Bauers Depeschen


Dienstag, 24. Januar 2017, 1730. Depesche


Permalink zu dieser Depesche: www.flaneursalon.de/de/depeschen.php?sel=20170124





LIEBE GÄSTE,

ich freue mich über Zuschriften auf meiner Seite, über Kommentare, Anmerkungen, Tipps - einfach hier klicken: BEITRÄGE schreiben im LESERSALON.

Und ich freue mich, wenn Sie unseren Flaneursalon live besuchen - beispielsweise am Donnerstag, 9. Februar, im Esslinger Kabarett der Galgenstricke und am Montag, 20. Februar, im Stuttgarter Gustav-Siegle-Haus, wo wir den fast vergessenen Kleinen Saal mit seiner Kronleuchterkulisse wiederbeleben: mit Stefan Hiss, Marie Louise (voc) & Zura Dzagnidze (g) und Timo Brunke (Conférence). Hier gibt es Karten: online EASY TICKET und telefonisch 07 11/ 2 555 555.  



Der Klick zum

LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



IM EIMER

Es gibt diese Tage, an denen es lange vor Einbruch der Nacht dunkel wird, und nicht jede Unterbelichtung in dieser Stadt kann ich auf den Feinstaub schieben. Dunkel vor meinen Augen wurde es zuletzt am helllichten Sonntag. Die Stiefel für einen Ausritt hatte ich schon angezogen, als ich mir dachte: Welchen Sinn könnte es noch haben, mich irgendwo in der heimischen Prärie herumzutreiben? In Heumaden, Muckensturm oder Obertürkheim, nur um ein paar Merkwürdigkeiten in der Weltabgeschiedenheit für eine Kolumne namens „In der Stadt“ zu notieren?

Das sind die Tage, an denen mir die Stadt weniger interessant erscheint als die letzten Reste des abnehmenden Mondes und es mir nicht mehr gelingt, auch nur einen Zipfel Welt in ihr zu entdecken. Dieses Gefühl kommt auf, wenn die Welt unterzugehen scheint, also gar nicht so selten.

In einer Kurzgeschichte namens „Azur“ des amerikanischen Schriftstellers Kurt Vonnegut bin ich neulich auf ein nicht nur phonetisch erregendes Wort gestoßen: Es lautet „snafu“ und wurde im Zweiten Weltkrieg von amerikanischen Soldaten geprägt – als Abkürzung von „situation normal, all fouled up“ (Situation normal, alles im Eimer). Kurt Vonnegut (1922 bis 2007) war ein Zukunftspessimist, folglich ein Mensch voller Humor.

Man spricht im Januar 2017 nach Christus, sofern ich die Weltendeuter richtig verstehe, von einer „Zeitenwende“. Angeblich wenden sich die Zeiten, seit der berühmteste Donald dieser Welt mit Nachnamen nicht mehr Duck, sondern Trump heißt. Laut Wikipedia leitet sich der Name Donald von den keltischen Wörtern „dumno“ (Welt) und „dvalo“ (Herrscher/mächtig) ab. Das weiß heute jedes Kind, weil es ja schon im Lifestyle-Laufstall ­gelernt hat, dass Typen wie dieser Donald „spooky“, „creepy“ oder „scary“ sind, also gespenstisch, erschreckend, unheimlich – jedenfalls uncool wie überhaupt „die Staaten“, wie unsere Vorstadt-Hipster sagen.

Man könnte allerdings auch zu dem Schluss kommen, dass die Situation schon deshalb normal und alles wie gewohnt im Eimer ist, weil das amerikanische Präsidentenproblem weiß Gott nicht neu ist. Charlie Chaplin, der 1952 die USA für einen England-Besuch verlassen und dann große Probleme mit der Wiedereinreise hatte, weil ihn die US-Behörden für eine kommunistische Gefahr hielten, sagte später: „Ich würde nicht mal zurückgehen, wenn Jesus Christus Präsident wäre.“ Er blieb in der Schweiz, wo er am 25. Dezember 1977 starb – weshalb wir kommende Weihnachten seinen 40. Todestag und wieder einmal seine großen amerikanischen Filme würdigen werden.

Chaplin kommt mir heute gerade recht, um in meiner Kolumne schon zum dritten Mal – und ohne jede Hoffnung auf Beachtung – den in Stuttgart geborenen Filmautor, Dichter und Kulturmanager Karl Gustav Vollmoeller zu erwähnen. Dieser Weltbürger war einst ein Freund und Begleiter Charlie Chaplins. 1948 starb er in Los Angeles. Die Schauspielerin Ruth Landshoff-Yorck ließ 1951 seine sterblichen Über­reste auf den Stuttgarter Pragfriedhof überführen. Trotz seiner unglaublichen Lebens­geschichte ist er bei uns so gut wie vergessen, weil diese aufregende Stadt bekanntlich spannendere Geschichten behandelt. In einer Arztpraxis entdeckte ich neulich in einem „Lifestyle-Magazin“ den Lieblingswitz des VfB-Präsidenten und ehemaligen Stuttgart-21-Sprechers ­Dietrich: „Der Mittelstürmer humpelt vom Fußballplatz. Besorgt kommt ihm der Trainer entgegen und fragt: ,Schlimm verletzt?‘ Der Mittelstürmer: ,Nein, mein Bein ist nur eingeschlafen!‘“

Die Lust auf Stuttgart-Geschichten verliere ich gelegentlich, wenn mich als Herumstiefler das Gefühl überkommt, im Moment gehe es um wichtigere Dinge als um Heimatkunde. Dann mache ich oft den Fehler, die kleine Welt im Glauben zu meiden, die große in der digitalen Klimperkiste zu entdecken. Donald Trump steht ja nicht nur für eine amerikanische Gruselfigur mit verrutschter Frisur. Inzwischen erinnert er an Charlie Chaplins Film „Der große Diktator“, das Symbol für die Revolution der Rechten und Nazis, die sich auch in Europa und vor unserer eigenen Haustür anzubahnen droht.

Womöglich wäre es zurzeit wichtiger, die Rechtsextremen in unserem Landtag zu beobachten, als auf dem Friedhof nach den Spuren anständiger Stuttgarter zu suchen. Der Tag könnte kommen, an dem man sich fragen lassen muss: Warum hast du nichts getan?

Diese Art Zukunftspessimismus ist keineswegs nur von schwarzen Gedanken geprägt. Die Haltung „Situation normal, alles im Eimer“ lässt in Wahrheit prächtig viel Spielraum, die Dinge mit Lust anzupacken. Schließlich hätte ich diese GI-Maxime nicht erwähnt, stünde sie nicht im Buch eines Satirikers wie Kurt Vonnegut. Von einem wie ihm kann man lernen: Nicht die Hoffnung – der Humor stirbt zuletzt.

Das haben wir gerade beim Protestmarsch der Frauen in Washington gegen Trump gesehen: Da griff der Präsident als Plakatschreck der Freiheitsstatue in den Schritt, jener Miss Liberty, die der sechzehnjährige Karl Roßmann in Franz Kafkas Roman „Amerika“ bei seiner Ankunft in New York erblickt: „Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.“

Diese freien Lüfte waren es, die mich als jungen Kerl ohne Fernseher von Amerika träumen ließen. Und bis heute, nach reichlich verschlissenen Levi’s-Jeans, bin ich überzeugt, dass der eine oder andere von den Amis vernünftigere Dinge gelernt hat, als uns grausame Anglizismen wie „Maultaschen to go“ vorzukauen. Damit bin ich am Ende doch wieder vor der eigenen Haustür gelandet, und selbst wenn ich sie hinter mir zumache, werde ich der Zeitenwende nicht entkommen. Nichts ist mehr, wie es war – aber noch nicht alles im Eimer. Und nicht jedes Hirn eingeschlafen.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

Archiv 


Depeschen 1861 - 1875

Depeschen 1831 - 1860

Depeschen 1801 - 1830

Depeschen 1771 - 1800

Depeschen 1741 - 1770

Depeschen 1711 - 1740
13.02.2017

10.02.2017

08.02.2017
07.02.2017

06.02.2017

04.02.2017
31.01.2017

30.01.2017

28.01.2017
26.01.2017

24.01.2017

23.01.2017
22.01.2017

21.01.2017

19.01.2017
17.01.2017

13.01.2017

11.01.2017
05.01.2017

01.01.2017

31.12.2016
28.12.2016

24.12.2016

22.12.2016
20.12.2016

19.12.2016

15.12.2016
13.12.2016

12.12.2016

08.12.2016

Depeschen 1681 - 1710

Depeschen 1651 - 1680

Depeschen 1621 - 1650

Depeschen 1591 - 1620

Depeschen 1561 - 1590

Depeschen 1531 - 1560

Depeschen 1501 - 1530

Depeschen 1471 - 1500

Depeschen 1441 - 1470

Depeschen 1411 - 1440

Depeschen 1381 - 1410

Depeschen 1351 - 1380

Depeschen 1321 - 1350

Depeschen 1291 - 1320

Depeschen 1261 - 1290

Depeschen 1231 - 1260

Depeschen 1201 - 1230

Depeschen 1171 - 1200

Depeschen 1141 - 1170

Depeschen 1111 - 1140

Depeschen 1081 - 1110

Depeschen 1051 - 1080

Depeschen 1021 - 1050

Depeschen 991 - 1020

Depeschen 961 - 990

Depeschen 931 - 960

Depeschen 901 - 930

Depeschen 871 - 900

Depeschen 841 - 870

Depeschen 811 - 840

Depeschen 781 - 810

Depeschen 751 - 780

Depeschen 721 - 750

Depeschen 691 - 720

Depeschen 661 - 690

Depeschen 631 - 660

Depeschen 601 - 630

Depeschen 571 - 600

Depeschen 541 - 570

Depeschen 511 - 540

Depeschen 481 - 510

Depeschen 451 - 480

Depeschen 421 - 450

Depeschen 391 - 420

Depeschen 361 - 390

Depeschen 331 - 360

Depeschen 301 - 330

Depeschen 271 - 300

Depeschen 241 - 270

Depeschen 211 - 240

Depeschen 181 - 210

Depeschen 151 - 180

Depeschen 121 - 150

Depeschen 91 - 120

Depeschen 61 - 90

Depeschen 31 - 60

Depeschen 1 - 30




© 2007-2017 AD1 media ·