Bauers Depeschen


Samstag, 04. März 2017, 1750. Depesche


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FLANEURSALON IN DER FRIEDENAU

Den nächsten Flaneursalon gibt es am Donnerstag, 6. April, in der geschichtsreichen Theater-Gaststätte Friedenau in Ostheim. Auf die Bühne gehen der Entertainer Roland Baisch und sein Gitarrist Frank Wekenmann, die Sängerin Thabilé und ihr Gitarrist Steve Bimamisa. Ich mache auch mit. Beginn 20 Uhr. Bewirtung im Saal ab 18 Uhr.

Reservierungen: 0711/2 62 69 24.



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LIED DES TAGES



ZUM TOD VON BRUNO BIENZLE: NACHRUF



Die aktuelle StN-Kolumne:



UNTER VERDACHT

Der Spaziergänger ist schon lange nicht mehr das, was er immer gern gewesen wäre. Leider läuft ja nicht nur der Mann, sondern auch die Uhr. Früher hatte ich ein Notizbuch, einen Stift und ein kleines Fernglas in der Tasche. Heute bin ich ein Multimedia-Monster in Stiefeln. Mit meinem Taschentelefon kann ich Fotos und Filme machen, Gespräche aufzeichnen und in der Welt herumkurven. Schlauer bin ich dadurch nicht unbedingt geworden, dafür bequemer.

Seit es diese digitalen Dinger gibt, habe ich den Traum, jeden Tag in einer Kneipe oder auf einer Parkbank zu sitzen und einfach aufzuschreiben, was ich sehe und höre. Daraus ist selten was geworden. Oft sah ich nicht viel – und wurde in den meisten Kneipen mit Konservenmusik beschallt, die jeden guten Gedanken tötet, bevor sie auch noch das Gehör zerstört.

Ein paar Leserinnen und Leser erinnern sich vielleicht, wie ich meinen ersten Laptop „Fink“ getauft und mit ihm gestritten habe, als sei er ein Volltrottel. Neulich habe ich mir wieder einen kleinen Computer für mobile Operationen zugelegt. Immer zu Hause an die Wand zu starren macht depressiv, sagte ich mir, und im Büro geht es zu wie früher bei der Nasa, wenn sie eine bemannte Raumfahrt plante. Unter diesen Umständen ist die eigene Stadt weiter weg als der Mond. Der Traum vom Kaffeehausschreiber ist zugegeben etwas kindisch. In meinem Alter ist man froh, ohne besorgte Blicke der Kellnerin einen doppelten Espresso zu bekommen. Würde ich auf einem Computer herumhacken, würde sie womöglich den Notarzt rufen.

Überhaupt ist es nach meinen jüngsten Erfahrungen nicht ratsam, zu viel Technik einzusetzen. Längst ist es ja Routine oder gar Sucht, mit dem Fotoapparat des Taschentelefons herumzufuchteln: Sehe ich was Auffälliges, knipse ich es. Das ist, weiß ich heute, brandgefährlich.

Neulich kam ich in der Katharinenstraße am Bolzplatz vor dem Züblin-Parkhaus vorbei. Der Platz wird von einem großmaschigen Gitter abgeschirmt, dahinter spielten kleine Jungs Fußball. Das Parkhaus soll in fünf Jahren abgerissen werden und die Gegend rund um den Leonhardsplatz neu gestaltet werden. Knipse den Betonkasten, sagte ich mir, er wird dich noch beschäftigen. Also ging ich zum Gitter. Und weil ich, wie es die Ehre des Sportreporters verlangt, unbedingt den Ball der Spieler im Vordergrund festhalten wollte, verfolgte ich eine Weile gebannt das Match durch mein Taschentelefon. Erst als ich die Kugel erwischt hatte, ging ich, künstlerisch befriedigt, meines Wegs.

Einige Meter weiter landete ich vor dem Drei Mohren, einem rustikalen Gasthaus mit gutem, reellem Essen, in dem ich gern einkehre. Der Name des Lokals irritiert seit einiger Zeit politisch korrekte Zeitgenossen. Schon öfter wurde ich gefragt, ob ich keine Bedenken hätte, dieses Gasthaus aufzusuchen. Nicht nur der Name klinge rassistisch, auch die Skulptur an der Fassade sei mehr als grenzwertig: Über dem Gasthausschild stehen auf einem Mauer­vorsprung drei junge Herren mit schwarzer Hautfarbe und lockigem Haar, bekleidet mit goldenen Lendenschürzen, geschmückt mit Halskette und Ohrringen.

Das Lokal Drei Mohren hat eine abenteuerliche Geschichte. Bis 1977 stand es in der Friedrichstraße in der Nähe des Kleinen Schlossplatzes, ehe es – wie viele andere schöne Dinge in der Stadt – einem Büroklotz weichen musste. Die Brauerei-Manager konnte man damals davon abhalten, das jahrhundertealte Lokal komplett dem Erdboden gleichzumachen: Sie lagerten Mobiliar und Fachwerkfassade des Hauses so lange ein, bis sie einen neuen Platz dafür fanden. Seit den Neunzigern schmückt das Gasthaus die Pfarrstraße.

Da ich schon mal in der Gegend war, knipste ich auch die Drei-Mohren-Fassade – und zoomte die drei Jungs in den goldenen Lendenschürzen zu mir heran. Eines Tages, sagte ich mir, wird dich dieses Politikum einholen. Schließlich hat man auch den „Mohrenkopf“ aus dem öffentlichen Sprachraum verbannt.

Ich selbst bin im Fall Drei Mohren eher gelassen: Weder beim Namen noch beim Wandrelief kommen mir rassistische Gedanken. Auch habe ich vor dem Kampf um Bürgerrechte zu viel Respekt, als dass ich die Menschenwürde der Schwarzen durch ein Stuttgarter Wirtshaus gefährdet sähe. Im Namen von Martin Luther King und Angela Davis, von Malcolm X und Muhammad Ali: Als kleines Weißbrot aus dem Kessel maße ich mir kein Urteil an.

Das Leben ist hart. Nur Sekunden nach meinem großen Gasthaus-Shooting wurde ich von einem Polizistenpärchen in Uniform gestellt: Personenkontrolle! Scheiße, dachte ich, jetzt hängen sie dich wegen Rassismus. Auf meine Frage, weshalb ich mich als freilaufender Bürger am helllichten Tag ausweisen müsse, nannte mir der männliche Teil des Duos allerdings einen anderen fürchterlichen Tatverdacht: „Sie wurden beobachtet, wie Sie Kinder gefilmt haben.“

Ich sackte zusammen: Der Pädophilie verdächtigt, bist du für immer erledigt. Mit letzter Kraft zückte ich mein Taschentelefon, um den Polizisten zu beweisen, was mich in Wahrheit umtreibt. Ich zeigte ihnen Fotos vom menschenleeren Feuersee und einem VfB-Plakat, das ich wegen seines weithin sichtbaren Grammatikfehlers geknipst hatte. Obwohl der Beamte grinste, sah es nicht gut für mich aus: Beobachtet worden war ich zwar nur am Bolzplatz. Da ich aber nach den kleinen Jungs aus Fleisch und Blut auch noch halb nackte junge Herren aus Stein geknipst hatte, hätte sogar ich als Nichtbulle Verdacht geschöpft.

Die Detektive aber erwiesen sich zu meiner Erleichterung als erfahrene Profiler und Bildauswerter: Im Fokus meiner Bolzplatz-Aufnahmen, sagte der männliche Polizist, stehe eindeutig das Züblin-Parkhaus – und kein kleiner Junge. Weil dann auch die drei Mohren auf eine Anzeige verzichteten, konnte ich als freier Mann abziehen, ein Wirtshaus aufsuchen – und diese Geschichte in meinen neuen Computer tippen.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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