Bauers Depeschen


Dienstag, 17. Januar 2017, 1725. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

der Flaneursalon ist am Donnerstag, 9. Februar, zum zweiten Mal im Kabarett der Galgenstricke, in einem schönen Gewölbekeller mitten in der Esslinger Altstadt - diesmal mit Zam Helga, Ella Estrella Tischa und Timo Brunke.

Dann freue ich mich auf die Wiederbelebung des Kleinen Saals im Gustav-Siegle-Haus mit seiner Kronleucher-Kulisse: Flaneursalon am Montag, 20. Februar, mit Stefan Hiss, Marie Louise (voc) & Zura Dzagnidze (g) und Timo Brunke. Ein Heimspiel im Leonhardsviertel. Karten: online EASY TICKET und telefonisch 07 11/ 2 555 555.



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LIED DES TAGES



BEOBACHTER

Ich hab’ mir angewöhnt, morgens ein paar Minuten in den Straßen frische Feinstaubluft zu schnappen, bevor ich mich an den Schreibtisch setze. Womöglich erhöht diese Art Frühgymnastik den psychedelischen Gehalt meiner Texte. Gestern lag frischer Schnee in den Straßen, was leicht die Illusion wecken könnte, zwischen den Politikern und ihren staubigen Geschäften finde man gelegentlich auch mal eine weiße Weste in dieser Stadt.

Neulich sah ich in der U-Bahn-Station einen SSB-Trupp Männer und Frauen in orangenen Westen mit der Aufschrift: „Beobachter“. Verdammt, dachte ich, zieht diese Dinger aus: Erstens ist dieses Geschäft meine Domäne, und zweitens stapft kein vernünftiger Stadtforscher mit dem Aufdruck „Beobachter“ herum. Ich malte mir schon aus, wie die SSB-Beobachter überall ihre Nase reinstecken und als orangene Helfershelfer-Sheriffs diesen schwarzen Hilfssheriffs mit ihren lächerlichen Stablampen dienen – und dringend von den letzten freien Bürgern beobachtet werden müssten.

Ein Anruf bei der SSB ergab Entwarnung: SSB-Beobachter sind arbeitende Menschen, die zum Erlernen des richtigen Lebens bei Feuerwehr- oder Polizeiübungen zuschauen oder mit der Straßenbahnfahrschule unterwegs und nicht richtig aktiv sind. Man könnte sie als Zuschauer bezeichnen und damit als meine Kollegen: Auch ich schaue ja dem Leben zu – wobei es nicht anständig wäre, ein Leben lang die Beobachterweste zu tragen, ohne auch mal die Ärmel hochzukrempeln.

Einen wärmenden, ganz und gar unsentimentalen Beobachterblick öffnet einem die Leonhardskirche, wo sich in diesen Tagen viele versammeln, die unter der Kälte besonders leiden. Bekanntlich gibt es in diesem Haus die Vesperkirche. Bis zum 4. März ist sie Obdachlosen und anderen Bedürftigen für eine Mahlzeit und kulturelle Nahrung geöffnet.

Zum Auftakt trat am Sonntag der Chor der Initiative Zuflucht Kultur e. V. in der voll besetzten Leonhardskirche auf, diesmal mit 15 syrischen und afghanischen Männern unter der Leitung der Stuttgarter Opernsängerin Cornelia Lanz. Die Zuflucht­Ensembles haben es in den vergangenen Jahren zu beachtlichem Ansehen gebracht, sie stehen für eine Haltung im Umgang mit Geflüchteten und ihrer Integration. Das Konzert in der Leonhardskirche, eine so berührende wie vergnügliche und informative Lektion über arabische und deutsche Lieder mit dem erstklassigen Solisten und Gitarristen Mazen Mohsen, geriet aus aktueller Brisanz auch zu einer Demonstration gegen die politische Rigorosität dieser Republik: Der afghanische Zahnarzt, Altenpfleger und Bühnenkünstler Ahmad Shakib Pouya, seit sechs Jahren in Deutschland und in der Flüchtlingsarbeit der IG Metall engagiert, soll auf Anordnung des bayerischen Innenministeriums abgeschoben werden. Erst vergangenen Samstag wirkte er in München noch mal im Ensemble des Zuflucht-Projekts „Zaide. Eine Flucht“ mit, einer Oper von Wolfgang Amadeus Mozart. Kurz zuvor war Poysas bevorstehende Abschiebung nach Afghanistan nur durch Protest vieler Bürger in letzter Minute verhindert worden, wie auch seine für vergangenen Sonntag geplante Abschiebung. Jetzt will er an diesem Freitag freiwillig ausreisen, weil die Härtefallkommission erst am 26. Januar tagen wird.

Bei dem Stuttgarter Chor-Gastspiel in der Leonhardskirche am Sonntag war er nicht dabei – anders als Ende 2014 bei dem großartigen Auftritt des Stuttgarter Zuflucht-Ensembles in der ZDF-Sendung „Die Anstalt“. Die Resonanz auf dieses bittere, unvergessliche Finale in Max Uthoffs und Claus von Wagners Kabarettshow war enorm. Im Jahr darauf übernahm ein gewisser Herr Kretschmann die Schirmherrschaft für das Projekt „Zaide“. Heute ist er im Chor der Grünen einer der schärfsten Befürworter von Abschiebungen nach Afghanistan – wohin die Bundeswehr wegen der Gefahrenlage noch mehr Soldaten als bisher schicken will. Die Chorleiterin Claudia Lanz sagte in der Vesperkirche, man wolle jetzt noch mal alles tun, damit Pouya in Deutschland bleiben dürfe: „Aber das Damoklesschwert hängt über uns.“

Chöre an sich gehören zu den besten Einrichtungen überhaupt, um das Miteinander von Menschen aus verschiedenen Zivilisationen, Kulturen und sozialen Schichten zu erlernen und zu erfahren. Das gilt nicht nur für die Integration von Ausländern und das Verständnis Einheimischer gegenüber Geflüchteten und umgekehrt. In der Vesperkirche hat sich ja schon vor Jahren der Chor rahmenlos & frei gegründet: Obdachlose singen und musizieren zusammen mit Zeitgenossen, denen es besser geht. Die Leitung des Ensembles hat Patrick Bopp, unter anderem Mitglied der erfolgreichen A-cappella-Band Die Füenf.

Eine der Solosängerinnen im Chor ist die Obachlose Cristina, die mir in der Vesperkirche begegnet. Zusammen mit Freunden gehen wir zum Essen in ein Lokal, in dem der Chef nichts dagegen hat, Cristinas kleine Gepäckwagen mit ihrem Allernötigsten unterzubringen. Beim Plaudern wird klar, wie wichtig der Chor für ihr Leben ist, einem Leben auf der Straße – entgegen aller Vorurteile ohne Alkohol oder anderen Drogen.

Der Vesperkirchenchor rahmenlos & frei wird in diesem Jahr zum zweiten Mal nach 2011 bei der „Nacht der Lieder“, der Benefiz-Show zugunsten der Aktion Weihnachten der Stuttgarter Nachrichten, im Theaterhaus auftreten. Der Vorverkauf läuft sehr gut, mehr als zwei Drittel der Karten für die Show am 5. und 6. Dezember sind bereits weg.

Und weil Chöre Gemeinschaften sind, die helfen, Grenzen in jeder Hinsicht zu überwinden und die Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Menschen zu erfahren, habe ich Cornelia Lanz in der Kirche gefragt, ob ein Ensemble von Zuflucht Kultur bei der „Nacht der Lieder“ 2018 mitmachen könne. Inzwischen hat sie zugesagt, und damit dürfte klar sein, warum es gelegentlich ganz nützlich ist, auch bei Kälte als Beobachter in der Stadt herumzustiefeln.

 

 

im Nordbahnhof-Areal
 

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