Bauers Depeschen


Freitag, 03. August 2007, 52. Depesche



Weil der Regisseur Marcus Hausham Rosenmüller nach "Wer früher stirbt, ist länger tot" auch seinen neuen Film "Beste Zeit" mit den Kuhfladen der Provinz bebildert hat, ruft der "Spiegel" in seiner jüngsten Ausgabe die neue deutsche "Heimatwelle" aus. Dies ist bereits die zweite "Spiegel"-Sommerwelle nach der Heavy-Metal-Welle. Und weil, wie Trendforscher herausgefunden haben, bald wieder der Weihnachtsmann kommt, fiel mir zum Thema Heimat folgende Geschichte ein:



DAS KARUSSELL



Es war an Weihnachten, abends um halb zehn, als ich am Stuttgarter Bahnhof ausstieg. Ich war mit dem letzten Zug aus meinem Heimatdorf gekommen. Es regnete, das beruhigte. Falls es einmal nicht regnen sollte, wenn ich am Bahnhof ankomme, ist nicht Weihnachten. Als ich aus der Eingangshalle trat, spürte ich den Regen auf meiner sich ausdehnenden Glatze (die Amerikaner, habe ich gelesen, nennen eine sich ausdehnende Glatze Carousel. Das gefällt mir).

Ich war erleichtert, als ich die Reklamelichter am Hindenburgbau sah. Ich kam vom Dorf. In der Stadt ist es heller. Wenn du in der Stadt eine dunkle Straße entlanggehst, vielleicht die Weberstraße in der Stuttgarter Altstadt, kann es sein, dass dir eine Frau entgegenkommt, die lächelt. Mit diesem Lächeln leuchtet sie das ganze Viertel aus. Es gab Zeiten, da verkehrten in der Weberstraße Frauen, deren Augen leuchten konnten. Die meisten von ihnen haben die Augen mittlerweile geschlossen. Sie starben an Heroin, an Messerstichen oder am Leben.

Dennoch glaube ich, dass es in der Stadt heute weniger gefährlich ist als auf dem Dorf.

Man erzählte mir auf dem Dorf, der Ort werde seit langem von jugendlichen Randalierern terrorisiert. Ich lachte und sagte, das Dorf sei viel zu klein, es habe keinen Platz für Randalierer. Und wenn, dann könne man sie leicht mit einem Schlag vertreiben.

Falsch, sagte mein Gesprächspartner, sie kämen aus den umliegenden Dörfern, rotteten sich zu 20 Mann starken Trupps zusammen und bespuckten alte Leute, die gerade aus der Kirche kämen. Der Fall begann mich zu interessieren. Die Bandenmitglieder, sagte mein Gesprächspartner, träfen sich am Bahnhof. Falsch, sagte ich, es gäbe im Dorf überhaupt keinen Bahnhof, nur einen Fahrkartenautomaten. Richtig, sagte mein Gesprächspartner, der Fahrkartenautomat sei nichts anderes als der Bahnhof, an dem sich die Banditen aus der Gegend träfen.

Als ich am Fahrkartenautomaten auf dem Dorf angekommen war, es war am Heiligen Abend, hatten auf den Wartebänken der Bahnstation, ich erinnere mich, vier, fünf Wollmützen gesessen.

Hätte ich das Dorf nicht rechtzeitig verlassen, sagte ich zu meinem Gesprächspartner, würde ich heute ebenfalls bei den Wollmützen sitzen und auf den nächsten Zug warten, ohne jemals einzusteigen. Was Besseres gäbe es hier ja nicht zu tun.

Wäre ich allerdings der Dorfschultes, sagte ich, würde ich jeden Randalierer mit 100 Euro bestechen, damit er ins nächste Dorf weiterziehe, um dort 200 Euro für die Zusage zu kassieren, ins übernächste Dorf weiterzuziehen. Das Karussell der Kriminellen drehe sich sowieso. Allerdings, sagte ich, möchte ich für diese Idee einen Anteil von 20 Prozent.

Mein Gesprächspartner sagte, ich unterschätze mit typisch städtischer Überheblichkeit die Lage. Der Dorfschultes habe – da die zuständige Polizei des Nachbardorfs nichts ausrichten könne – bereits die Schwarzen Sheriffs eines Security-Unternehmens holen müssen.

Falsch, sagte ich, krottenfalsch. In den Filmen, die ich kenne, habe der Chef des Dorfes entweder brave Bürger als Hilfssheriffs vereidigt und eine Bürgerwehr zusammengestellt. Oder aber im Falle, dass die Bürger zu feige waren, die Banditen selbst zu stellen, das komplette Banditenpack ganz allein über den Haufen geschossen, und zwar direkt am Bahnhof mittags um zwölf.

Ich war froh, als ich am Hindenburgbau die Reklamelichter sah. Ich spürte den Regen und setzte meine Wollmütze auf.



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