Bauers Depeschen


Montag, 14. Januar 2008, 105. Depesche

Seltsam, warum ich in 104 Depeschen Fink jr. nicht auf dieser Seite eingeführt habe. Vor etlichen Jahren fuhr ich mit einem neuen Laptop, wie man damals sagte, in der Eisenbahn von Berlin nach Stuttgart. Es war ein ruhiger Tag, das ICE-Abteil leer, ich packte den Laptop aus. Wollte testen, ob es Sinn hätte, unterwegs darauf herumzuklimpern.

Am Tag zuvor hatte ich mit Wiglaf Droste in einem Gasthaus zu Kreuzberg gesessen, er hat mir von einer deutschen Country-Band namens Fink erzählt, er wollte sie am Abend bei ihrem Berlin-Konzert besuchen.

Anderntags blätterte ich im Zug in einem Berliner Stadtmagazin und entdeckte die Besprechung einer Fink-Platte.

Gott hat es so gewollt, dachte ich, Fink ist gut, diese Musik gehört ins Haus (und heute liebe ich die Lieder dieser Band).

Ich saß in der Eisenbahn und dachte: Es müsste möglich sein, aus dem Fenster zu schauen, beoachten, wie Bäume und Wiesen, Fabrikschlote und Oberleitungen vorbei ziehen, und zum Rhythmus der rollenden Räder eine kleine Country-Geschichte zu schreiben. Dann tippte ich: „Ich schätze, ich muss mir eine Platte von Fink kaufen, weil die Band mich dazu gebracht hat, in einem fahrenden Zug auf meinem Laptop zu klimpern, als sei er ein Banjo.“ Am Ende des kleinen Textes beschloss ich, meinen Laptop Fink zu nennen.

Von diesem Tag an habe ich mich gelegentlich mit Fink in meinen Kolumnen unterhalten, mir ist kein anderer Dialogpartner eingefallen.

Ende 2006 war Fink am Ende, er taugte nichts mehr, ich schenkte ihn während einer Flaneursalon-Show einer Leserin. Zuvor hatte ich die Leser meiner StN-Kolumne gefragt, wie ich Fink entsorgen könne. Die Resonanz war erstaunlich, Fink war viel beliebter als ich, man hieß mich einen Verräter.

Als er weg war, musste ich einen neuen Dialogpartner finden. Erst wollte ich meinen Laptop Ringo nennen, aber die Leute lehnten diesen Namen ab. Nach langen Hin und Her, und nachdem ich nächtens viele Fink-Songs gehört hatte, taufte ich den Neuen Fink jr. Die Bäckerin in meiner Nachbarschaft freute sich, weil ich zu einer gewissen Treue fähig war. Die folgende Fink-jr.-Geschichte handelt nicht von der ehrbaren Frau des großen Bäckers Bosch in meiner Nachbarschaft, sondern von einer Bäckerei-Kette.



DREIHUNDERT PROZENT



Es war ein kalter Morgen am Hölderlinplatz. Ich hatte keine Lust, Kaffee zu kochen. Ich bin kein Frühstücksmensch. Manchmal schlürfe ich die gekühlte Zuckerbrühe aus der Blechdose. Die Brühe heißt Mr Brown, es gibt sie beim Bäcker, die Barbarei in diesem Land beschränkt sich nicht auf schlechte Brezeln.

Ein Zettel lag auf der Theke der Bäckerei: "Sehr geehrte Kunden . . ."

"Was bedeutet ,sehr geehrte Kunden'?", fragte Fink jr., mein Laptop. "Das bedeutet, dass man keine blöden Fragen stellen soll", sagte ich.

Die Getreidepreise, stand auf dem Zettel, seien um dreihundert Prozent gestiegen, das Mehl um das Zweieinhalbfache teurer geworden und der Molkereipreis sowieso. Die Bäckerei sehe sich "leider gezwungen", eine "Preiserhöhung in einer Größenordnung, die wir in den letzten 10 Jahren nicht mehr gewohnt waren, durchzuführen". Und dann stand da noch: "Wir hoffen auf Ihr Verständnis und würden uns freuen, Sie weiterhin als unsere Kunden begrüßen zu dürfen."

„Sie haben uns doch bereits als sehr geehrte Kunden begrüßt", sagte Fink jr. "Das verstehst du nicht", sagte ich und zeigte mit dem Daumen auf die "Bild"-Schlagzeile im Zeitungsständer: "Deutsche“, war dort zu lesen, „Deutsche immer dümmer!" "Ich bin kein Deutscher", sagte Fink jr. "Ich komme aus dem Hause Dell, Texas, USA."

"Die Amis sind schuld", sagte ich. "Wenn das Mehl um dreihundert Prozent teurer geworden ist, kann nur ein verdammter amerikanischer Mehlsack dahinterstecken. George Bush jr. wird uns alle in die Barbarei treiben." Ich schüttete Fink jr. den kompletten Mr Brown über den Kopf.

Diese politische Aktion war nicht gerechtfertigt. Die braune Zuckerbrühe kommt nicht aus Amerika, sie sieht nur so aus. "Fink junior, weine nicht", sagte ich, "wir müssen kämpfen." Ich warf Mr Brown in den Mülleimer, ließ mir eine Brezel geben und legte dreihundert Dollar und siebzig Cent auf die Theke.

"So gut war der Kaffee seit zehn Jahren nicht", sagte ich. "Der Kunde Fink junior fühlt sich sehr geehrt", sagte Fink jr. Dann gingen wir in Rosis Pinte und traten in den Hungerstreik. Bald darauf wurde am Hölderlinplatz die Bank überfallen.



P.S.: Die Flaneursalon-Seite ist mit dem Internet-Magazin Glanz & Elend verlinkt

www.glanzundelend.de
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