Bauers Depeschen


Dienstag, 30. Mai 2017, 1797. Depesche


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SUPERSTAR UND HASSFIGUR

Spazierengehen ist für mich auch deshalb prickelnd, weil ich an bestimmten Orten das Gefühl habe, ich sei mitten in etwas hineingeraten. Nicht in einen Kinofilm, sondern live in die verschwundenen, historischen Kulissen dieser Stadt.

An diesem Mittwoch, 31. Mai, steht der 200. Geburtstag des Stuttgarter Dichters und Revolutionärs Georg Herwegh im Kalender. Die Initiative Die Anstifter hat dieses Jubiläum bereits im Rathaus gefeiert, unter anderem mit einem Vortrag des Oberbürgermeisters, und es ist nicht sicher, ob Deutschlands erster großer politischer Dichter diese Art staatlicher Würdigung gewollt hätte.

Zu Lebzeiten, schreibt der Autor Ulrich Enzensberger in seinem Buch „Herwegh – Ein Heldenleben“, war er „berühmt, ja mehr noch: berühmt-berüchtigt. Er war der deutsche Star 1841, der Buhmann des Jahres 1848. Vertauschte die Feder mit dem Schwert. Ein demokratischer Don Quixote. Rettete sich im letzten Moment.“

Fast jeder, der mal bei einem Streik dabei war, kennt die Zeilen aus Herweghs „Bundeslied“, das er 1863 zur Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, dem Vorläufer einer gewissen SPD, geschrieben hat: „Mann der Arbeit, aufgewacht! / Und erkenne deine Macht! / Alle Räder stehen still. / Wenn dein starker Arm es will.“

Ein runder Geburtstag ist Anlass genug, sich mithilfe von Büchern einem vielerorts Vergessenen zu nähern. In Michail Krausnicks Biografie „Die eiserne Lerche. Georg Herwegh – Dichter und Rebell“ sind immer wieder die Manipulationen der Presse ein Thema: „In der Klatsch- und Gerüchteküche brodelt es“, heißt es über Herweghs angebliche „Geldheirat“ mit Emma Siegmund, einer außergewöhnlich couragierten Frau. Die Parallelen zu heute sind deutlich, zu den Medienkampagnen, Verleumdungen, Falschmeldungen, die einem Menschen übel zusetzen können.

Spaziergänge schärfen nicht nur vor Gedenktagen den Blick auf die Geschichte und die Zusammenhänge mit der Gegenwart. Erst vor einigen Tagen ging ich durch die Seyfferstraße im Westen und streifte rein zufällig die Herweghstraße: Ich wusste nicht mehr, dass sie in der Nähe von Bismarckplatz und Bismarckstraße liegt. Diese Tatsache ist bei der Spurensuche insofern bemerkenswert, als ich später in dem Stuttgart-Buch „Dichter sehen eine Stadt“ las, warum Herwegh nach seinem Tod am 7. April 1875 in Lichtenthal/Baden-Baden nicht an seinem letzten Wohnort begraben wurde: „Seinem ausdrücklichen Wunsch entsprechend wurde der entschiedene Gegner Bismarckscher Machtpolitik nicht in Deutschland, sondern in der republikanischen Schweiz beerdigt.“

Sein Grab findet man in Liestal, Kanton Basel-Landschaft.

Die Stuttgarter Herweghstraße wurde 1904, also mitten im monarchistischen Württemberg, nach dem Dichter benannt. Noch 1841 hatte er bei einer Audienz beim König Friedrich Wilhelm IV. für einen Eklat gesorgt, als er zum Abschied das letzte Wort ergriff und sein Vorbild Schiller zitierte: „Sire, ich kann nicht Fürstendiener sein.“

Damit sind wir wieder mitten in Stuttgart. Nachdem die Enthüllung des Schillerdenkmals am 8. Mai 1838 zu einer Orgie bürgerlicher Selbstdarstellung ausgeartet war, schrieb der überzeugte Europäer Herwegh in seiner „Standpauke zu einem Standbild“ über die Gäste: „Was kamt Ihr hierher? Steht Ihr da als Schwaben, als Vertreter von ein paar Quadratmeilen Landes? Oder seid Ihr erscheinen als die Repräsentanten der Menschheit? Ist das Euer einziger Stolz, dass Schiller auf derselben Scholle geboren ward wie Ihr? Als ob ein Baum stolz sein dürfte, weil aus ihm die Wiege für einen Genius gezimmert wurde!“

Betrachtet man die auch heute oft heuchlerische Verehrung Schillers, der wie später Herwegh aus Stuttgart flüchten musste, sind diese Sätze immer noch gültig.

Damit zur nächsten Herwegh-Station in der Stadt: Friedrichstraße 10. An diesem Ort stand bis 1944 das Haus, in dem Herwegh von 1837 bis 1839 in Stuttgart gewohnt hatte, ehe er die Stadt als Deserteur und Widerspenstiger verlassen musste. Heute verstört einen dort, wie eine bittere architektonische Pointe der Revolution, einer der üblichen Bürokomplexe, unter anderem Sitz der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH.

An der Fassade hängt freundlicherweise eine Gedenktafel für Herwegh: Passanten erfahren, dass er die „Gedichte eines Lebendigen“ verfasst hat. Dieses auch kommerziell ungeheuer erfolgreiche Werk in zwei Bänden machte ihn zum literarischen Helden, zur politischen Hassfigur und zum umschwärmten Frauenliebling. Nach heutigen Kriterien war Herwegh ein Superstar, befreundet mit Berühmtheiten wie Karl Marx, Michail Bakunin, Victor Hugo, Franz Liszt, Richard Wagner.

Leider hat sich der Ikonen- und Popstarstatus des Unbeugsamen nicht überall herumgesprochen: Ausgerechnet vor Herweghs 200. Geburtstag hat ein Graffiti-Kasper die Gedenktafel an der Friedrichstraße beschmiert. Deshalb bitte ich als Fürstendiener die Rathausherrschaften untertänigst: Bringt das Schild an der Friedrichstraße in Ordnung – bevor ich die Feder mit dem Hammer tauschen muss.

Vor kurzem hat der Verlag des Anstifter-Mitbegründers Peter Grohmann den kleinen Band „Georg Herwegh zum 200. Geburtstag“ veröffentlicht. Herausgeber Frank Ackermann widmet darin dem Dichter ein ausführliches Kapitel über seine Stuttgarter Zeit. Geboren wahrscheinlich in der Hospitalstraße, wuchs er dort als Sohn des Gastwirts Ludwig Ernst Herwegh und dessen Frau Rosine Catharina im Eckgebäude gegenüber dem heutigen Haus der Wirtschaft auf. Später wohnte die Familie auch in der Eichstraße und Eberhardstraße. Zeit also für den Marsch der Erinnerungen:

>> Wer Lust hat, den Spuren Georg Herweghs zu folgen, kann an diesem Mittwoch an einem Stadtrundgang von Rosa-Luxemburg-Stiftung, DGB und Naturfreunden teilnehmen. Start ist um 18 Uhr am Schillerplatz, Ziel – in der Nähe von Herweghs Elternhaus – das DGB-Haus, wo der Schauspieler Christoph Hofrichter um 20 Uhr einen Text des Dichters vortragen wird. (Der ursprünglich geplante Vortrag des Autors Michail Krausnick musste wegen Krankheit abgesagt werden.)



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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