Bauers Depeschen


Samstag, 28. Oktober 2017, 1865. Depesche


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FLANEURSALON LIVE

Am 16. November sind wir auf Einladung im Bürgerhaus Möhringen: Thabilé & Steve Bimamisa, Loisach Marci und Timo Brunke. Karten gibt es 14 Tage vor der Veranstaltung bei der Volksbank Möhringen, Filderbahnstraße 26.

Für unseren Abend am 12. Dezember im Schlesinger gibt es inzwischen Karten am Tresen des Lokals. Es machen mit: Stefan Hiss, Timo Brunke, Thabilé & Steve Bimamisa.



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



BETR: GROHMANN

Den Text meiner Laudatio, die ich gestern Abend bei der öffentlichen Feier zum 80. Geburtstag von Peter Grohmann im ausverkauften Theaterhaus gehalten habe, findet man auf der Depeschenseite vom Freitag.



Die aktuelle StN-Kolumne:

PFEIFEND AN DER KREISSÄGE

Von der U-Bahnhaltestelle Stadtmitte in die Tübinger Straße, dann beim Gegenheimer links in die Paulinenstraße. Gegenheimer ist nicht, wie man vermuten könnte, eine Straßenvariante des Dummdeutschbegriffs „Wutbürger“. So heißt der Kioskbesitzer an der Paulinenbrücke, unter der sich die Unglückseligen zum Überleben treffen.

Je öfter du dieselbe Strecke gehst, desto weniger bemerkst du ihre Veränderungen, behaupte ich. Als Spaziergänger hab ich zum Glück eine Art Weckdienst im Hirn, der mir gelegentlich einen Tritt zur schärferen Wahrnehmung der Welt verpasst. Auch die wenigen Meter in der Tübinger Straße bis zur Paulinenstraße sind im Lauf der Zeit immer bunter geworden. An der Ecke Christophstraße, wo ich regelmäßig zu meiner Altherrengymnastik beim Muskel-Kieser abbiege, hält sich, nach etlichen verblassten Geschäftsideen, seit beachtlich langer Zeit das gut belebte Lokal Queer-Kaffeehaus. Gegenüber das Kino Delphi: Eine Stadt mit einem ehrwürdigen Lichtspieltheater außerhalb der großen Entertainment-Zonen, denke ich, kann noch nicht verloren sein.

Seit einiger Zeit bewundere ich in der Tübinger Straße auch die noch relativ junge Maßschneiderei Cove, die uns etwas über Wiederkehr oder Unverwüstlichkeit des Handwerks erzählen könnte. Ich bin ja inzwischen in einem Alter, in dem ich immer öfter Reklame von Sterbeversicherungen erhalte – da wäre es an der Zeit, mir mal ordentliches Tuch auf den Leib schneidern zu lassen. Hoffentlich habe ich mich mit diesen Beobachtungen halbwegs glaubhaft einem Thema genähert, das ich in der Paulinenstraße mit einem alten Freund besprechen wollte, mit Michael Gaedt (60).

An diesem Sonntag und Montag tritt er mit seinen Kollegen Roland Baisch und Otto Kuhnle wieder in der gemeinsamen, nach den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen benannten Comedy-Show „KGB“ im Theaterhaus auf (es gibt noch Karten).

Nein, wir palavern diesmal nicht über Humor, Komik, Rock ‘n‘ Roll. Nicht über die Dinge, die das Leben auf den ersten Blick etwas lebenswerter machen. Wir reden über Arbeit. Über das Tun. Seinen Arbeitsplatz – Büro, Werkstatt, Requisitenlager – findet man seit 16 Jahren in einem Hinterhof der Paulinenstraße, in den Gemäuern des ehemaligen Paulinenbads, einer der 23 Warmbadeanstalten, die es in der Stadt gegeben hat, als noch nicht alle Wanne oder Dusche zu Hause hatten.

Die Show „KGB“ mag das Publikum auf den ersten Blick etwas an Michael Gaedts früheres Trio Die Kleine Tierschau ­erinnern, weil der Maschinenpark auf der Bühne wieder mal ziemlich üppig geraten ist. Bemerkenswert an dieser durch und durch analogen Theaterwelt sind allerdings nicht nur ihre virtuose Technik und originelle Optik. Eine Nummer für sich ist vor allem ihre Entstehung. Nach wie vor, sagt Gaedt, orientiere sich sein Leben und Arbeiten an den Regeln des alten Zirkus. Du hängst nicht nur am Trapez, sagt er, du malst auch deinen Wohnwagen und die Felgen der Zugmaschinen selber an.

Die nachbarschaftliche Kulisse vor ­seinem Refugium wirkt entschieden großstädtischer als der Einkaufsklotz Das Gerber vor dem Eingang der Straße. Der Erotik-Shop Dolly Buster, die schicke neue Mozarella-Bar, das Tattoo-Studio, die Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Hostel. In Gaedts Lager vor dem Büro ­stehen stattliche sogenannte Cases: Behälter für Bühnenutensilien. Einer ist 2,15 Meter lang und 1,4 Meter hoch. Ein schräger Kasten mit den Überzugmustern von Louis Vuitton, gebaut aus feinem Pappelholz, formschön wie ein Sarg. Gebastelt für den Transport einer Harley Davidson vom Typ Duo Glide Panhead aus den Fünfzigerjahren. Der Trick der Maschine: Alles echt – aber nur fast. Ihr Schöpfer nennt seine tragbare Harley „meine Tanzpartnerin“. Um ihrer Würde gerecht zu werden, hat er sich seinen Pas de deux vom Tanz- und Showprofi Ray Lynch choreografiere lassen.

In einer anderen, ebenfalls akkurat gefertigten Holzkasten, lagert ein handelsübliches Hausklo samt Spülkasten. Schon der Materialwert des bildschönen Containers ist höher als der Preis der Schüssel – in der Show eingesetzt für eine Dressurnummer. Warum sollte ein Kloschlund mit ­Deckel nicht als großmäuliger Seelöwe durchgehen? Fällt jedenfalls nicht unter das Stuttgarter Auftrittsverbot für Wildtiere. Keine Frage, dass der KGB-Mann auch die Orchesterschilder der Show mit den ausklappbaren Teilen eigenhändig gefertigt und mit dem Pinsel bemalt hat. Erst im Stallgeruch des Handgemachten, in dieser Federstrichperfektion, fühlt er sich wohl.

Stellt sich die Frage nach den Gründen dieser Handwerkerobsession. Gaedts Erklärung deutet auf die freigesetzten Kräfte fortwährender Angst vor dem schwarzen Loch hin. Er gehöre zu einer aussterbenden Spezies von Komödianten und Regisseuren, die es als Berufsehre betrachten, auch ihre Kulissen selbst zu bauen. Mit dieser Haltung werde er nie arbeitslos und leide nie unter Langeweile. Anders gesagt: Als Workaholic peilt er unermüdlich wie Sisyphos den Gipfel an – ohne in Depressionen zu ver­fallen, wenn er ihn nicht erreicht. Er ist glücklich. Er hat zu tun.

Gaedt sagt, seine Leidenschaft für Präzisionshandwerk rühre nicht nur von seinem Ethos als gelernter Steinmetz her. Vielmehr setzte sein Schaffen „mit der Hand am Arm“ immer auch künstlerische Ideen frei. Als ich entgegne, bei diesem Doppelspiel könne man doch leicht mal die Konzentration und einen Daumen verlieren, antwortet er: Nein, selbst an einer kreischenden Kreissäge lasse sich risikolos ein Lied pfeifen – sofern man ihre Tonart treffe. Dies falle ihm nicht schwer, weil er ohnehin immer im Kreissägenrhythmus gelebt und gearbeitet habe.

Verinnerlicht hat er auch den Lärm des Maschinenmassakers: Nicht erst seit den jüngsten Lauschangriffen der Sorte KGB muss er, wie auch seine Kollegen Baisch und Kuhnle, zum Hörgerät greifen. Bräuchten wir in unserem Alter keine Hörgeräte, sagt Gaedt, hätten wir in all den Jahren alles falsch gemacht. So ist das in diesem Leben: Rock ’n’ Roll geht auf die Ohren.









 

im Nordbahnhof-Areal
 

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