ey, Gökay, alles klar? Gut drauf? Vergessen die Zeiten, als Nebi, 27, im Namen des Gesetzes bei Gökay Arbeitsstunden herunterreißen musste. Heute ist er Hausmeister im Einwandererviertel. Einer, der es geschafft hat. "Voll integriert", sagt der Chef und grinst.

Wir besuchen die Kneipe Memories, früher hieß sie Prager Hof. Offiziell sind wir in der Pragsiedlung mit fast 7000 Einwohnern. Prag bedeutet Brache, vermutet der Stadtteil-Historiker Jörg Kurz. Er weiß, dass man die Haltestelle Prag einst in Nordbahnhof umgetauft hat, damit sie nicht mit der tschechischen Hauptstadt verwechselt wurde. Er hat nachgeforscht, wie im September 1944 das ganze Viertel Vordere Prag - wo heute die Firma Auto-Staiger steht - in einer einzigen Nacht von britischen Bombern vernichtet wurde. "Unvorstellbar", sagt er. Jörg Kurz hat das Buch "Nordgeschichte(n)" veröffentlicht.

Eine typische Nordbahnhof-Geschichte erzählt uns in der Kneipe der Kurde Afo, 27. Er ist im Viertel geboren und zur Schule gegangen, als man die Gegend noch spöttisch "Nordbronx" nannte. In einem Laden am Hauptbahnhof hat er Kaufmann gelernt. Afos Eltern kamen in den sechziger Jahren ins "Eisenbahnerdörfle", der Vater verdiente als Wagenreiniger gutes Geld bei der Bahn. Von Afos sechs Geschwistern, zehn Nichten und fünf Neffen leben fast alle am Nordbahnhof, so wie der türkische Memories-Wirt Sevket, 37: Er ist Afos Schwager. Überall ist Familie.

"Es gab auch mal heiße Zeiten", sagt Afo, "Probleme mit Drogen und so, aber wir hatten zwei gute Polizisten, die haben aufgeräumt." Das ganze Viertel wirkt aufgeräumt. Die Bahn bietet keine Jobs mehr. Die Leute arbeiten außerhalb. Ihre Wohnungen haben sie behalten. Neue Heimat Nordbahnhof. "Die Nachbarschaftshilfe hat schon sehr früh gefruchtet", sagt Pfarrer Georg Amann, 46, von der Martinskirche. Schon zu Beginn der Gastarbeiter-Welle, als die Italiener und die Portugiesen kamen, haben die Leute Sprachhilfen, Kinderbetreuung organisiert. Solidarität hatten sie von den Vorfahren gelernt. Das Leben der Einwanderer war hart bei der Eisenbahn. Noch heute gibt es viele Vereine im Norden, auch viele ausländische. Was heißt schon "ausländisch". Nur acht Prozent an der Rosensteinschule sind Deutsche, die Schüler kommen aus 32 Nationen.



DIE KLEINEN LÄDEN VERSCHWINDEN



"Das Zusammenleben funktioniert sehr gut", sagt die Rektorin Ingrid Macher, 54. Die Sprachprobleme halten sich in Grenzen. Was Angst macht, ist die Zukunft: "Unsere Schüler haben es schwer, einen Platz im Leben zu finden", sagt die Rektorin. Mit der härteste Job der Lehrer und Sozialarbeiter ist es, Ausbildungsplätze aufzutun. In den kinderreichen Familien breitet sich die Armut aus. "Manche bringen nur trockenes Brot mit in die Schule", sagt Sofuoglu.

Am Nordbahnhof trifft man auf eine verschworene Gemeinschaft. Kaum ein böses Wort. Nein, man wisse nicht, was Stuttgart 21 und das geplante Rosensteinviertel verändern werden. "Jede Woche", so der Pfarrer, " sagen die Politiker was anderes."

Das Viertel verändert sich schleichend. Zwei Discounter haben zuletzt eröffnet, die Gemüseläden sind verschwunden und damit die Leute, die sich auf der Straße zum Reden trafen. "Lidl-Kindergarten" haben sie trotzig ihre neue Kita getauft: ein schönes Haus in ruhiger Lage. Der Supermarkt darunter wurde in der Erde versenkt.

Der Nordbahnhof, ebenso Sitz des millionenschweren Architekturmonuments Toto-Lotto-Zentrale wie der Agentur für Arbeit, ist ein guter Platz für Entdeckungen. Viele Stuttgarter kennen das Quartier nicht.

Die kuriosesten Bauten finden sich am Ende der Nordbahnhofstraße: Drei winzige Häuser hat man in den Brückenbögen der sogenannten Gäubahn gebaut. An diesem Platz, im ehemaligen Milchhäusle, lebt die Berufstagesmutter Elke Mena, 38, Deutsche, mit ihrem spanischen Mann und ihren zwei Kindern. Die Züge über dem Dach stören sie nicht. "Wir hören die Bahn kaum noch", sagt sie. Nur an das Zentrum des Viertels, an die Ecke Nordbahnhof-/Mittnachtstraße, gewöhnt sie sich nicht. Das sei nichts für die Kinder, sagt sie, "zu viel Gewalt, zu viele Grüppchen". Herr Sofuoglu wird wohl mit ihr reden müssen.



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