Bauers Depeschen


Donnerstag, 11. Januar 2018, 1903. Depesche


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TIPP

Der Berliner Kabarettist ARNULF RATING gastiert mit seinem neuen Programm „Tornado“ an diesem Freitag im Stuttgarter Renitenztheater (20 Uhr). Es gibt noch Karten. Mein StN-Interview mit ihm findet man auf der Depeschenseite vom 8. Januar (Archiv).



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

GUTE KONTAKTE

Was für ein herzerwärmender Januar. Auf dünnen Sohlen und mit offener Jacke gehe ich durch die Stadt, was dem Rest der Welt wurscht sein kann. „Die Welt hat mich vergessen“, hat Nina Hagen vor 40 Jahren gesungen. Damals war ich so jung, dass es praktisch noch nichts zu vergessen gab.

Bei unserem heutigen Tempo sind ein paar Jahrzehnte so gut wie nichts. Vor 24 Jahren hat „Der Spiegel“ unter dem Stichwort „Kriminalität“ über einen Stuttgarter „Pizzabäcker“ und dessen „CDU-Spezi“ berichtet. Kommt einem vor wie gestern. Es ging um den späteren Digitalkommissar Günther Oettinger und seinen Duzfreund Mario Lavorato: „Als fröhlicher Wirt arbeitet er in seinem Pizza-Restaurant Da Mario, belieferte gegen stattliches Honorar Feste der CDU-Landtagsfraktion und spendete rund 4500 Mark an die Union. Er legte großen Wert auf seine guten Kontakte zu Polizisten und Politikern.“

Seine guten Kontakte zur Polizei hat der fröhliche Wirt gerade wohl aufgefrischt: Im Rahmen einer großen Mafia-Razzia wurde er diese Woche anscheinend festgenommen. Hinterher rätselte „Die Welt“: „Ist Pizzeriawirt Mario der Pate von Stuttgart“?

Mein Gott, „Der Pate“. 1972 hat uns Francis Ford Coppolas grandioser Film über die Corleones umgehauen. Bald schon sollte dieses Werk einen berühmten Satz Oscar Wildes bestätigen: „Das Leben imitiert die Kunst.“ Marlon Brando, Al Pacino & Co. lehrten nicht nur Gangstern Stil. Auch die allseits gelobte Ausstattung üppiger Feste für die CDU und ihre Kessel-Corleones in der Stuttgarter Provinz profitierte davon.

Nach dem Besuch des Paten habe ich nicht ohne Ehrfurcht in jedem Patron einen Mafioso oder ein Mafia-Opfer gesehen. Nie werde ich vergessen, wie mir mal ein bekannter Restaurantchef auf meine zu laut gestellte Frage „Na, was machen die Schutzgelder?“ für alle Gäste gut hörbar antwortete: „Kein Problem, Junge. Bei mir zahlen alle.“

Das war in einer Ära, als wir im Nachtleben ständig das Kino imitieren mussten, weil auch noch die langweiligsten Filme spannender waren als Stuttgart.

Im Lauf der Zeit hat das Mafia-Leben die Nachahmung guter Kunst etwas vernachlässigt. Als im April 2014 „Spiegel“, ARD und „WAZ“ nach gemeinsamen Recherchen über den Mafia-Einfluss in der deutschen Bauwirtschaft berichteten, wurde ein Kriminalbeamter mit den Worten zitiert: „Es gibt hierzulande keine einzige Großbaustelle, an der die Mafia nicht verdient.“ Schon damals, erfuhren wir, lebte der Großteil der in Deutschland operierenden Mafia-Mitglieder in Baden-Württemberg.

Stuttgart selbst konnte davon selbstverständlich nicht betroffen sein – handelt es sich doch bei Stuttgart 21 nie und nimmer um eine schlichte Großbaustelle, sondern um ein Jahrhundertwerk sensationeller Ingenieurkunst, gewidmet allein dem „Fortschritt“ und der „Zukunft“. Dass es bei diesem Milliardenspiel allerdings ebenso wenig um ein profanes „Verkehrsprojekt“ gehen kann, wie Planer und Befürworter behaupten, haben wir erst dieser Tage wieder erfahren: Die Deutsche Bahn hat gar nicht vor, im Zuge von S 21 viele Züge zum Wohl der Kundschaft verkehren zu lassen. Am Flughafen zum Beispiel wird kein einziger ICE halten, und Fernverkehrszüge sollen dort nur ab und zu mal stoppen. Wer sich erinnert, dass uns die Propaganda einst S 21 als „Neues Herz Europas“ verkaufen wollte, muss sich heute anatomisch etwas tiefer orientieren: Unsere Superpumpe ist ziemlich am Arsch. Bald reisen wir im Rhythmus der Pferdedroschken.

Und doch gilt die uralte Erkenntnis von Stuttgart-21-Kritikern als skandalös, wonach es bei S 21 nicht um ein U-Bahnhöfle und flotte Züge, sondern nur um Profite für Bodenspekulanten und Immobilienhaie geht. Für mich wiederum spielt der Bahnhof bei Stuttgart 21 nur insofern eine Rolle, als der alte Bonatz-Bau dem Immobiliengeschacher im Weg steht und deshalb zerstört werden muss.

Zuletzt hat sich S 21 einen geradezu beispielhaften Ruf zur Abwehr ernsthafter Kritik erarbeitet: Die Milliardengrabgesänge taugen nur noch als Vorlage für Komiker. Die Kosten schwirren in einem so abstrakten Bereich herum, dass auch über technische Desaster lauthals gefeixt wird. Wenige Tage vor der 400. Montagsdemonstration gegen Stuttgart 21 vor der Bahnhofsruine werden deshalb der übliche Hohn und Spott für die Gegner zum Bumerang für die Befürworter: Die Vorhersagen der Kritiker erweisen sich heute so oft als richtig, dass viele von ihnen in den sozialen Medien auf die immer neuen Hiobsbotschaften nur noch achselzuckend reagieren: „Überraschung“. Ähnlich lapidar kommentiert man Meldungen wie „S 21 braucht weitere Milliarden“ mit den Worten: „Ich auch.“

Dass Politiker und Manager in ihrem Größen- und Machbarkeitswahn Steuergeld zum Schaden der Menschen und ihrer Stadt missbrauchen, wird vom sarkastischen Beifall für das absurde Dorftheater fast verdrängt. Und wenn die Parteien, die S 21 seit jeher unbelehrbar durchprügeln, jetzt der Bahn die Schuld für das Desaster geben, kommt ihr Verlautbarungsgetue nur noch als peinliche Heuchelei daher.

Das journalistische Portal Correctiv mit Büros in Berlin und Essen hat dieser Tage über Mafia-Clans in Deutschland berichtet. Demnach sollen der schon im Herbst verhaftete Mafia-Boss Salvatore Rinzivillo „und seine Mitarbeiter ihr Auge auf das derzeit größte deutsche Bauprojekt geworfen haben: Stuttgart 21“. Laut diesem Bericht wollten mutmaßliche Clan-Mit­glieder im geplanten S-21-Projekt Rosensteinviertel sieben Häuser bauen. Ein inzwischen ebenfalls inhaftierter Mafioso aus Köln soll für dieses Phantomquartier auf dem noch nicht geräumten Gleisfeld mit einer italienischen Baufirma Kontakt aufgenommen haben. „Warum die Mafiosi schon so konkret von sieben Häusern sprachen, die sie in Stuttgart bauen wollten, ist unklar“, heißt es auf der Correctiv-Seite im Internet. „Das Bauprojekt Stuttgart 21 befindet sich noch in einer frühen Phase: Es gibt noch nicht einmal Architektenpläne für die zukünftigen Wohnimmobilien.“

Ach ja, die Zukunft. Womöglich wurde auch sie längst verscherbelt.

 

 

im Nordbahnhof-Areal
 

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