Bauers Depeschen


Donnerstag, 16. März 2017, 1757. Depesche


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MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:



VOODOO

Ich war noch niemals in New Orleans, und vermutlich noch seltener in der Morgendämmerung am Neckar bei Hofen. In diesen revolutionären Märztagen kann es dir schon mal passieren, mit leicht zugekniffenen Augen in die aufgehende Sonne zu schauen, wenn sie sich im Fluss spiegelt.

Überfallartig ist der Frühling in die Stadt gekommen, und nicht nur das frühe Licht im Feinstaub trieb mich aus dem Bett. Pennen, sagte mir die Stimme einer unsichtbaren Frau, pennen kannst du, wenn du tot bist. Ich danke dir, Lady, sagte ich, womöglich versäume ich sonst einen der besten Tage meines Lebens. Und so fuhr ich Richtung Hofen. Kein anderer Ort der Stadt liegt so tief: Man kann den Meeresspiegel riechen.

In Wahrheit, meine Damen und Herren, gebe ich nur an: Es war nicht die Stimme einer Fee oder Hexe, die mich verführte. Ein treuer Leser, Herr Walter Schlee aus Stuttgart, hatte mir eine E-Mail mit einem Foto von Marie Laveau geschickt. Immer wenn er mit seinem Fahrrad von Zuffenhausen nach Cannstatt zur Arbeit fuhr, sah er sie im Neckar schwimmen.

Herr Schlee ist zu meinem Glück ein gebildeter Mann: Er weiß genau, wer sie ist: Marie Laveau, die größte aller Voodoo-Priesterinnen. Zu Hause in New Orleans und berühmt, weil sie von vielen Künstlern gewürdigt wird. Der Blues- und Rock‘n‘Roll-Held Dr. John, die legendäre Band Canned Heat und der ehrbare Countrysänger Bobby Bare haben ihr Lieder gesungen. Der Hollywood-Star Angela Bassett hat sie in der TV-Serie „American Horror Story“ verkörpert und die Schriftstellerin Isabel Allende ihr eine Rolle in dem Roman „Zorro“ gegeben. Die Liste künstlerischer Ehrungen ließe sich fortsetzen – so lang aber ist der Neckar auch wieder nicht. Zurzeit schaukelt Marie Laveau auf seinen Wellen, in der Nähe des Stuttgart-Cannstatter Ruderclubs, unterhalb eines Geländes für gehobene Leibesübungen mit dem beeindruckenden Namen Citygolf.

Es ist kurz nach sieben, als ich vor dem Ruderclub ankomme. An diesem Ort kann man – gemessen am sonstigen Umgang mit unserem Fluss eine Sensation – einige Meter im Gras direkt am Wasser entlangspazieren. Selbstverständlich tue ich das, schon wegen des betörenden Märzlichts an diesem Morgen: ein Farben-, Schatten- und ­Wolkenspiel, wie es nur ein guter Dichter treffend beschreiben könnte.

Marie Laveau ist der Namen eines Boots, das früher Fahrgäste auf holländischen Grachten transportierte. Das erfahre ich, weil zufällig der Eigner an Land geht, als ich vor seinem Kahn stehe. Er möchte nichts von sich erzählen, nur so viel: Den Namen seines Schiffs hat er aus Liebe zum New-Orleans-Jazz gewählt – nicht als Verneigung vor dem Voodoo-Glauben.

Die Zauberin Marie Laveau logiert heute auf dem St. Louis Cemetery, einem Friedhof von New Orleans. Laut Wikipedia haben die Zeitungen am 16. Juni 1881 ihren Tod gemeldet. Längst ist ihr Grab Pilgerstätte für Voodoo-Anhänger und Attraktion für Touristen. Der Musiker Dr. John rühmt in seiner ergreifend-schwarzen Ballade „Marie Laveau“ die „Voodoo-Queen“ als eine Frau, zu der die Reichen und die Gebildeten, die Armen und die Unwissenden kamen. Sie konnte Träume deuten und mit einem Fingerschnipp über Leben und Tod entscheiden.

Weiß der Teufel, wer sie wirklich war. Angeblich soll sie im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts als Tochter eines weißen Farmers und seiner schwarzen Frau geboren worden sein, als Frisörin gearbeitet und 15 uneheliche Kinder zur Welt gebracht haben (obwohl sie bis zum frühen Tod ihres ­Mannes Jacques Paris auch mal fünf Jahre verheiratet war). Sie war Kreolin und lebte im French Quarter von New Orleans. Anscheinend war sie so schlau, zumindest bei öffentlichen Auftritten die Rituale des Voodoo-Glaubens mit den Bräuchen des Katholizismus zu verbinden. Und vermutlich hat sie ihr Wissen über die besseren Kreise von New Orleans vor Anklagen wegen Teufelsanbetung geschützt.

Damit genug für heute: Wie könnte ich es wagen, mich über Voodoo – eine Religion aus der afrikanischen Yoruba-Tradition – auszulassen, wo ich darüber nicht mehr weiß, als ich vor dreißig Jahren in Alan Parkers Film „Angel Heart“ gesehen habe. Mickey Rourke, Robert De Niro und Charlotte Rampling spielten die Hauptrollen in diesem pechschwarzen, blutroten Mystery-Thriller. Nach dem Kinobesuch und einigen Bloody Marys ist mir damals auch noch im Schlaf der Satan begegnet, im Stuttgarter Kessel, wo man Schwarze Magie zuvor nur als verschwörerischen Kult der allmächtigen CDU um ihren cleveren Hohepriester Lothar Späth gekannt hatte.

Damit beende ich meinen Bericht aus dem Zauberreich und danke der großen Voodoo-Meisterin vom Mississippi: Mit ihrer ferngelenkten E-Mail hat sie mich bei Sonnenaufgang an den Neckar bei Hofen gelockt. Nur das Morgenlicht der Hölle kann schöner sein. Bonne chance, Marie.



FLANEURSALON IN DER FRIEDENAU

Den nächsten Flaneursalon gibt es am Donnerstag, 6. April, in der geschichtsreichen Theater-Gaststätte Friedenau in Ostheim. Auf die Bühne bei meiner Lieder- und Geschichtenshow gehen der Entertainer Roland Baisch und sein Gitarrist Frank Wekenmann, die Sängerin Thabilé und ihr Gitarrist Steve Bimamisa. Ich mache auch mit. Beginn 20 Uhr. Bewirtung im Saal ab 18 Uhr.

Reservierungen: 0711/2 62 69 24.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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