Bauers Depeschen


Mittwoch, 13. Februar 2008, 115. Depesche

Mein folgender Text zum Thema Stuttgart 21 (siehe auch www.stuttgarter-nachrichten.de/blog) ist in den StN außerhalb der Kolumne erschienen, ich stelle ihn für kurze Zeit auf die aktuelle Depeschenseite, vielleicht gibt es doch den einen oder anderen brauchbaren Gedanken:



TIEFERGELEGTE LEBEN LÄNGER

I

Im Dezember 2007, als diese Zeilen geschrieben wurden, war nicht einmal klar, ob im neuen Jahr Stuttgart 21 immer noch Stuttgart 21 heißen würde. Die Planer des Milliardenprojekts plagt die Sorge, die Menschen könnten mit diesem Namen nichts anfangen. Sie suchen einen neuen. Es ist anscheinend unmöglich, sich mit diesem platten Zahlenspiel, das Zukunft symbolisieren soll, zu identifizieren. Wo Nutella draufsteht, konnte man früher sagen, ist auch Nutella drin. Was aber ist in dem Milliardenloch Stuttgart 21 drin, außer Dreck und Luft?

Zigtausend Bürger wehren sich gegen den Plan, die Gleise ihres Hauptbahnhofs tiefer zu legen. Lange hofften sie auf ihr demokratisches Recht des Bürgerbegehrens. Das Wort Bürgerbegehren klingt fast poetisch, verspricht mittlerweile aber kaum mehr politische Wirkung als eine auf den Regierungschef abgefeuerte Kirschtorte. Stuttgart 21 – oder wie immer der Umbau dieser Stadt heißen wird – ist nicht mehr zu stoppen.

Jetzt muss es den Gegnern darum gehen, nach dem Motto britischer Autowerber anzugreifen,um Boden zu erobern: „Wherever there’s new land, there’s a new Land Rover“: Wo immer sich neues Land auftut, sind wir dabei. Jene, die sich gegen Stuttgart 21 wehren, müssen sich neu formieren und sagen: Das ist auch unser Bauloch, wir wollen wissen, was daraus wird, und wir werden die Politiker und Bahnbosse löchern, bis sie schwarz werden.



Menschen sind immer gegen Veränderungen. Psychologen, und nicht nur die buddhistisch angehauchten, wissen, dass nicht etwa die Vergangenheit oder die Gegenwart den größten Teil des Gehirns prägen, sondern die Zukunft. Die Menschen treibt die Angst vor dem Morgen um. Da kann einem, der mit der Eisenbahn am Fuße schöner Weinberge in seinem Heimatbahnhof ankommt, die Aussicht auf Gleise im Untergrund durchaus Furcht einflößen. Ein teuflischer Gedanke, die Städteplaner könnten anfangen, nicht nur das Gelände hinter dem Bahnhof, wo jetzt die Gleise liegen, platt zu machen, sondern die Umgebung gleich mit. Städte, das ist eine alte Erfahrung, verändern sich nur dann zum Guten, wenn man Rücksicht nimmt auf ihre Substanz, Bestehendes einbindet.

Es wäre eine Sünde, würde etwa die komplette Backsteinarchitektur des Nordbahnhofs Stuttgart 21 geopfert. Der Schriftsteller Martin Mosebach, 2007 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet, schreibt in seinem Roman „Der Mond und das Mädchen“ über den Baseler Platz im Frankfurter Bahnhofsviertel: „Ohne Rücksicht auf alte Orts- und Flurnamen hat man diesem Unort den Anstrich falscher Weltläufigkeit verpasst.“

Das kommt uns in Stuttgart bekannt vor: Die Betonwüste hinter dem Hauptbahnhof, ein mit Banken- und Firmengebäuden bestücktes Trabantenquartier von Stuttgart 21, hat man mit den Namen Pariser und Mailänder Platz aufzubrezeln versucht. Das ist nichts anderes als peinlicher Lack, verlogene Internationalität.

Die Bewohner dieses Unorts haben mittlerweile gelernt, dass es nur einen Weg gibt, die Einöde zu beleben, nämlich mit Kultur. Allerdings lässt sich ein urbanes Loch nicht allein damit füllen, sommers ein paar Tage lang die Menschen zu einem subventionierten Popfestival auf den Platz zu locken. Längst hat sich herumgesprochen, dass sich die Städte dieser Welt nicht mit Imagekampagnen, sondern mit bleibenden Kulturprojekten positionieren. Ein Kunstmuseum, weiß man heute, dient einem sozial problematischen Stadtteil wie der New Yorker Bronx weit mehr als der Bauwahn.

Das ist die Chance der Stuttgart-21-Gegner: Sie müssten, auch mit subversiven Ideen, ihre eigenen kreativen Zentren fordern.

Sollten, was angeblich keiner will, die Wagenhallen am Nordbahnhof, diese Stätten ursprünglicher Subkultur, Stuttgart 21 ebenso weichen wie der gute alte Rockclub Röhre im Wagenburgtunnel, brauchen die Macher nicht zu resignieren. Sie haben das verdammte Recht, Ersatz im großen Stil zu fordern, egal wo. Das ist auch eine Chance. Kultur ist nicht von traditionellen Spielorten abhängig, sondern von den Menschen, die sie machen.

Angesichts der rollenden Bagger und fließenden Milliarden nur zu jammern wäre so langweilig wie töricht. Es geht darum, mit Blick auf Stuttgart 21 Ansprüche zu formulieren, zu stören, sich einzumischen, mit Courage und Galgenhumor: Tiefergelegte leben länger! Und wenn diese Stadt schon umgebaut wird, dann bitteschön von weltläufigen Städteplanern, denen man eher vertraut als provinziellen Politikern, die ein Bürgerbegehren weniger interessiert als der Dollar-Blick kulturresistenter Investoren.

Aber das ist ein naiver Wunsch.

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Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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