Bauers Depeschen


Samstag, 11. November 2017, 1870. Depesche


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FLANEURSALON IN MÖHRINGEN

Am Donnerstag, 16. November, ist der Flaneursalon im Möhringer Bürgerhaus, direkt am Bahnhof, Beginn 20 Uhr. Mit Thabilé & Steve Bimamisa, Loisach Marci und Timo Brunke. Karten gibt es in der Möhringer Volksbank in der Filderbahnstraße - Reservierungen sind per E-Mail möglich: vgrosser@gmx.de.



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

BESUCH BEI BULGA

Wir wissen, was gemeint ist, wenn jemand kreischt: „Immer dieser Zirkus.“ Diese Floskel zielt auf eine vermeintliche Unordnung, auf Ungewohntes und sagt uns etwas von der Respektlosigkeit gegenüber den Menschen im Zirkus.

Es ist Herbst, der Blick von der Brücke mit der Straßenbahnhaltestelle über dem Neckar stimmt nicht unbedingt hoffnungsfroh. Trüb gefärbt vom Novemberregen, sieht der Fluss gefährlich aus.

Aus ziemlich absurden Gründen habe ich beim Gang nach unten ein schlechtes Gewissen. Darf man es sich noch gestatten, am helllichten Tag in den Zirkus zu gehen, wenn überall im richtigen Leben die Fangnetze von Menschen reißen, die sich nie an ein Trapez gewagt haben? Die Wohnungsnot in der Stadt und die für viele unbezahlbaren Mieten werden immer bedrohlicher. Im Rathaus wird gerade ein Haushalt verabschiedet, von dem wir nur erahnen können, wer ihn lange vor den öffentlichen Sitzungen mit Taschenspielertricks hinter den Kulissen ausgekungelt hat. Demokratie ist heute ein Geschäft, das die Vorstellungskraft im wirklichen Leben weit mehr überfordert als jede Akrobatennummer in der Manege.

Der Boden auf unserem Rummelplatz an der Peripherie der Stadt ist etwas aufgeweicht, als ich mit Dr. Susanne Matzenau auf dem Cannstatter Wasen am Neckarufer durch Circus-Krone-City spaziere. Frau Matzenau, geboren in Bietigheim-Bissingen, hat einst mit großer Freude in Hohenheim Biologie studiert und später in München gelehrt. Seit zehn Jahren ist sie Pressechefin bei Krone und mit dem Tross auf Tour, im Jahr mehr als 6000 Kilometer. Ein alter Kumpel begleitet unseren Rundgang: der Sänger Ray Martin aus dem Stadtteil Hofen, seit Jahrzehnten ein guter Elvis-Darsteller, der selbst mal eine Nummer im Münchner Circus Krone war. Wer gern Manegenluft atmet, trifft sie immer irgendwo wieder, die Zirkusmenschen.

Wir besuchen Bulga, den ersten weißen Löwen, der im Zirkus geboren wurde. Er döst in einem großen Gehege mit offenem Durchgang zu seinem Kollegen, einem hochrangigen Tiger, der neben einem mobilen Swimmingpool liegt. Tiger, sagt Frau Matzenau, baden gern. Löwen nicht. Unsereins versteht nicht viel von Tieren, kann aber ein Nashorn von einem Wasserbüffel unterscheiden – was vielen Menschen heute nicht mehr gelingt, sagt unsere Begleiterin. Das Nashorn heißt Tsavo, ist 42 Jahre alt und steht voll im Saft. In Afrika töten Wildererbanden jährlich Hunderte seiner Artgenossen. Gemahlenes Rhino-Horn gilt trotz aller wissenschaftlichen Gegenbeweise unter reichen Asiaten als Potenz- und Heilmittel. Auf dem Schwarzmarkt bringt es mehr als Kokain oder Gold. Als Frau Mautzenbach das dreieinhalb ­Tonnen schwere Tier in geübtem Schwäbisch mit „Tsavole“ anspricht, hebt es seinen Kopf über die Barrikade.

Mir ist klar, dass ich mich bei der Fraktion, die auch bei uns das Auftrittsverbot sogenannter Wildtiere im Zirkus durchgesetzt hat, mit meinem Stallgeruch unbeliebt mache. Als Sympathisant animalischer Folterknechte weiß ich jedoch so gut wie nichts über die Befindlichkeiten von Löwen, Tigern und Nashörnern, um meinungssicher wie Stadträte aus der Ferne ein Berufsverbot für Dompteure zu fordern. Ich glaube auch nicht daran, dass die Humanisierung unseres profitablen Massenschlachtungs- und Herrenreitersystems wesentlich voranschreitet, wenn die paar Zirkusgastspiele pro Jahr in der Stadt ohne „Wildtiere“ über die Bühne gehen. Das Auftrittsverbot für Elefant, Tiger & Co gilt als große politische Errungenschaft zum Schutz des Lebewesens an sich – so wahr wie ein Löwe 18 Stunden seines Tags verschläft und vor der Show nicht gefüttert werden darf, weil er sonst bei seiner Performance einpennt. Eine Eigenschaft, die wir auch von Politikern aus dem Raubtierkapitalismus kennen.

Bei nasskaltem Wetter gehen wir durch die Zirkusstadt mit ihren 260 Menschen, 100 Tieren und 220 Wagen. Ich ziehe meinen Hut, als wir dem italienischen Clown Fumagalli begegnen. Auch ohne Kostüm ist er an seinen zu Berge stehenden Tollen zu erkennen. Gianni Huesca, so heißt er bürgerlich, wird nachher wieder mit schönen Commedia-dell‘Arte-Tricks seine berühmte „Bienchen“-Nummer spielen und uns den Kalauer gönnen: „Ich bin eine Vespa.“

In Krone-City stiefeln wir zwischen den Wagen mit den Werkstätten herum. Wie im großen Theater gibt es Sattlerei, Schreinerei, Schneiderei. Die Ungarin Judy Dimoiu entwirft und näht die Krone-Kostüme – für Artisten, Lastwagenfahrer und betriebseigene Feuerwehrleute. Als ich sie frage, wie viele Stunden sie pro Tag arbeitet, sagt sie: „O, ich weiß es nicht, ich bin Workaholic.“

Der Zirkus ist nicht nur ein Job. Das Zirkusleben ist eine Haltung, eine existenzielle Entscheidung, deren Bedeutung ein Außenstehender kaum erahnt. Du trainierst schon von Kindesbeinen an für deine Artistenkarriere und besuchst die Schule des Circus Krone. Bald bist du einer der Stars in der Manege, aber irgendwann zu alt für diesen Job und nicht annähernd so reich wie vielleicht ein Fußballer, um dich wie der Tiger an den Pool zurückzuziehen. Dann stehst du im Vorzelt am Tresen, versorgst das Publikum mit Kaffee und Bier und jonglierst für die Kameraleute mit Popcorneimern.

Der Clown Fumagalli wird an diesem Nachmittag wie immer alles geben, ohne Rücksicht auf private Befindlichkeiten und den Umstand, dass es am Nachmittag in einem mäßig besuchten Zelt verdammt schwierig ist, das Publikum wie an einem ausverkauften Abend in die Traumwelt zu transferieren. Die Menschen im Zelt sind dankbar, dass es noch diesen Ort zum Staunen gibt, wo Menschen unbeirrt ihr eigenes Ding in einer eigenen Welt machen. Als der Dompteur Martin Lacey jr. mit seinen 23 Raub­tieren die größte Löwen- und Tigernummer aller Zeiten beendet, erhebt sich das Publikum. Es beklatscht nicht nur die Sensation. Die Magie dieses Mannes überträgt sich auf Mensch wie Tier (demnächst ist er auch im Weltweihnachtscircus zu sehen). An diesem Samstag und Sonntag spielt der Circus Krone letztmals auf dem Wasen.

Immer dieser Zirkus? Circus forever!

>> Joe Bauers Flaneursalon ist am Donnerstag, 16. November, im Bürgerhaus Möhringen. Musik machen Loisach Marci, Thabilé & Steve Bimamisa. Durch den Abend führt Timo Brunke. Beginn: 20 Uhr. Karten gibt es bei der Möhringer Volksbank und an der Abendkasse. Reservierungen per E-Mail: vgrosser@gmx.de



 

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