Bauers Depeschen


Freitag, 04. Januar 2008, 100. Depesche

Anlässlich der Feierlichkeiten zur 100. Depesche bleibt mein Laden heute geschlossen. Auf mehrfachen Wunsch aus den Reihen der depressiven Stuttgarter-Kickers-Gemeinde hier etwas aus der Vergangenheit:





DER MANN MIT DER GEIGE

Es gibt Menschen in Stuttgart, die ihn nicht vergessen haben, sie haben mich gebeten, seine Geschichte aufzuschreiben.

Die Geschichte vom Mann mit der Geige.

Er stand hinterm Tor, in dem Sektor, den man auf dem Stuttgarter Kickers-Platz den Feldherrenhügel nennt.

Dort hielt sich der Mann, den sie Kotlett riefen, am Maschendraht fest und schimpfte. An besonders heißen Tagen nahm er seine Mütze ab und biss mit seinen Zähnen in den Maschendraht, dass wir einen Spielabbruch befürchten mussten.

Wenn das Spiel zu Ende war, schimpfte Kotlett in der Verlängerung.

Viele haben über den alten Mann mit der Mütze gelacht, viele hatten Respekt vor ihm.

Sein richtiger Name war Kurt Hörber. Von Beruf war er Lebenskünstler, Kickers-Fan und eine große Nummer in der Stuttgarter Altstadt.

Als es das Café Schlauder noch gab, eine Rotlichbar direkt neben dem Brunnenwirt, wo sich heute Caritas-Bedienstete in der Gastronomie versuchen, saß er dort jeden Tag. Über der Theke hing sein Foto. Er war das lebende Denkmal des untergehenden Rotlichtviertels. Hier hatte er auch seine Bleibe, in der Leonhardstraße 13.

Sein Platz war immer das Milieu. Früher, als die Jungs mit den Cowboystiefeln und den Goldketten noch so viele Geld verdienten, dass sie sich einen Ford-Mustang, eine Corvette oder einen Daimler SL leisten konnten, gehörte Kotlett zum Inventar. Er war das blaue Maskottchen der Stadt.

Er war dabei, als die Kickers 1987 im Berliner Finale um den DFB-Pokal gegen den Hamburger SV unglücklich mit 1:3 verloren. Die Altstadt hing damals voller blauer Fahnen. Die Huren des Viertels hatten sie eigenhändig genäht. Als das 1:0 für die Kickers fiel, brüllte der Kellner im Brunnenwirt Freibier, und Jürgen, der bis zum heutigen Tag beste und bekannteste Wurstbrater der Stadt, schlug mit seiner Rechten so hart gegen einen Balken des Lokals, dass wir ihn am nächsten Abend mit dem Taxi ins Katharinenhospital bringen mussten. Seine Hand war geschwollen und gebrochen.

Kotlett hat viele ähnliche Geschichten erlebt. Er hatte reichlich Ahnung von Fußball, und er verstand etwas von Musik. Mit diesen Gaben stieg er zum wichtigsten Entertainer des Viertels auf.

Wenn eine Dame vom Kiez Geburtstag hatte oder ein Lude zum Traualtar schritt, kam Kotlett mit seiner Kapelle im Großraum-Taxi angerauscht. Manchmal fuhr er damit bis nach Frankfurt. Er spielte die Geige oder den Kontrabass, und auf besonderen Wunsch gab er sein größtes Stück: Ave Maria, gefiedelt im Liegen. Dann kullerten den Damen Tränen über die Schminke. Es war wie Weihnachten in der Familie.

Auf dem Kickers-Platz, dem heutigen Gazi-Stadion auf der Waldau, trafen sich manchmal zwei große Musikanten: der Orchesterchef Erwin Lehn, der das Kickers-Lied zum Text von Joachim „Blacky“ Fuchsberger komponiert hat, und Kotlett, der keine Noten lesen konnte, aber ein Stück Kickers-Geschichte geschrieben hat.

Jahrelang spielte Kotlett mit seinem Trio bei den Sommerfesten der Blauen. Manchmal kam es vor, dass er sich mitten in seiner Darbietung mit einer Rolle rückwärts ins Gebüsch verabschiedete. Dann war er müde. Das geschah ausgerechnet bei einem Verein, der immer auf Etikette geachtet und in seinen Anfangsjahren nur britische Trainer beschäftigt hatte, bevor er nicht gerade nobel zu Grunde ging.

Die Kickers waren zu Kotletts Zeiten so blau, dass sich ein Metzger weigerte, in seinem Laden rote Würste zu verkaufen. Rot war nur der VfB. Mancher Kickers-Fan wäre lieber über den Jordan gegangen als über dem Neckar. Über den Neckar bedeutete zum VfB.

Kurt Kotlett Hörber, am 16. Dezember 1918 geboren, wuchs an der Ecke Holz-/Rosenstraße auf, er lernte Flaschner und spielte Fußball bei Eintracht Stuttgart. Im Krieg wurde er schwer verwundet, danach schlug er sich als Kellner und Musiker in der Altstadt durch. Dort stand er bald unter dem Schutz des Rotlichts.

Seine besten Konzerte gingen bei Arthur im Finkennest in der Weberstraße über die Bühne. Das Finkennest war berühmt für sein Ambiente - überall an den Wänden hingen die abgelegten Dessous der Damen von der Straße. Einmal musizierte Kotlett sogar zusammen mit dem Jazz-Star Wolfgang Dauner im Stuttgarter Kunstgebäude – das war der künstlerische Höhepunkt seiner Karriere.

Kotlett war der größte Kickers-Fan, den es je gegeben hat, und einer der wenigen, die wussten, dass der Fußballplatz unterm Fernsehturm länger, aber schmäler ist als das Spielfeld im heutigen Daimlerstadion. „Daran“, hat er gesagt, „sind unsere Flügeltalente kaputt gegangen.“

Kurt Kotlett Hörber ist am 9. OKtober 1989 im Alter von 71 Jahren gestorben. Seine Zeit war vorbei. Mit ihm starb ein Stück Altstadt. Die Sanierung ging weiter.

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