Bauers Depeschen


Freitag, 15. Februar 2008, 116. Depesche

Wer Zweifel hat am Wahrheitsgehalt der heutigen Geschichte, wende sich bitte direkt an Michael Gaedt. Ich vermittle jederzeit. Herr Gaedt will eine abgerissene Stuttgarter Tankstelle ins Bewusstsein zurückbefördern - unter anderem mit einem Baugerüst. Dafür braucht er die Anteilnahme weiter Kreise der Bevölkerung



PAULINENBRÜCKE, EIN MONUMENt



Es war ein kalter Wintermorgen, ich war schon eine Weile zu Fuß unterwegs und suchte das Gotteshaus auf. Die Marienkirche an der Paulinenbrücke, ein Haus von "monumentaler Dauerhaftigkeit", wie es sich die Bauherren vor hundertvierzig Jahren gewünscht haben, war leer. Ich hoffe, Gott schaut nicht dauerhaft ins Leere.

Ich kam gerade von einer Inspektionstour rund um die ehemalige Shell-Tankstelle. Bevor die Tankstelle abgerissen wurde, hatten sich hier Junkies und Obdachlose getroffen. Als die Tankstelle nicht mehr da war, trafen sich die Junkies und Obdachlosen hier noch eine Weile, dann hatten sie genug vom Nichts. Nichts ist nie genug. Ich weiß nicht, ob die Junkies und Obdachlosen je um die Ecke in der Marien-Kirche zum Aufwärmen waren. Ihren Treffpunkt an der Tankstelle jedenfalls hatten sie so oder so gut gewählt: Außer dem Gotteshaus befindet sich auch das Furtbachkrankenhaus in der Nachbarschaft.

Unlängst war ich mal im Furtbachkrankenhaus, zum Vorlesen bei der Weihnachtsfeier des Personals. Unser Sänger Eric kam damals leicht verspätet und kreidebleich an, er sagte, die Junkies draußen in der Dunkelheit hätten ihm gerade einen gehörigen Schrecken eingejagt. "Eric", sagte ich, "du musst keine Angst haben. Hier bist du in guten Händen. Diese Klinik ist eine Psychiatrie." Dann hat er brav gesungen.

Neben der Psychiatrie und dem Gotteshaus befindet sich in der Nachbarschaft auch die Franziskusstube, Schwester Margret serviert hier täglich Frühstück für Obdachlose. Es tut sich also ein wunderbares Bermuda-Dreieck auf: Kirche, Klapse, Wärmstube.

Jetzt aber ist die Tankstelle weg und mit ihr der Trupp der Gestrandeten. Gut, dachte ich, gehe ich mal rüber ins Büro des Komikers Michael Gaedt, Paulinenstraße. Vielleicht weiß der was. Ja, sagte Herr Gaedt, er plane schon lange, die Shell-Tankstelle wieder aufzubauen. Nicht gerade im Maßstab eins zu eins, eher unter dem Motto "Stuttgart sucht seine historische Mitte".

Ach so, sagte ich, da käme ich richtig, ich sei schon seit Jahren auf der Suche nach Stuttgarts Mitte. "Ja", sagte er, "die Sache ist akut. So wie die Berliner unbedingt ihr Stadtschloss wieder aufbauen wollen, kämpfen die Stuttgarter um den Rückbau ihrer Shell-Tankstelle. Diese Stadt hat ihr Herz verloren."

Ich kann hier noch nicht alle Details der geplanten Aktion verraten. Es wird auf jeden Fall ein Junkie-Museum mit einer Ausstellung geben und eine kulturell hochwertige Veranstaltung zur Unterstützung der Junkies und Obdachlosen. Zuerst jedoch muss die Shell-Tankstelle wieder aufgebaut oder wieder sichtbar gemacht werden, so wie es jedem Baudenkmal von monumentaler Dauerhaftigkeit zusteht.

Es hätte wenig Sinn, meine Damen und Herren, mir eine Therapie in der Furtbachklinik zu empfehlen. Das Projekt "Wiedererstellung der Shell-Tankstelle" ist verdammt ernst gemeint. So wahr wie sich unweit der Paulinenbrücke ein schöner Backsteinbau zur Ergänzung meiner sozialpolitischen Stadtlandschaft befindet: In diesem Haus, in der Fangelsbachstraße, residiert die Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS).

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