Bauers Depeschen


Freitag, 03. März 2017, 1749. Depesche


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HEUTE DEMO FÜR DENIZ YÜCEL

Am heutigen Freitag findet auch in Stuttgart eine Kundgebung für den in der Türkei eingekerkerten Journalisten Deniz Yücel und seine ebenfalls inhaftierten Kolleginnen und Kollegen statt: Türkisches Konsulat, Kernerplatz 7, Beginn 16 Uhr. Veranstalter sind Die AnStifter.



FLANEURSALON IN DER FRIEDENAU

Den nächsten Flaneursalon gibt es am Donnerstag, 6. April, in der geschichtsreichen Theater-Gaststätte Friedenau in Ostheim. Auf die Bühne gehen der Entertainer Roland Baisch und sein Gitarrist Frank Wekenmann, die Sängerin Thabilé und ihr Gitarrist Steve Bimamisa. Ich mache auch mit. Beginn 20 Uhr. Bewirtung im Saal ab 18 Uhr.

Reservierungen: 0711/2 62 69 24.



HELGE SCHNEIDER

Zum Glück haben wir einen radikalen Clown. Am Donnerstagabend hat er in der Liederhalle die deutsche Nationalhymne auf dem Cello zersägt.



Der Klick zum

LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne.



KESSEL-WINDE

Stuttgart, habe ich gelesen, war die erste deutsche Stadt mit einem Hallenbad und die zweite mit einem Krematorium. Einen Zusammenhang zwischen den Sehnsüchten nach Wasser und Asche kann ich im Moment nicht herstellen. Heute kenne ich in der Stadt ein paar Friedhöfe, deren Ruhe und Schönheit mich manchmal fast daran hindern, noch mal den Heimweg anzutreten. Allerdings bin ich nicht so leichtsinnig, meinen Lieblingstotenacker zu verraten. Weil es in Stuttgart so wenige gute zugängliche Plätze gibt, müsste ich fürchten, dass man schon morgen eine „Marke“ aus ihm macht.

Neulich ging ich durch die Tübinger Straße, die berühmt geworden ist, weil sich nach einem stadtplanerischen Gewaltakt auf dieser Strecke Auto- und Fahrradfahrer um eine friedliche Koexistenz bemühen sollen. Ich habe ein kleines Lokal mit dem leicht irritierenden Namen Do’s Vietnam Street Food besucht: Auch hier isst man leider nicht von der Straße, sondern wie üblich am Tisch. Gleich neben Vietnam wird demnächst eine Maßschneiderei eröffnet – eine gute Antwort auf die Invasion von Primark in unserer Plunderstadt.

Um mein internationales Metropolen-Gefühl auf den Höhepunkt zu treiben, ging ich nach Huhn Ingwer in die gegenüber liegende Espresso-Bar Mocca. In diesem stilvollen Laden kann man sich selbst dann etwas städtisch fühlen, wenn die Gäste nicht – wie so oft – zur Livemusik tanzen.

Eigentlicher Grund meiner Visite der Tübinger Straße aber war die Paulinenbrücke. Dieser Ort genießt eine gewisse Popularität, seit sich hier Menschen treffen, die keine Wohnung und relativ unkonventionelle Bedürfnisse haben. Exakt in dieser Kulisse spiegelt sich die Großstadt der Gegenwart: ein hässlicher Parkplatz unter der Autobrücke gegenüber dem Einkaufszentrum Das Gerber, daneben Drogenabhängige im Elend. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, vor allem in den Großstädten nimmt die Armut bedrohlich zu, auch in Stuttgart, wo die Mieten explodieren.

Zurzeit denken Stadtplaner und Politiker aller Farben darüber nach, die Gegend unter der Paulinenbrücke neu zu gestalten. Diese Idee ist nicht falsch – Vorgehensweise und Wortwahl aber lassen wieder mal Kurioses ahnen. Der Bezirksvorsteher des Südens prophezeit bereits in lustigem Provinzlerdeutsch, die Paulinenbrücke könne ein „Markenzeichen der Stadt“ werden.

Die Rede ist von Läden im Stil der Fluxus-Nische für Hipster in der Calwer Passage, von Konzertbühnen „für Jugendliche“ und Proberäumen für Musiker. Die Verwaltung im Rathaus, seit Jahrzehnten für ihre devote Haltung gegenüber profitorientierten Investoren bekannt, hat schon mal „Vorbilder“ gefunden – in Berlin, Wien und New York. Wo sonst.

Das Geschwätz von der „Marke“ hat Tradition. Wenn ein schwäbischer Investor ein 16-stöckiges Luxushochhaus hinterm Bahnhof hinstellt, protzt er unter dem Beifall des Stadtkämmerers mit „Stuttgarts neuem Wahrzeichen“ und – ungelogen – „New Yorker Lebensgefühl“. Wenn am Marienplatz ein paar Kneipen eröffnen, spricht der Investor von „einem Stück Berlin“. Und wenn jemand ein neues Konzerthaus als Ersatz für die Oper in der Zeit ihres Umbaus vorschlägt, sagt der Staatstheater-Manager, man segle in Stuttgart gerade „ein bisschen im Wind der Euphorie um die Hamburger Elbphilharmonie“. Noch so eine Kessel-Flatulenz. Bloß nie den Ball flach halten.

Irgendwo zwischen Berlin und Hamburg, Wien und New York weiß auch noch unser Oberbürgermeister was: „Stuttgarts Innenstadt zeichnet sich aus durch eine intensive Dichte kultureller Einrichtungen auf höchstem Niveau. So was finden Sie nirgends.“ Da hat er recht: Institutionen wie Kunstmuseum, Kunstverein und Staatsgalerie bilden zwar auch in anderen Städten eine Achse – ­nirgendwo aber wird eine solche urbane Verbindung so brutal zerhackt wie bei uns, wo die hässliche Stadtautobahn namens Konrad-Adenauer-Straße das Kulturquartier tranchiert und die Staatsgalerie ins Abseits verdrängt.

Nebenbei bemerkt: Anderswo gibt es durchdachte Stadtarchitektur wie die Berliner Museumsinsel oder das Frankfurter Museumsufer. Unsereins wäre schon glücklich über ein paar Meter ausgebauten Neckarufers mit einer anständigen Kneipe (die Gaststätte Keefertal hat mal wieder geschlossen). Die von Kuhn als einzigartig gepriesene Kulturstätten-Dichte in der – sogenannten – Innenstadt wird im Übrigen so lange überschätzt, wie diese Häuser nicht was Gemeinsames auf die Beine stellen. Allein die Tatsache, dass Kinos, Theater und Museen fußläufig erreichbar in der Stadt herumstehen, schafft noch kein atmosphärisches Zentrum.

Jede Weitsicht oder gar städtebauliche Vision verhindert doch seit Jahren der Tunnelblick beim Bau des vom Größenwahn gesteuerten Immobilienprojekts Stuttgart 21. Wenn sich neuerdings einige Promis mit einer Initiative namens Aufbruch Stuttgart inszenieren, zeigt das nur, dass hinter S 21 nie ein städtebaulicher Gedanke steckte. Sonst würde man nicht erst jetzt damit anfangen, die jahrzehntealte Idee von einer Kulturmeile ohne den lebensgefährlichen Autobahnabschnitt aufzuwärmen. Den wahren Aufbruch Stuttgarts kann man im Übrigen in der Nähe der Meile im Schlossgarten neben der Bahnhofsruine sehen.

Zurück auf die Tübinger Straße: Gleich neben der Paulinenbrücke steht das Gotteshaus St. Maria. Weil man diese Kirche im Dorf gelassen hat, wäre sie ein geeigneter Ort für einige Politiker, mal in Ruhe und Demut über Stadtplanung nachzudenken. Zur Bekämpfung der schwäbischen Krankheit beim Blick auf Berlin, Wien und New York empfehle ich einen Besuch im ebenfalls benachbarten Furtbach­-Krankenhaus: In dieser Psychotherapie-Klinik weiß man von jeher mit Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexen umzugehen. Auch Hallenbäder haben wir genug: Etwas Abkühlung könnte den Blick auf die Realitäten schärfen. Dann wäre Stuttgart vielleicht einfach Stuttgart – und groß genug.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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