Bauers Depeschen


Dienstag, 18. März 2008, 128. Depesche

Da oft danach gefragt wird: Die Glosse über "Das neue Herz Europas" finden Sie als Depesche vom 8. März.



Apropos Infarkt, hier noch eine blaue Betroffenheitsgeschichte:



GOTT WAR BLAU





Hin und wieder habe ich Theaterkritiker gefragt, wie oft sie bei den Vorstellungen, die sie besuchen, eigentlich Spaß, Lust oder ein sonstwie erregendes Gefühl im Schritt empfänden. Die Antwort war meist ein verlegenes, oft auch ein schmerzhaftes Lächeln. Vor den Bühnen dieser Welt, scheint es, wird ziemlich viel ausgesessen, jedenfalls von den Serientätern. Dazu gehört auch die Bühne Fußball, die uns nur eine einzige Lösung für das große Rätsel des Lebens gönnt: Die Fußballgötter müssen verrückt sein.

Zum 100. Geburtstag der Stuttgarter Kickers im Jahr 1999 wurde ich aufgefordert, etwas über den Fußballfan zu schreiben bzw. etwas über mich, den Kickers-Fan, der deshalb als Kickers-Fans gilt, weil er sehr oft Fußball-Vorstellungen besucht, bei denen er sehr oft weder Spaß, noch Lust noch ein sonstwie erregendes Gefühl im Schritt empfindet. Alle Vorstellungen des Serientäters vom Fußball sind ja weit berauschender als fast alle Fußball-Vorstellungen. Dieser Tatbestand hat viel zur Legendenbildung des Fußballfans beigetragen.

Um zumindest als Schreibtischtäter nicht zu kneifen – Kneifen ist der schlimmste Regelverstoß des Fans -, setzte ich mich zu Hause willig an meinen Computer und schaute einfallslos zum Fenster hinaus. Es war ein sonniger Samstag im Juli, und der Fußball hatte Sommerpause. Draußen vor meiner Wohnung im zweiten Stock baumelte gerade die Straßenlampe an der Oberleitung, und ich dachte: Warum soll ich jetzt öffentlich erklären, warum ich einen Sprung in der Schüssel habe? Kann man denn nicht in Ruhe zum Fußball gehen, ohne gleich eine Ladung Rechtfertigungskitsch absondern zu müssen?

Dann musste ich aufs Klo. Ganz in Gedanken setzte ich mich auf die Schüssel und griff, man könnte sagen, vollautomatisch zu einem Stapel Zeitschriften. Obenauf lag, zufällig wie immer, das „Kicker Sonderheft“. Ich blätterte darin und blieb bei den Termintabellen der zweiten Liga hängen. Tatsächlich schaute ich nach, wann und wo das erste Saisonspiel der Stuttgarter Kickers stattfinden würde. Als ich merkte, dass ich in diesem Moment auf ein Heimspiel hoffte, begann ich mir ernsthaft Gedanken zu machen: Wie kann ein alternder Mensch so blöde werden? Ich spülte die Selbstzweifel rasch hinunter und begann zu schreiben: „Der Kickers-Fan“.

Die Betrachtung, um das Geschäft abzukürzen, endete mit der Behauptung, im Fall der Stuttgarter Kickers handele es sich nicht um eine beliebige Gurkentruppe der zweiten Liga, sondern um ein emotionales Pendant zu Manchester United. Die Argumentationskette, werte Sportskameraden, möchte ich Ihnen an dieser Stelle ersparen. Sie ist brüchiger als Bielefelds Viererkette. (Die Kickers haben eine britische Tradition, ihre ersten Trainer vor hundert Jahren waren Engländer und hätten die Profis von heute in die Strafkolonien des Empires verbannt.)

Über die sogenannten Zweitvereine einer Stadt ist viel gemutmaßt worden: Der FC St. Pauli steht für Hafen und Luden, 1860 München für Hefe und Loden. HSV bedeutet Hochmut, Bayern Borniertheit usw. In Stuttgart funktioniert die Orientierungssuche vergleichsweise einfach: Die Kickers sind oben, der VfB ist unten. Jedenfalls topographisch. Nur die meist aus dem Fischkopfmilieu stammenden Fernsehreporter haben das bis heute nicht begriffen: Den VfB - die Roten - finden sie zwar problemlos „am Neckar“, die Kickers – die Blauen – regelmäßig aber „im Degerloch“. Dabei heißt so lediglich der Stadtteil, in dem die Mannschaft spielt: sie spielt in Degerloch. Kein Mensch würde beispielsweise im Fernsehen sagen, Schalke spiele auf der Hamburg, München trete auf dem Bielefeld an, oder Leverkusen haue der Borussia eins auf den Dortmund.

Zurück in die Provinz. Die festspielhafte Aura der Kickers hat etwas mit dem Aufstieg an sich zu tun. Oben auf der Waldau, wie das Stadion heißt, findet man alle Vorzüge eines Luftkurorts. Das Publikum atmet das weite Grün und die Indianerfreiheit bewaldeter Hügel. Über dem Fußballplatz, etwas zu lang und einen Deut zu eng geraten, reckt sich der Fernsehturm in den Himmel. Dass der milieuerfahrene Formel-1-Manager Willi Weber dort unter den Wolken im Zeichen des Ferrari-Gauls ein Sterne-Restaurant unterhielt, ist unten nicht zu riechen. Hier duftet es nach gegrillter „Stadionwurst“, die so genannt werden muss, weil die „Rote Wurst“ bereits von den Vereinsfarben des Erbfeinds VfB vereinnahmt und damit für die Blauen gegessen ist. Es ist keine Legende, dass sich einst blau gefärbte Stuttgarter Metzger lieber selber an den Fleischerhaken gehängt hätten, als eine „Rote“ in ihr Repertoire aufzunehmen. Dass die konkurrierenden Vereinspräsidenten Mayer-Vorfelder (VfB) und Dünnwald-Metzler (Kickers), im Doppelnamen brüderlich vereint, gelegentlich den Roten wie den Weißen stemmten, bis zwei Blaue dabei herauskamen, steht hier nicht zur Debatte. Feind bleibt Feind, und Fan ist Fan.

Und oben ist immer dort, wo die Kickers sind. Nie wurde das so deutlich wie in der Nacht des 12. Oktober 1999. Die Mannschaft trat im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund an, den Tabellenführer der ersten Liga. Mit einem Mal sah ich ein geheimnisvolles Blaulicht, jenes Licht, das der Club seit jeher mit merkwürdiger Hilflosigkeit unter den Scheffel stellt, statt es mit Mut und Offenherzigkeit über den Dächern der Stadt rotieren zu lassen.

Entgegen meiner Gewohnheit, hinter dem Stahlnetz des B-Blocks im Stehen gesiebte Luft zu atmen, setzte ich mich auf die Tribüne. Dort eröffnet sich auch bei kühlem Wetter eine Herz erwärmende Aussicht. Über der Gegengeraden, einem Plattenbau mit dem Charme einer ländlichen Bushaltestelle, recken sich die Wipfel des Waldes wie dunkelblau bemützte Köpfe heimlicher Zaungäste. Die Flutlichtscheinwerfer nehmen über dem Dach der Stehtribüne eine mächtige Baumkrone ins Visier und rücken sie silhouettenhaft ins Zentrum des Waldau-Himmels, während der Nebel steigt.

Man konnte an diesem 12. Oktober glauben, diese präzise Raumaufteilung der Kulisse hätte sich auf die Spielweise der Kickers übertragen. Das Spielkonzept wurde in dieser Nacht buchstäblich auf den Rasen gezeichnet. Man konnte die disziplinierten Verkettungen und symmetrischen Verschiebungen der einzelnen Mannschaftsblöcke erkennen, eine Choreografie, wie sie in der Seifenoper Bundesliga nur ganz selten gelingt.

Dortmund mit all seinen Stars hatte nicht den Hauch einer Chance. Die Kickers gewannen 3:1. Das große Rätsel war gelöst: Nicht die Fußballgötter sind verrückt. Gott war blau für eine Nacht.

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