Bauers Depeschen


Donnerstag, 09. März 2017, 1753. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

nach einem kuzen Ausflug nach München bin ich zurück und um eine Erfahrung reicher. Schön wäre, wir würden uns beim Flaneursalon am 6. April in der Friedenau in Ostheim sehen. Reservierungen: 0711/2 62 69 24.



LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne "Joe Bauer in der Stadt"



FREI LAUFENDE HÜHNER

Die Show ist vorbei, präsent nur noch in der ZDF-Mediathek im Internet – könnte man meinen, aber das stimmt so nicht. Noch lange werde ich jedes Mal, wenn ich einen dieser SUV-Panzer auf der Straße sehe, an „Die Anstalt“ denken. Der schwarze Audi Q7 auf der Bühne des Arri-Studios in der Münchner Türkenstraße war zwar nur eine dünnhäutige Attrappe. Im Scheinwerferlicht aber sah er aus wie ein Motormonster aus der apokalyptischen Kulisse der „Mad Max“-Filme. Diese Protzkiste mit ihren 430 PS, lerne ich, ist für die vielen Dienstwagenschmarotzer bei uns billiger als ein VW Polo für die Normalsterblichen. Von den Stickoxiden auf Kosten unserer Gesundheit wollen wir erst gar nicht reden.

Von Sonntagnachmittag bis zum späten Dienstagabend habe ich mitbekommen, wie gutes Humoristenhandwerk im Fernsehen funktioniert. Für die Beteiligten ist es vor allem harte, präzise Arbeit. Die jüngste Ausgabe der „Anstalt“ nahm die tödliche Waffe Auto ins Visier – und war nebenbei auch eine Stuttgarter Angelegenheit. Zum einen wirkte als Gast der im Lehenviertel beheimatete Halbsatz-Komiker Rolf Miller mit. Zum anderen schwäbelte die Schauspielerin und Kabarettistin Caroline Ebner von der Münchner Lach- und Schießgesellschaft so echt wie eine Fünfziger-Jahre-Hausfrau aus Obertürkheim. Und dann trieb noch ein Herr sein Unwesen, der womöglich auch ohne seinen Namen an den Chef einer Stuttgarter Autofirma erinnert hätte: Er hieß Zwetschge, und sein Bart sah aus, als hätte sich der Fuchsschwanz eines Mercedes-Cabrios der Achtziger über seine Oberlippe verirrt. Das Buch für diese Show stammte zu einem wesentlichen Teil ebenfalls von einem Stuttgarter, dem „Anstalt“-Autor Dietrich Krauß.

Damit habe ich, kleinkariert wie ich bin, alle Bezüge zur Feinstaubhauptstadt Stuttgart aufgezählt, so dass ich mich wieder dem Kabarett widmen kann. Für die immer an einem Dienstag ausgestrahlte Show „Die Anstalt“ beginnen die Bühnenproben am frühen Sonntagnachmittag, wenn sich die Künstler zur ersten Lesung treffen. Danach starten die ersten szenischen Versuche auf der Bühne, vier Stunden später ist der erste Arbeitstag für die Komiker gelaufen – allerdings noch lange nicht für die Autoren: Neben Krauß sind das die „Anstalt“-Köpfe Max Uthoff und Claus von Wagner.

Beim Zuschauen wähne ich mich in einer tag- und nachtaktiven Verbesserungsanstalt, in der auffallend kollektiv und gelassen Zeichen gegen die Denkfaulheit gesetzt werden. Nicht nur der Regisseur Frank Hof und der Autor Dietrich Krauß greifen ständig ein, Mitspracherecht haben alle, Akteure wie Ausstatter.

Wenn das Programm nach weiteren stundenlangen Proben am Montagabend als öffentliche Generalprobe gespielt wird, können den Zuschauern die Details der Entstehung wurscht sein: Vermutlich würde ihnen der Spaß vergehen, müssten sie darüber hirnen, warum im Dialog der Satz „Sie müssen sich SCHON entscheiden“ etwas anderes bedeutet als die Formulierung „Sie müssen sich NUR entscheiden“.

Gute Komik entsteht durch verdammte Korinthenkackerei – und da sind wir noch lange nicht bei der inhaltlichen Diskussion über eine Frage wie diese: Was geschieht mit dem „Anstalt“-Zuschauer, wenn am Ende des satirischen Autosalons der Lyriker und „Titanic“-Autor Thomas Gsella aus Aschaffenburg scheinbar unvermittelt die Geschichte vom Unfall seiner Schwester und ihrer 14-jährigen Tochter vorträgt? Beide starben auf der Autobahn, als ein Raser von hinten ihren Kleinwagen rammte.

Mit dem Kabarettisten Rolf Miller gehe ich am Morgen vor der Live-Ausstrahlung im ZDF ein paar Kilometer die Isar entlang, Wir reden über diese finale Nummer: Ist Thomas Gsellas Auftritt nahe an den eigenen Tränen gut für diese Show – handelt es sich womöglich um eine zu üppige ­Portion Pathos, um Effekthascherei?

Was für ein Unsinn wäre es, darüber zu streiten. Wichtig ist, dass diese bittere ­Pointe im Fernsehen möglich ist, dass ein solcher radikaler Schritt in dieser Show gemacht wird: Jede Grenzüberschreitung – sofern irgendwer diese Nummer so sehen sollte – ist als Mittel der Kunst legitim. Warum sollte die Satire diese Art Realität ausblenden, wo doch die Realität die Satire ständig überbietet? Und es gibt ein Publikum, das diese Art mutiger Aufklärung so begierig wie ergriffen aufnimmt.

Im Zuschauerraum der „Anstalt“ ist trotz aller unkonventionellen Wendungen die Leichtigkeit guter Unterhaltung zu spüren, bis uns verbale Haken aus dem Sitz holen. Ein solcher Hieb samt Lacher gelingt beispielsweise, wenn uns ein junger Komiker wie Till Reiners aus Berlin erklärt, warum der Schornstein des Kohlekraftwerks der Auspuff des Elektroautos ist. Letztendlich macht uns diese Show mit ihren geschickt kombinierten Fakten und Pointen klar, warum Abgasgesetze und Spritverbrauchsangaben nichts anderes sind als staatlich organisierter Betrug.

Bei aller Konzentration auf die Stinkstiefel der Straße hätte ich fast vergessen, dass „Die Anstalt“ nie nur ein einziges Thema aufgreift. Die Aktualität spiegelt sich in etwa in Rolf Millers lapidarer Auseinandersetzung mit Erdogans türkischen Anhängern in Deutschland: „Frei laufende Hühner demonstrieren für Käfighaltung.“

Zur Erholung und weil ich Tourist und Spaziergänger bin, marschiere ich mit Rolf Miller zwischendurch zum Münchner Haupt­quartier des Humors durch Schwabing. Ein Blick in die heiligen Zimmer der Lach- und Schießgesellschaft, ein Abstecher in die benachbarte Bühne Lusthaus mit ihrer musealen Magie. In solchen Läden sind die Helden des Humors zu Hause. Und weil auf den Komiker Miller die nächste Probe wartet, beenden wir unsere Tour mit einer passenden Panne: Zurück zum Jüngsten Gericht im Arri-Studio, wo man das Auto zum Tod verurteilen wird, fahren wir im Diesel-Taxi. Für diese Sünde werde ich noch büßen – spätestens zu Hause im Feinstaubkessel, wo mit den Stickoxiden aus dem Auspuff weiß Gott nicht zu spaßen ist.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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