Bauers Depeschen


Donnerstag, 13. März 2008, 126. Depesche

Der Fotograf Lutz Schelhorn und ich haben mit der Reportagenreihe "Stadtquartiere" in den Stuttgarter Nachrichten begonnen. Zum Auftakt waren wir in der Altstadt, im Leonhardsviertel:



DIE VERGESSENE CITY



Es ist ein kühler Tag, als wir zu unserem Rundgang durchs Leonhardsviertel aufbrechen. Eine Prostituierte am Ende der Weberstraße, diesem lustigen, malerischen Kopfsteinpflasterzipfel zwischen Leonhard- und Hauptstätter Straße, sagt, wir sollen verschwinden. Mit unserer Kamera könnten wir auch den letzten Freier verjagen. "Am Tag", sagt uns später die Wirtin Christina Beutler, 47, Chefin der Weinstube Fröhlich in der Leonhardstraße, "ist die Gegend nur schwer zu ertragen." Am Tag kann man die Trostlosigkeit riechen, provinzielle Langeweile, Kaschemmenmief. Erst am Abend, wenn die Altstadt in Schummerlicht taucht, erscheint das Viertel erträglich, lebenswert.

Hoch über der Weinstube, im ausgebauten Dachgeschoss des Gebäudes, wohnt seit fast zehn Jahren die Journalistin Sibylle Maus, 63. Die weithin anerkannte Expertin für Städtebau lebt hier aus Überzeugung, genießt in Stuttgarts "innerstädtischstem Viertel", wie sie nicht ohne Stolz sagt, den Blick über die Dächer bis hinüber zum Tagblattturm in der Eberhardstraße. Es könnte ein Privileg sein, in der Leonhardstraße zu leben, in der wahren City, wären wir nicht mitten im Schmuddel, auf engen, nicht beachteten Straßen mit verfallenden Häusern.



Wir treffen uns mit Sibylle Maus im Brunnenwirt, der traditionsreichsten Milieukneipe am Leonhardsplatz mit guter schwäbischer Küche, besprechen die Lage des Quartiers. Die Lage ist schlecht. Die Architekturkritikerin zeigt uns einen Katalog über den Baumeister Theodor Fischer (1862 bis 1938). Er hat das Gustav-Siegle-Haus neben der Leonhardskirche entworfen und dabei Elemente der Umgebung aufgegriffen, er hat hier auch die einst bahnbrechenden Arbeiterhäuser gestaltet.

Wer aber redet hier noch von Architektur. Wir sind auf dem Strich, und auch auf dem Strich geht es katastrophal bergab. Von der "schwäbisch-beschaulichen Version eines Amüsierviertels", wie es das aktuelle Buch "Stuttgart - ein Architekturführer" verspricht, ist seit Jahren nichts mehr zu sehen. Der Kiez-Veteran Rolf "Eisen" Mühleisen, 70, hat seine kleine Heimat "Tschernobyl" getauft, der Boden ist verseucht: Das Drogengeschäft ist immer härter geworden, auch die Prostitution, multikulti wie alles hier. Seit Jahrzehnten arbeitet die Prostituierte Jeanny an der Ecke Leonhard-/Jakobstraße. Wie eh und je steht sie, die letzte originelle Milieumutter, vor der Bar Zum Schatten. "So beschissen", sagt sie, "war das Geschäft noch nie."



Wo Jeanny ihre Absteige hat, stehen die Überbleibsel einstmals schöner, stattlicher Gebäude. Das Haus an der Ecke Leonhardstraße/Jakobstraße, 1769 für den Schlosser Carl Friedrich Wölfle errichtet, gilt als eines der wenigen gut erhaltenen Barockhäuser der Stadt. Politiker interessiert das nicht. Die Herren im Rathaus, nur einen Steinwurf vom Leonhardsviertel entfernt, haben den Rotlichtbezirk abgehakt. Nobelpuffs gibt es woanders. Die Altstadt ist Stuttgarts vergessenes Viertel.

Ein Trauerspiel. Viele in der Stadt wissen nicht einmal, wo sich das Leonhardsviertel befindet. Die Caritas hat ihr Restaurant am Leonhardsplatz Bohnencafé getauft, wohl im Glauben, es befinde sich im Bohnenviertel. Das Leonhardsviertel, im Volksmund "Städtle" genannt, liegt zwischen Leonhardsplatz und Wilhelmsplatz, Katharinenstraße und Hauptstätter Straße, das Bohnenviertel nördlich der Pfarrstraße, jenseits der Grenze zwischen beiden Quartieren.

An der Ecke Pfarrstraße/Weberstraße, eindeutig in unserem Revier, besuchen wir den Alteisenhändler Walter Hof, 82. Am Schuppen seines Geschäfts findet sich, nicht mehr ganz vollständig, das Firmenschild "Franz Hof". Franz Hof war Walter Hofs Großvater, sein Urgroßvater Johannes Schrenk hat den Betrieb 1865 gegründet. "Recycling", sagt Walter Hof, "gab es schon mit Hufeisen in der Bibel." Nach dem Zweiten Weltkrieg hat er den ausgebombten Betrieb neu aufgebaut. Bis zum heutigen Tag beliefern ihn die letzten Handwerker des Viertels - Flaschner, Eisenschleifer - mit Altmetallen. Die Stadtverwaltung, sagt er, hätte "halt aufpassen müssen, dass hier auch ordentliche Mieter einziehen". Privat, sagt er, habe er die Gegend immer gemieden. Er wohnt in Sillenbuch.



Unter dem früheren Oberbürgermeister Manfred Rommel gab es Ende der achtziger Jahre den Versuch, die Rotlichtnischen "auszutrocknen", Behördenbüros und Kultureinrichtungen als Trojanische Pferde im Milieu zu platzieren. Ein törichter Plan. Gescheiter wäre es gewesen, auf eine gute Mischung aus Bordellen und seriösen Kneipen, soliden Handwerksbetrieben und originellen Läden zu achten. Der neue Jazzclub Bix im Sieglehaus ist eher Zufall.

Die Sozialwert GmbH des Maklers Thomas Barth, 64, die sich für soziale und kulturelle Projekten engagiert, hat in der Leonhardstraße und in der Weberstraße drei Häuser gekauft. Er habe darüber nachgedacht, "das Viertel sozial zu drehen", sagt Barth, aber der Plan sei aussichtslos. Die Stadt verkaufe ihre Häuser an Investoren aus dem Rotlicht. "Alles soll bleiben, wie es ist", sagt er, "es könnte sich höchstens wieder das Niveau der Prostitution heben."

An der Hauptstätter Straße, der scheußlichen Stadtautobahn, wohnt und arbeitet seit Jahrzehnten der Bäckermeister Hans-Georg Schmälzle, 57, mit seiner Frau Helga. Die Bäckerei Schmälzle, ihr Café sind legendär. Hier trafen sich alle, Professoren und Penner. Es ist zwölf Jahre her, dass Schmälzle das Plakat mit dem Slogan "Das freundliche Stück Altstadt zwischen Wilhelmsplatz und Gustav-Siegle-Haus" aufgehängt hat, als in der Nachbarschaft der Goldschmied, der Optiker, der Buchhändler, der Obsthändler, der Käsehändler und der Metzger ihre Geschäfte hatten, als sie die Bevölkerung zum unvergessenen "Hoffest" in ihre wunderschöne Hinterhofkulisse einluden. "Früher war die Straße intakt", sagt der Bäcker, "heute kenne ich die meisten Nachbarn nicht mehr." Vor zwei Jahren haben die Schmälzles ihren Laden vorübergehend dichtgemacht. Pachtprobleme. Das Haus gehört der Stadt. Die Stadt hat andere Probleme, plant Stuttgart 21. Die Nachbarn treffen sich auch nicht mehr, dafür kommt regelmäßig die Polizei.



"Gruslig" sei es tagsüber im Viertel, sagt die Wirtin Christina Beutler. Dabei hätte das Quartier mit seinen liebenswerten Winkeln durchaus Charme. Beim Ergenzinger, Hauptstätter Straße, verkauft zwar nicht mehr der gleichnamige, berühmte Metzger Rostbraten. Dafür versorgt Jürgen Biedermann, 53, die Laufkundschaft täglich mit Bergen von Schnitzeln, Maultaschen und Kartoffelsalat. Aus der Metzgerei ist ein Imbiss geworden. Am Mittag stehen Banker und Taxifahrer, Polizisten und Rathausbeamte in Mannschaftsstärke am Tresen. Man könnte fast glauben, im Leonhardsviertel herrsche großstädtisches Leben. Dann aber wischt man sich den Mund und verschwindet. Im Fast-Food-Tempo, wie beim Sex in der Nachbarschaft.



NACHTRAG:

Empfohlen sei noch die Stuttgart-Depesche vom 8.März.

Außerdem: www.stuttgarter-nachrichten.de/blog: "Der Engel von London"



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